Filmbesprechung „La La Land“, USA 2016

In Hollywood gibt es noch Filmmusicals? Lebt dieses Genre nicht eigentlich nur noch in der Erinnerung? Schon vor langer Zeit hat die goldene Traumfabrik sich selbst archiviert. Fast parallel dazu erlebte auch der Broadway einen Umbruch, als junge Autoren begannen, seine Intentionen spielerisch zu hinterfragen. Aber Hollywood ist immer zurückgeschreckt vor diesem neuen Repertoire. Es interessiert sich nicht für den intellektuellen Sondheim („Sweeney Todd“ 2007) oder das zynische Duo Kander und Ebb („Cabaret“ 1972 und „Chicago“ 2002) – die Ausbeute an Verfilmungen ist mager. Die Liste anderweitig ambitionierter Filmmusicals ist ebenso kurz: Barbra Streisands „Yentl“ (1983) ist zu kitschig und Woody Allens „Everyone Says I Love You“ (1996) womöglich zu albern.

Damien Chazelle schafft mit „La La Land“ das, was Baz Luhrmann 2001 mit Moulin Rouge! nicht gelungen ist: eine wundervolle Seifenblase aus der Badewanne des ertränkten Filmmusicals aufsteigen zu lassen. Doch wen besetzt man, wenn die Quelle an traditionellen Filmmusicalstars versiegt ist? Das Repertoire des Musicaltheaters reizt die Filmindustrie offenbar ebenso wenig wie seine Interpreten. Dass ein Broadway-Star sich mit unnachahmlicher Strahlkraft von der Bühne ins Filmstudio katapultiert hat, ist über fünfzig Jahre her. Nehmen wir also einfach zwei herkömmliche gutaussehende Filmschauspieler. Ihre nicht vorhandenen Gesangsstimmen stehen Chazelles Konzept nicht im Weg. Vielmehr schlagen sie eine Brücke zum Scheinrealismus des zeitgenössischen amerikanischen Blockbusters.

„La La Land“ verwebt hier Elemente auf absolut gleichwertiger Ebene: eine Handlung in der Gegenwart, naive, schnörkellose Dialoge und Liedtexte, eine Aufsteiger-Story, eine Romanze – alles verpackt als Reise durch die Geschichte des amerikanischen und europäischen Filmmusicals. Die Bilder hätte nur ein Vincente Minnelli oder Stanley Donen so komponieren und ausleuchten können. Die Farbigkeit der Ausstattung erinnert an das übersprudelnde MGM-Produkt ebenso wie an Jacques Demys französische Musicals der 60er Jahre. Und fast wie Catherine Deneuve damals, vermag es auch Emma Stone jetzt, uns mit ihren großen Augen zum Träumen zu provozieren.

An einem ähnlichen Thema über den Werdegang zweier Künstler hat sich schon vor vierzig Jahren Martin Scorsese mit „New York, New York“ versucht, aber zu sehr in das bitterböse Psychodrama seiner beiden Hauptfiguren verbissen. Deren so verheißungsvolle Besetzung, diese hochinteressante Paarung von Robert De Niro und Liza Minnelli, fand sich sehr schnell in der Welt des Klischees wieder. Etwas, das Chazelle hier zitiert, aber virtuos umgeht. Haarscharf segelt er immer wieder am Kitsch vorbei, um uns zu zeigen, wie souverän er die Dramaturgie des gefälligen Unterhaltungskinos beherrscht. Selten lotet ein Regisseur so leichtfüßig das Potenzial von Drehbuch und Musik aus. Wenn zu Beginn auf der sonnengefluteten Autobahn alle Fahrer ihre angestauten Wagen verlassen, um zu singen und zu tanzen, ist das nicht unfreiwillig komisch, sondern selbstverständlich, frisch und befreiend.

Chazelle vollbringt gewissermaßen ein kleines, feines Wunder, vor dem andere Regisseure sich fürchten. Er schöpft aus Justin Hurwitz’ vollkommen zeitlosen Kompositionen, die ebenfalls das alte Filmmusical zitieren, mal swingend, mal balladesk, unaufdringlich und zurückhaltend. Und er leitet zwei charismatische Schauspieler an, die natürlich nicht wie Gene Kelly und Leslie Caron tanzen können; aber Vergleiche sind hier unnütz, weil Chazelle den großen Vorbildern nur seinen Tribut zollt und ihnen nicht nacheifert. Seine subtile Verbeugung ist beinahe empörend. Hoffentlich leitet er keine neue Ära des Filmmusicals ein. Es wäre zu viel des Guten.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.