Theaterkritik "Spinnerling" (R: Sara Ostertag)

Henner Momann (Foto: Andreas Etter)
Wenn ein siebenjähriger Junge die Flügel eines Schmetterlings an eine Spinne klebt, um diese Kombination seiner Liebsten zu schenken, ist das rührend - und seltsam. "Spinnerling" nennt er diese Kreuzung, "Spinnerling" wird er von seinem älteren Bruder genannt, der ihn tyrannisiert, während die Mutter der beiden geistesabwesend den normalen Alltag am Laufen hält. Bei dieser kleinen Familie liegt etwas im Argen, das wird schnell klar.

Der "Spinnerling" Hidde (Henner Momann), sein älterer Bruder Jeppe (Daniel Friedl) und ihre Mutter (Anika Baumann): Leben sie miteinander oder nebeneinander? Jenes Miteinander ist ein Thema des diesjährigen SCHÄXPIR-Theaterfestivals im österreichischen Linz, das unter anderem von Regisseurin Sara Ostertag geleitet wird. Ostertag ist dank "Spinnerling" mit einer eigenen Inszenierung vom Staatstheater Mainz vertreten, mit der sie zeigt, wie gut die Auseinandersetzung mit Psychodramen auch auf dem Terrain des Kinder- und Jugendtheaters gelingen kann. Das dementsprechende Publikum lässt sich hervorragend darauf ein.

Alle drei Hauptfiguren müssen ein Trauma verarbeiten und haben sich hierfür ganz eigene Rückzugsorte gesucht: Mutter stürzt sich in die Arbeit, während Jeppe seine überschüssige Energie an seinem Schlagzeug auslässt und der kleine Hidde unten in einem "Geheimkeller" ein Insektenlabor betreibt. Ebenso wie seine Kollegen zeichnet Momann seinen Charakter nicht plakativ. Wie ein kindlicher Professor rollt sich Hidde durch sein Labor, sein kleines Heiligtum, an dem sein junges, unschuldiges Herz hängt, aber Momann führt ihn nicht vor, er lässt uns mitfühlen und mitfiebern.

Hidde und Jeppe führen einen Krieg, der unvermeidlich und unverständlich zugleich ist, in ihren Kinderköpfen logisch, aus der Erwachsenensicht aber deprimierend. Schicksalsschläge führen uns nicht zwangsläufig zusammen, sondern können negative Kräfte auslösen, die das Miteinander zusätzlich erschweren. Daraus darf das Publikum lernen, Ostertag hebt aber nicht den Zeigefinger. Sie bietet uns ein sensibel erzähltes, einfühlsames Familiendrama an, das trotz aller tragischen Aspekte auch komisch ist. Wir lachen über die und zugleich mit den beiden kriegführenden Jungen, die beide über den Keller herrschen und einander einfach nicht verstehen wollen.

Die Aussage, der Interpretationsspielraum der Inszenierung, beruhend auf dem Roman "Spinnerling" von Simon van der Geest, ist großartig. Ein jeder braucht seinen Raum, aber um als Gemeinschaft zu funktionieren, müssen wir uns öffnen und Kompromisse eingehen. Wir dürfen uns nicht verkriechen und verschanzen, sonst stauen sich Emotionen an, die irgendwann explodieren und alle Anspannungen nur noch verschlimmern. Die Inszenierung ist außerdem wertvoll, weil sie uns die Welt aus Kinderaugen sehen lässt. Und wer sieht diese Welt, die auf so sinnlose Weise feindlich, zynisch und kalt sein kann, nicht klarer und ehrlicher als Kinder?
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