Stolpersteine erinnern an jüdische NS-Opfer

  Seeheim-Jugenheim: Ludwigstraße 15- 19 | SEEHEIM-JUGENHEIM. Rund 400 Menschen waren am vergangenen Donnerstag zur Jugenheimer Ludwigstraße 19 gekommen, um die Verlegung von Stolpersteinen mitzuerleben. 11 Stolpersteine hat der Kölner Künstler Gunter Demnig bei der zweiten Stolperstein-Verlegung der Gemeinde in die Gehwege eingelassen.
Fünf Steine erinnern an Heinrich, Julius, Mathilde Karl und Irma Koppel. Vor dem Anwesen Hauptstraße 48 erinnern Steine an Siegfried, Ottilie, Marta und Peter Brodnitz sowie an Louise Türck, geborene Brodnitz. An Moritz Abraham wird vor dem Anwesen Hauptstraße 24 gedacht.
Mehr als 44 000 Stolpersteine hat Gunter Demnig europaweit verlegt. Eine so große Teilnehmerzahl wie in Jugenheim hat er bisher nicht erlebt. Jüdische Musik von der Evangelischen Kirche Jugenheim umrahmte die Veranstaltung. Schüler vom Schuldorf Bergstraße verlasen die Lebensläufe der Opfer.
Aus England waren eigens die Kinder von Louise Türck - Doris, Ruth und Walter – angereist. Der Mutter war 1939 mit ihrer jungen Familie die Flucht gelungen. Nazi-Schergen ermordeten später ihre Eltern und ihre Schwester Marta.
„Die Verlegung der Stolpersteine für unsere Angehörigen ist eine wundervolle Geste für uns Überlebende“, sagte Walter Türck auch im Namen seiner Schwestern. „Er sei Engländer, so dass er an eine Rückkehr nach Jugenheim nie gedacht hätte“, erzählte er. „Seit 1951 sind wir häufig zu Gast hier, haben
unsere lebenden Verwandten und Freunde besucht und die Entwicklung der Gemeinde mit großem Interesse verfolgt“.

„Es war Ziel der Nationalsozialisten, diesen Menschen die Persönlichkeit und die Würde zu nehmen. Sie wollten ihre Identität auslöschen. In den Konzentrationslagern wurden sie zu Nummern gemacht. Nummern, die in die Haut eingebrannt wurden. Nichts, gar nichts sollte Zeugnis ablegen von ihrer Existenz. Die Stolpersteine sind ein wichtiger Beitrag, dass die Nazis ihr Ziel nicht erreicht haben“ erklärte Bürgermeister Olaf Kühn in seiner Ansprache.

80 Jahre nach Hitlers Machtergreifung und 75 Jahre nach der Pogromnacht am 9.November 1938 sei es Zeit, mit diesen kleinen Denkmalen an die früheren Bürger und Nachbarn zu erinnern.

Rathauschef Kühn verurteilte die Würfe mit gestohlenen Stolpersteinen auf die Fenster des Rathauses. „Diese treffen alle demokratisch gesinnten Menschen“, betonte er und berichtete, „dass es eine große Welle der Solidarität mit der Gemeinde ge-be“. „Wir treten gegen den braunen Mob an, aber auch gegen die Gesinnung, dass man einen Schlussstrich unter das Erinnern ziehen soll. Dann haben die Opfer nämlich keine Stimme mehr“, sagte Kühn.
Besonders hob er das Engagement der Schüler vom Schuldorf hervor, die am Abend nach der Verlegung eine Lichterkette organisiert hatten. An dieser Demonstration gegen rechten Hass nahmen so viele Menschen teil, dass die Menschenkette von der Hauptstraße bis weit über die Ludwigstraße reichte.
Joachim Dietermann, der die Veranstaltung moderierte, kündigte die nächste Stolpersteinverlegung für Mai kommenden Jahres in Seeheim und die Ausstellung „Der Alltag jüdischer Kinder während des Holocausts“ im Januar im Rathaus an.


psj


Pressestelle der Gemeinde Seeheim-Jugenheim
Pressesprecher Karsten Paetzold
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