Hochradioaktiv strahlende Atomabfälle belasten unsere Zukunft

Horst Kowarsch, Henrik Paulitz und Manfred Ertl
GRÜNE bieten Bürgerinformation: Fachliche Bilanz einer gescheiterten Energiepolitik

Höchst/Odenwaldkreis – Zum Thema "Atommüll und Generationengerechtigkeit" sprach jetzt der Wissenschaftler und Publizist Henrik Paulitz auf der zweiten Veranstaltung der „Bürgerinformationen zur Energiepolitik“, mit denen die Kreistagsfraktion von BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN eine dezentrale und bürgernahe Energiewende im Odenwald voranbringen will. Nach dem Auftaktvortrag des Erneuerbare-Energien-Experten Hans-Josef Fell in Erbach, kam Henrik Paulitz als Fachreferent für Energie der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung e. V. (IPPNW) nach Höchst. Die anerkannte Ärzteorganisation setzt sich "für eine friedliche, atomtechnologiefreie und menschenwürdige Welt" ein. 1985 wurde sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Unter dem unmittelbaren Eindruck des Schocks der Nuklearkatastrophe von Fukushima nach vorheriger Rücknahme des Ausstiegs und sogar einer Laufzeitverlängerung haben die Regierenden in Deutschland auf den massiven Widerstand in der Bevölkerung reagiert und 2011 die Abschaltung aller Atomkraftwerke bis 2022 beschlossen. Wie der Referent dazu allerdings anmerkte, ist der Atomausstieg unvollständig, weil die Brennelemente-Fabrikation in Deutschland trotzdem weiter geht. Die Atomenergienutzung sollte weltweit beendet werden, um angesichts der völlig ungelösten Entsorgungsfrage der weiteren Vermehrung der hochradioaktiv strahlenden Atomabfälle endlich Einhalt zu gebieten.

Weltweit gibt es kein einziges funktionierendes Endlager. Der radioaktive Atommüll werde in provisorischen Zwischenlagern gelagert, wie z.B. beim abgeschalteten Atomkraftwerk Biblis. „Es kann und wird kein absolut sicheres Endlager geben“, sagt der Referent, dennoch sei Endlagersuche jetzt die dringlichste Aufgabe, Langzeitsicherheit das wichtigste Gebot. „All unsere Bemühungen müssen darauf zielen, eine nach menschlichem Ermessen verantwortbare Lösung zu gewährleisten, die dem atomrechtlichen Maßstab einer „bestmöglichen“ Sicherheit nach dem Stand von Wissenschaft und Technik entspricht.“

„Unverantwortlich wäre es, die von der Atomindustrie produzierten Lasten und Risiken für Gesundheit und Umwelt auf die nachfolgenden Generationen, auf Kinder und Enkel zu verschieben, ihnen den ganzen Mist hinterlassen, statt solide und vernünftig ans Werk zu gehen, und jetzt das zu tun, was getan werden kann und muss.“ Mit kritischem Blick vermerkt der Referent das Interesse einer entstehenden Atommüll-Industrie, mit der Ein- und Auslagerung von Atommüll zu einem neuen lukrativen Geschäftsmodell zu kommen. Zum Schutz künftiger Generationen müsse die Etablierung eines „Ewigkeitsgeschäfts mit dem Atommüll“ verhindert werden.

Bei dieser Endlagersuche sei die Verantwortung und Wachsamkeit der Anti-Atomkraft-Bewegung und einer kritischen Öffentlichkeit gefordert. Als unabdingbar für die Akzeptanz der wissenschaftlich-technischen Expertise zur Endlagersuche sieht der Fachreferent eine von Industrie- und Lobbyinteressen freie Forschung. „Nur durch die Partizipation der Bürger und verantwortungsvollen Dialog können wir dahin kommen, einen Standort bzw. eine Lösung zu finden, die verantwortbar ist und auch die Zustimmung der Menschen einer betroffenen Region findet.“

Auch bezüglich der Strompreise forderte der Fachreferent für Energie Transparenz und Offenlegung der Kostenrechnung. „Die Atombetreiber rechnen sich arm, legen die Kosten über erhöhte Strompreise auf die Bevölkerung um, und wollen höchstmögliche Gewinn-spannen realisieren. Warum akzeptiert die Gesellschaft diese Vorgänge?“, fragte Paulitz.

Den anregenden Ausführungen von Henrik Paulitz schloss sich eine lebendige Diskussion der Veranstaltungsbesucher an. Höchst skeptisch war man die Endlager-Suche betreffend, und Unmut traf die Milliardengewinne und staatliche Subventionen kassierende Atomlobby, die Verluste und ungelöste Probleme auf Stromkunden und die Allgemeinheit ablädt. Die mit der Atomkraft oft verbundene Fortschrittseuphorie früherer Jahre ist vollends verflogen. Heinz Scheich (Höchst) erinnerte an die unerhörten Stimmen höchster Repräsentanten der Katholischen Kirche lange vor der Katastrophe in Tschernobyl (1986): der Staat müsse Atomkraftwerke aus ethischen Gründen verhindern, weil keine Sicherheit gewährleistet werden könne und weil wir das Risiko dieser Technologie zukünftigen Generationen nicht aufladen dürfen. Frank Diefenbach (Michelstadt) zitierte in seinem Beitrag das frühe Wort der grünen Bewegung: „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt.“

Für die Kreistagsfraktion der GRÜNEN hatte Sprecher Manfred Ertl den Referenten Henrik Paulitz als Vertreter der „Ärzte in sozialer Verantwortung“ begrüßt und dessen vor fast 20 Jahren 1997 erschienenes Buch „Solare Netze. Neue Wege für eine klimafreundliche Wärmewirtschaft“ den interessierten Teilnehmern bestens empfohlen: „Angesichts der kaum ausgeschöpften Zukunftspotenziale einer dezentralen und bürgernahen Energiewende noch immer von brennender Aktualität.“
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