Hangwind- und Wellenflugsymposion in Bensheim

9000 m über dem Rheintal in einem Segelflieger (Foto: Tomek Ziarko)
 
150 begeisterte Segelflieger verfolgten aufmerksam die spannenden Beiträge im Bensheimer Clubhaus
 
Mitorganisator Peter Franke (SFG Giulini/Dannstadt) bdankte sich bei Marlies Schader (SFG Bensheim) für die tatkräftige Mithilfe

150 Hang- und Wellensegelflieger kommen zum Austausch zusammen

Üblicherweise nutzen Segelflugzeuge im Sommer thermische Aufwinde, um sich ohne Motorkraft in den Himmel zu schrauben. Daneben gibt es bei starkem Wind das Phänomen „Welle“. Diese meteorlogische Erscheinung, in den Alpen auch als Föhn bekannt, ermöglicht es Segelfliegern auch ohne Motorkraft in große Höhen aufzusteigen. Gerade die Rhein-Neckar-Region ist eines der ergiebigsten Hang- und Wellenfluggebiete außerhalb der Alpen.
Segelflieger aus dem ganzen Südwesten trafen sich zum 8. Male im Clubheim des SFG Bensheim, um sich über dieses Thema auszutauschen. Den Organisatoren der SFG Giulini (Dannstadt), dem LSV Worms und des SFG Bensheim gelang es wieder namhafte Referenten zu gewinnen.

9000 Meter im Segelflugzeug über dem Rheintal

Der bekannte Heppenheimer Segelflieger Tomek Ziarko erreichte November letzten Jahres über dem Rheintal eine Höhe von mehr als 9000 Meter. In dieser Höhe nehmen Airliner aus Frankfurt Kurs auf z.B. Mallorca. Spannend, aber auch kritisch, berichtete er von seinem aufregenden Rekordflug in der Westwelle. „Gemütlich war das nicht unbedingt.“ Anschaulich erläuterte er die große mentale Anspannung: Dünne Luft und tiefe Temperaturen von -35 Grad Celsius verändern das Flugverhalten des Flugzeuges, bringen Instrumente an ihre Grenzen. Höchste Konzentration ist erforderlich. Ein kleines Problem mit der Sauerstoffversorgung kann hier sehr schnell tödlich enden. Keine Höhe, in der man sich als Segelflieger dauerhaft aufhalten möchte. Für sein Vorhaben, aus dieser Höhe weiter zu den Vogesen zu gleiten, um die dortigen Wellensysteme zu nutzten, bekam Ziarko jedoch leider keine Freigabe.

Der Rekordflug aus Sicht der Flugsicherung

Jens Beppler, Mitarbeiter der Deutschen Flugsicherung, schilderte den Rekordflug aus der Sicht des Fluglotsen. Er verdeutlichte die Problematik, wenn sich plötzlich ein kleiner Segelflieger in das Reich der großen Verkehrsflieger vorwagen will. „Das ist fast wie einen Radfahrer auf der Autobahn durch den fließenden Verkehr zu lotsen.“ Zum einen sind es die erheblichen Geschwindigkeitsunterschiede zwischen den Flugzeugen. Zum anderen kann ein Segelflieger seine Höhe nicht beliebig mit dem Gashebel eines Motors steuern, sondern ist von den auf- bzw. absteigenden Luftmassen abhängig. Dazu kommt der stark frequentierte Luftraum um Frankfurt. Beppler bat um Verständnis, wenn er bzw. seine Kollegen eine Freigabe für den oberen Luftraum trotzdem manchmal verweigern müssten. Einig war man sich, dass Wellenflüge hohe Anforderungen an den Piloten und seine Ausrüstung stellen und daher nicht für absolute Anfänger geeignet sind.

Streckensegelflug bei Wellenwetterlagen

Dessen ungeachtet können auch junge, talentierte Piloten dank guten Trainingsstandes und sorgfältiger Planung leistungsorientierte Wellenflüge absolvieren. Das bewies der 19jährige Matthias Arnold vom LSV Weinheim, der vergangenen Jahres ebenfalls Höhen von 6000 m erreichte und in der Szene trotz seines Alters kein Unbekannter mehr. In seinem kurzweiligen Vortrag stand nicht die erreichte Höhe im Vordergrund, sondern vielmehr die dadurch gewonnenen Streckenkilometer. Er verweilte daher nicht in einer Welle, sondern glitt von einem Wellengebiet zum nächsten, von Weinheim bis Freiburg und zurück. Er nutzte dazu die Flugdaten aus Wellenflügen verschiedener Kollegen, indem er die dort aufgezeichneten Welleneinstiege vorab als Wegpunkte in seinem Navi einprogrammierte. Damit konnte er einfacher die sich ansonsten nur wage angedeutete Aufstiegszonen finden. Am Ende waren es mehr als 400 km. Seine Vision, eine 1000 km-Strecke mit Hilfe der Wellenaufwinde zu fliegen, erscheint da nicht mehr als Utopie.

Großes Panorama über dem Schwarzwald

Andreas Maurer aus Landau kannte die so genannte Ostwelle des Schwarzwaldes bisher nur aus Vorträgen vergangener Treffen. Im Vorfeld seiner Flugvorbereitung analysierte er genau die aufgezeichneten früheren Flüge der Kollegen. Letztes Jahr schließlich startet er selbst, erwischte den perfekten Tag und die perfekte Welle. Mit phantastischen Bildern in seiner Multimediapräsentation ließ er seinen 7000 m Flug über den Schwarzwald nacherleben. Das Panorama von den Vogesen, Rheintal, über den Bodensee bis zu den Alpen im Süden und bis zur Rhön im Norden, beeindruckte nachhaltig.

Medizinische Aspekte

Dass solche Höhenflüge keine lockeren Spazierflüge sind, wurde spätestens mit Dr. med. Helmar Gais Vortrag allen Zuhörern bewusst. Selbst aktiver Segelflieger (LSV Weinheim), lenkte er die Blicke auf die medizinischen Risiken und Gefahren bei Höhenflügen. Anschaulich beleuchtete er beispielsweise die Problematik der Sauerstoffversorgung in großen Höhen oder die physiologischen Konsequenzen durch den dort herrschenden niedrigen Luftdruck. Zum Schluss gab es neben praktischen Tipps auch viele technische Ratschläge. Dabei war auch der Hinweis, dass die meisten in Segelflugzeugen gebräuchlichen Sauerstoffgeräte (wie EDS) offiziell lediglich bis max. FL 185 zugelassen sind.

Theoretische Hintergründe eines Wetterphänomens

Dr. Robert Feßler präsentierte neue Erkenntnisse über die Entstehung, Aufbau und die theoretischen Vorgänge des meteorlogischen Phänomens „Welle“. Er erklärte anhand Wetterkarten, Rechenmodellen und komplexer Gleichungen, warum und wie über der Rheinebene hoch reichende Wellen entstehen können. Ziel sei es, mit Hilfe von aktuellen Wetterdaten und Computersimulationen noch besser relevante Wetterlagen vorab erkennen und nutzen zu können.

Zum Abschluss gab es neue Informationen zu XCSoar, ein spezielles Freeshare-Programm, das viele Segelflieger für die Navigation nutzen. Max Kellermann, selbst Entwickler, stellte die zukünftige Entwicklungen und Verbesserungen der Software vor. So sollen z.B. aktuelle Wetterdaten oder Flugdaten (z.B. FLARM-Radar, SkyLines) anderer Piloten während des Fluges im Navigationsgerät dargestellt bzw. gegenseitig ausgetaucht werden. Ziel ist eine Vernetzung, um dem Piloten alle relevanten Daten für seinen aktuellen Flugweg zeitnah zur Verfügung zu stellen.
Den gemütlichen Ausklang nutzten die Teilnehmer für persönliche Kontakte und einen regen direkten Erfahrungs- und Informationsaustausch.
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