Alt-Katholisch?

Zum 30.09.16 hat Markus Stutzenberger die Pfarrgemeinde Weiterstadt verlassen und ist in eine andere katholische Kirche gewechselt. Seinen Beruf hat er vorerst behalten: Er ist und bleibt katholischer Pastoralreferent. Viele bedauern seinen Weggang aufgrund persönlicher Wertschätzung seiner umfangreichen Arbeit als Seelsorger in Weiterstadt und den Ortsteilen und fragen sich: Was ist das eigentlich, alt- katholisch? Hierzu einige Erläuterungen.

GESCHICHTE

Die alt-katholische Kirche in Deutschland umfasst nur ein einziges Bistum mit einem Bischof. Sie entstand aus der römisch-katholischen Kirche heraus im Streit vieler Bischöfe mit dem Papst um die Frage, wer in Fragen des Glauben der Letztentscheider sei. Der Papst legte Ende des 19. Jahrhunderts fest, dass er "das Sagen hätte", manche röm.-kath. Bischöfe konnten diesen Weg nicht mitgehen und pochten auf das Wirken des Heiligen Geistes in Bischofsversammlungen, in denen es durch Abstimmung (wie bei der Papstwahl selber) zu einer Entscheidung aus der Kirche heraus, von "unten nach oben" und nicht "von oben nach unten" kommt. Diese unterschiedlichen Ansichten waren nicht mehr in ein Kirchenkonzept einzubringen und führten zu einer alt-katholischen Parallelstruktur neben den 27 übrigen, röm.- kath. Bistümern. "Alt" im alt- kath. Sinne heißt, den Vorgaben Jesu und der alten, antiken Kirche verpflichtet, in der sich das römisch Papstamt geschichtlich erst herausgebildet hat und eben nicht "von Anfang an gottgegeben" ist.

KLEINE KIRCHE

Die Alt-Katholiken haben in Deutschland so etwa um die 17 000 Mitglieder und um die 40 hauptamtliche Pfarrerinnen und Pfarrer, weil sie bewusst in Anlehnung an die Tradition der alten Kirche Frauen das Weiheamt als Diakonin und Priesterin nicht absprechen, wie es die röm.-kath. Kirche tut und nach wie vor mit Diskussionsverboten arbeitet. Sie steht zu ihrer Fehlbarkeit, wie in jeder Institution ist auch in ihrer Struktur nicht alles unangreifbar, aber ich erlebe dort eine größere Ehrlichkeit als bei meinem früheren Arbeitgeber. Es sind alles kleine Gemeinden im Umfang von durchschnittlich 200-300 Mitgliedern. Mit den Großkirchen können wir da zahlenmäßig natürlich überhaupt nicht mithalten. Andererseits: Wenn in einen alt-kath. Gottesdienst dann 20 Personen kommen, sind das schon immerhin 10 % der Gemeinde. Das erreichen die wenigsten Großkirchen, allenfalls vielleicht an Weihnachten oder Ostern. Die Gemeinden haben eine quasi familiäre Struktur. Man kennt sich, hilft sich und unterstützt sich, wo es eben geht. Als Hauptamtlicher kann ich mir wirklich Zeit für den einzelnen Menschen nehmen und muss nicht nur zusehen, so viel wie möglich "gefirmt" zu bekommen, ob da nun ein wirkliches Interesse dahinter steckt oder nicht. Auch bei unseren Gottesdiensten geht es um "Klasse", nicht um "Masse". Von den Zahlen her sind wir vielleicht eher eine Art "Hauskirche" wie in den Anfängen des Christentums, aber Arroganz steht den Großkirchen aus meiner Sicht nicht an, wenn man z.B. nach der Glaubenssubstanz fragt.

NICHT NUR REDEN, HANDELN

Ich schätze am Alt-Katholizismus, dass er sich den Herausforderungen der Moderne nicht mit Antworten"von gestern" stellt und differenziert oder, wie ich es röm.-kath. oft erlebt habe, die Kirche ständig Antworten auf Fragen (z.B. der Sexualmoral) gibt, die sich die meisten Menschen heute Gottseidank gar nicht mehr stellen. Tradition heißt für Alt-Katholiken dann auch nicht, von heute auf morgen einfach alles über Bord zu werfen sondern innerhalb eines langen und manchmal mühsamen Diskussionsprozesses zu überlegen, ob z.B. gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften sakramentalen Charakter haben sollen/können/dürfen oder nicht.
Merkwürdig finde ich schon, dass mich manch einer aus meinem alten Wirkungskreis offenbar allein deshalb nicht mehr kennt, weil ich die Konfession gewechselt habt. Das kann ich nicht nachvollziehen, muss es aber akzeptieren. Jetzt kriege ich keine Ablässe mehr (die ich auch nicht brauche) und kann ohne schlechtes Gewissen am ev. Abendmahl teilnehmen und umgekehrt auch ohne Konfessionsgrenzen dazu einladen. Unlängst sagte ich zu jemandem: "Wir Alt-Katholiken schätzen den Papst, aber wir lassen uns von ihm nicht die Glaubensentscheidungen abnehmen" Die Antwort meines Gesprächspartners: "Dann sind 97 % 'der Römer' im Herzen auch alt-katholisch". So ist es wohl.

GOTTESDIENSTE

Röm.-Kath. Christen werden in alt-katholischen Gottesdiensten kaum einen Unterschied feststellen, was ja auch folgerichtig ist, da die Alt-Katholiken eine Weiterentwicklung des Römischen Katholizismus sind. Leider kennen uns viel zu wenige oder sind vom Wort "alt" irritiert und denken, wir sind "von gestern", was gar nicht stimmt.
Es gibt Gemeinden in Wiesbaden, Offenbach und Frankfurt, in denen man sich vor Ort vom Leben der Alt-Katholikinnen und -Katholiken selber ein Bild machen kann.

Markus Stutzenberger wird am So., den 05.02.17 in seiner Pfarrkirche in Kaufbeuren-Neugablonz von Bischof Dr. Matthias Ring zum Diakon geweiht. Da die alt-katholische Kirche den verpflichtenden Zölibat (Ehelosigkeit) abgeschafft hat, ist seine Priesterweihe für den 23. September 2017 in Mannheim vorgesehen.
www.altkatholiken.de
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.