Der "entkreuzigte" Christus von Weiterstadt

Das Altarkreuz von Gerhart Schreiter. Zum 50- jährigen Kirchenbaujubiläum von St. Johannes d. Täufer

Trotz allen Suchens haben wir in unseren Archiven nie einen Hinweis auf unser Altarkreuz finden können. Ich kann mich noch gut erinnern, dass sich Clemens Sauer und Helmut Link viel Mühe gegeben haben, bei der Vorbereitung unserer Festschrift fündig zu werden. Letztlich war es eine eigenartige Fügung, dass wir hier vorangekommen sind.

Als ich einen ehemaligen Schüler auf den allzu frühen Tod eines Lehrers unserer Albrecht-Dürer-Schule (Gerhard Schreiter) aufmerksam machte, suchten wir sein Bild im Internet. Doch hier erschienen zwei Kreuzdarstellungen, die unserem Altarkreuz verblüffend ähnlich waren. So hat sich Spur um Spur aufgebaut. Im Nachlass des Künstlers wurden dann Briefe von Pfarrer Hermann Blank gefunden u.a.m.

Am Ende der 50er Jahre wurde unser Kreuz bei dem namhaften Künstler Prof. Gerhart Schreiter in Berlin in Auftrag gegeben. Er hat zwei weitere große Kreuzdarstellungen gestaltet in St. Michael in Berlin-Schöneberg (1956) und in St. Canisius in Charlottenburg. Unser Kreuz war auch seinen Nachlassverwaltern in Bremen, seinem zweiten Schaffensschwerpunkt, nicht mehr bekannt.

Gerhart Schreiter wurde am 20. August 1909 in Annaberg (heute Annaberg-Buchholz) geboren und hat zunächst Graveur gelernt. Später studierte er an der Kunstakademie in Düsseldorf und hat bei vielen namhaften Professoren und Künstlern sein „Handwerk" gelernt. Lebensgroße Darstellungen fehlen bei ihm in der frühen Phase seines Schaffens fast ganz, mit Ausnahme der Darstellungen des Gekreuzigten. Sein Werk folgt „den sich durchsetzenden Abstraktionstendenzen" (Veronika Wiegartz) und zeigt vor allem Szenen aus dem alltäglichen Leben. Schreiter war ein tiefgläubiger Mensch, er schuf für insgesamt 24 Kirchen verschiedene Gegenstände, vom Leuchter bis zum Kruzifix.

Gerhart Schreiter hat viele Ehrungen erfahren und viele Ausstellungen im In- und Ausland gestaltet. Am 27.April 1974 starb er in Bremen.

Unser Kreuz ist ein schönes Beispiel für sein religiöses Schaffen. Er bricht die allzu glatte Darstellung des Gekreuzigten auf, lässt seine Verwundung und Zerrissenheit sehen und durchbricht sie in die Gestalt der Auferstehung hinein. Es ist, als strecke sich der Leib des Herrn seiner Gemeinde entgegen. Nichts mehr zieht nach unten, die Kraft der Auferstehung ergreift den geschundenen Leib. Es ist, als wolle er seine Arme erheben und vom Kreuz lösen.

Sein Blick aber bleibt immer auf uns gerichtet, wir sind der Mittelpunkt seinen Lebens, seines Leidens und seiner Auferstehung. „Für uns und um unseres Heiles Willen" hat Jesus alles gegeben.

Es ist eine große Freude, einem so künstlerisch wertvollen und ausdruckstarken Kreuz in unserer Kirche begegnen zu dürfen. Wenn wir es betrachten, nimmt es uns in seine innere Bewegung mit hinein. So Vieles was uns bindet, was uns festhält, was uns starr macht und uns festlegt, wird aufgebrochen. Wir empfangen die Kraft von oben, werden hineingenommen in das, was von Gott kommt. Es ist die Kraft, mit der er alles an sich zieht.

Dieses Kreuz ist ein lebendiger Ausdruck dessen, was wir genau unter der Darstellung immer wieder vollziehen. Wenn der Priester uns auffordert: „Erhebet die Herzen", dann bekennen wir alle: „Wir haben sie beim Herrn". Das ist wie eine schöne Antwort auf den Anspruch unseres Kreuzes.

Ja, wir wollen uns von ihm ergreifen lassen, er darf uns an sein Herz ziehen und wir wollen in seiner Liebe bleiben.

Pfr. Winfried Klein (Quelle: Festschrift zum 40- jährigen Kirchenbaujubiläum)
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