Initiative „Help for Hope“zurück von zweiter Balkan-Tour

Nachdem sie den Zug verlassen haben, warten die Flüchtlinge im Winter Transit Center von Slavonski Brod auf ihre Registrierung.
 
Schuhe sind Mangelware im Durchgangslager von Slavonski Brod. „Help for Hope“ brachte 200 gespendete Paar mit, konnte dank der gesammelten Spendengelder vor Ort 55 Paar neue kaufen
 
Auf dem Weg nach Slavonski Brod, kurz vorm Ziel. Bei ihrer zweiten Reise zum Balkan legten die Helfer von „Help for Hope“ über 1200 Kilometer zurück.

Vier Tage Einsatz an der Grenze

Eberstadt/Slavonski Brod. Dass es so still ist im Lager, liegt daran, dass momentan kaum Menschen da sind. Der nächste Zug mit 1000 Flüchtlingen wird erst in ein paar Stunden erwartet. Bis dahin ist nur hier und da ein Helfer in Warnweste zu sehen, mancher sichtlich erschöpft, ein gemurmeltes „Morning!“ im Vorbeigehen. Vorn am Tor, wo es vor ein paar Stunden noch sehr schwierig war, überhaupt hinein zu gelangen, ist an diesem Morgen weit und breit keine Polizei in Sicht.

Für einen Pass mit Foto und Namen sind die fünf Freiwilligen von „Help for Hope“ aus Darmstadt-Eberstadt und dem Siegerland nicht lange genug vor Ort. Gegen Abgabe des Personalausweises bekommen sie hier jeden Morgen, jeden Mittag und jeden Abend eine Nummer um den Hals gehängt. Aber auch dahin war es ein langer Weg, und dafür stehen nicht nur die knapp 1200 Kilometer, die sie bis nach Kroatien, in die 60 000-Einwohner-Stadt Slavonski Brod an der Grenze zu Bosnien und Herzegowina, zurückgelegt haben. Es ist das zweite Mal innerhalb eines Monats, dass sich die beiden „Help-for-Hope“-Ideengeber Gregory Wroblewski aus Eberstadt und Nico Ginsberg aus dem nordrhein-westfälischen Niederndorf gemeinsam mit drei weiteren Freiwilligen auf den Weg zum Balkan machen.

Beim ersten Mal ließen sie vier Transporter voller Sachspenden in einem Lager in Zagreb zurück und halfen am Bahnhof des slowenischen Dobova bei der Organisation einer improvisierten Kleiderkammer. Das Gefühl, mehr tun zu wollen, blieb. Um im Durchgangslager von Slavonski Brod überhaupt als Freiwillige (Volunteers) arbeiten zu können, wandte sich Help for Hope diesmal an die Intereuropean Human Aid Association, kurz IHA. Unter der Flagge dieser Nichtregierungsorganisation wird ihr Einsatz stattfinden. Die bürokratischen Hürden für inoffizielle Volunteers sind hoch, Vernetzung ist alles.

Wer ins Innere des Winter Transit Centers am Rande der Stadt will, kommt automatisch an dem Weihnachtsbaum vorbei, den die hier stationierten internationalen Hilfsorganisationen mit ihren Logos und in bester Absicht geschmückt haben. Trotzdem macht sich das Ungetüm in Grün merkwürdig aus an diesem Ort, und das nicht nur, weil auch hier das Wetter ungewöhnlich unwinterlich ist. 3000 bis 5000 Menschen erreichen täglich Slavonski Brod. In Zügen werden sie, aus Serbien kommend, mitten ins Lager gefahren. Männer, Frauen und viele Kinder, Schwangere, Alte, Behinderte und Verstümmelte aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Hier werden sie registriert, mit dem Nötigsten, auch medizinisch versorgt und dann innerhalb von drei Stunden in den nächsten Zug gesetzt, der sie nach Slowenien bringen wird. Viele von ihnen wissen das gar nicht. Um ihre Geschichten zu hören bleibt keine Zeit. Helfer aus ganz Europa arbeiten im Dreischicht-Betrieb. Der Einsatz für drei aus dem „Help for Hope“-Team beginnt nach 15-stündiger Fahrt mit einer Nachtschicht. Im „Weißen Zelt“, das die Menschen nach ihrer Registrierung durchlaufen, helfen sie dabei, Kleidung auszugeben: Jacken, Hosen, Mäntel aus dem Spendenfundus. Mützen, Handschuhe: heiß begehrt. Verschämte Bitten um neue Unterwäsche. Zwischendurch wieder sortieren, weitere Kartons aus dem Kleiderlager holen, danach das Kleiderlager aufräumen.

So ungefähr jeder möchte Schuhe. Die hundertfach wiederholte Antwort: „Lassen Sie mich zuerst Ihre Schuhe sehen, bitte.“ Nass gilt nicht, zu groß gilt nicht, eigentlich gilt nur richtig kaputt, denn Schuhwerk ist absolute Mangelware. 200 gespendete Paar hat „Help for Hope“ mitgebracht, 55 Paar, dazu Handschuhe, werden von Spendengeldern vor Ort gekauft - ein Tropfen auf den heißen Stein. Das höchste der Gefühle für die Menschen mit durchweichten Tretern sind oft neue Socken. Aber selbst nach einem „Sorry, no shoes!“ ringen sich viele der Geflüchteten noch ein Lächeln, ein Danke, ein Daumen hoch ab. Auf Englisch, mithilfe von Händen, Füßen und den unverzichtbaren Größentabellen geht es darum, innerhalb kurzer Zeit möglichst viele Menschen mit dem zu versorgen, was sie benötigen, aber oft genug verlassen sie mit nichts das Zelt. Mit permanentem „Go, go, go!“ mahnt die Polizei die Menschen zur Eile.

Viele Flüchtlinge verfügen nicht (mehr) über die Durchsetzungskraft, zu ergattern, was sie brauchen, andere feilschen um Details: Nicht das blaue, das rote! Willkommen signalisieren, aber auch mal nein sagen, ansprechbar sein und aufmerksam, zur Eile mahnen und lächeln, lächeln, lächeln – Grundkenntnisse für Freiwillige, Lernen durch Tun. Erst später werden sich aus dem nicht enden wollenden Strom der Vorbeilaufenden einzelne Gesichter herausbilden, Bruchstücke von Geschichten. Erschöpfte Menschen, zuversichtliche Menschen, Menschen, die trotz aller Strapazen ihre Würde und ihre Disziplin nicht verloren haben.

Dabei wäre der Sektor, in dem sie die Stunden bis zur Weiterfahrt zubringen, eigentlich Rechtfertigung genug dafür: Zelte, bis zur Schmerzgrenze gefüllt mit Mehrstockpritschen. Ohne Matratzen, dafür derart dicht an dicht stehend, dass man nur im Krebsgang zwischen ihnen hindurch kommt. Der Gestank so vieler Menschen auf engsten Raum ist eine Wand, gegen die man rennt, von der Decke kommt das Kondenswasser in dicken Tropfen. Babys werden mitten im Gewühl gewickelt und gestillt, wer erschöpft genug ist, schläft trotz des Geräuschpegels ein, bis die Polizei zur Weiterfahrt antreten lässt, zeltweise und in Zweierreihen. Die Kinder, die sich über die fliegenden Bälle eines Volunteers freuen, sind ein Stück Normalität, hier, wo nichts normal ist.


Für die fünf Helfer waren die vier Tage in Slavonski Brod ein vergleichsweise kleiner Einblick. Einer, der sich ihnen dauerhaft eingeprägt hat. Vor der Heimfahrt erleichtern sie ihre beiden Fahrzeuge um die mitgebrachten Sachspenden. Auch der Container voller Hilfsgüter, den die Initiative mit 400 Euro finanzieren half, ist inzwischen auf dem Weg nach Griechenland: Hier herrschen für Flüchtlinge noch weit schlimmere Bedingungen als in Kroatien oder Slowenien.

„Help for Hope“ möchte Danke sagen: den zahlreichen Spendern und Unterstützern, ohne die es nicht möglich gewesen wäre, dabei zu helfen, ein wenig Hoffnung zu schenken.
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