Massenanziehung

Wir leben angeblich in einer individualistischen Gesellschaft. Und sind doch viel weniger frei, als wir denken. Jede/r kann nach seinen/ihren Wünschen glücklich werden. Wirklich? Warum liebt die Mehrheit der Menschen dann nicht trotzdem weiterhin das, was "man" tut, was "alle" tun? Warum gibt es dann den "Mainstream"? Der Mensch scheint nicht zum Idealisten geboren zu sein, sonst würde (Massen-) Werbung nicht funktionieren. Sie funktioniert aber, weil viel Anteil haben wollen an dem, was "in" ist, aus Furcht davor, Außenseiter(in) zu sein.
Als Kind mied ich Orte aus Angst vor bestimmten anderen Menschen, die ich nicht sehen wollte, weil sie mich ärgerten. Also haben faktisch diese meinen Freiraum begrenzt, ohne mir verboten haben oder verbieten konnten, den gleichen Ort wie sie aufzusuchen... Die "Fußballindividualisten" in den Stadien stimmen -dem Diktat der Masse folgend- wie auf ein geheimes Kommando hin sekundenpräzise Gesänge an oder stoßen diszipliniert im Takt tierähnliche Laute aus. Menschen strömen gerade an Sonn- und Feiertagen zu Flohmärkten, um sich an altem Plunder zu ergötzen, als ob nicht schon genug davon zuhause herumstünde ... weil etwas viel "haben" ein zunehmendes "Seinsdefizit" kaschiert?

"Dabeisein" ist alles und das verdrängt offenkundige Gefahren. Hunderttausende stürzen sich in das Gepresse einer Loveparade, um dann, wenn etwas passiert, die Verantwortlichen nur außerhalb zu suchen. Popfestivals müssen erst offiziell abgebrochen werden, weil die Mehrheit der Menschen jegliches Gespür für Naturgewalten wie Blitz, Hagel, Wasser und Sturm verloren haben und ausharren, statt dem natürlichen Instinkt zu folgen, einer solchen Gefährung von vornherein auszuweichen. Nur in einem Fall versagt die "Massenanziehung", zumindest in Europa: Selbst an Weihnachten, bei Kirchen- und Weltjugendtagen schwindet bereits der "Auflauf". In den Himmel wollen die Massen ohne hin schon lange nicht (mehr). Mich wundert die Begeisterung für "Dinner en blanc", wo doch hier im Grunde genau das realisiert und ritualisiert wird, was von vielen in Bezug auf das gottesdienstliche Tun der Kirchen kritisiert wird: ein feststehendes Ritual, gemeinsam einzuhaltende Regeln, Mahlfeier, Gemeinschaft ...
Die Gottesdienste der Kirchen selber entwickeln sich immer mehr zu einem Ort wirklicher Inidivualisierung: Im Gottesdienst, da bin ich noch annähernd einzigartig, in der Pfarrei. Keine "Masse" mehr weit und breit. Hier bin ich -vor Gott- "Mensch, hier darf ich´s sein. Individuell, für mich, fast ganz allein. Gott scheint zufrieden damit zu sein, den Einzelnen, mich, für sich in aller wirklichen Freiheit gewinnen zu können.

M. Stutzenberger, inspiriert von einem Artikel der christlichen Wochenzeitschrift "Christ in der Gegenwart" 28/2016, "Massenanziehung".
www.christ-in-der-gegenwart.de
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