Borderline – 5. Netzwerktreffen Rhein-Main im Caritaszentrum Schweizerhaus

Rund 50 Teilnehmer kamen zum 5. DBT-Netzwerktreffen Rhein-Main ins Darmstädter Caritaszentrum Schweizerhaus, um sich über Borderline auszutauschen.
 
Küchen- und Servicebereich mit Klienten der Tagesstätte arbeiteten auf Hochtouren mit dem Ergebnis solcher Köstlichkeiten.
„Die Katze habe sie gekratzt, so lautet eine häufige Erklärung Betroffener, die auf ihre Schnittwunden angesprochen werden. Schnittwunden, die in Wahrheit zugefügt werden, weil die Betroffenen die Selbstverletzung brauchen, damit der Schmerz sie zurück ins Leben holt, weil sie sich selbst nicht mehr spüren, weil ihre Emotionen völlig außer Kontrolle geraten sind“, erzählt Gernot Fretter. In seiner Tätigkeit als Dienststellenleiter des Gemeindespsychiatrischen Zentrums Schweizerhaus in Darmstadt und des Wohnhauses Haus Elim wird er seit mehr als 25 Jahren im Wohnheim, im Betreuten Wohnen und in der Tagesgruppe damit konfrontiert.

Borderline-Erkrankung nimmt zu

Manche schneiden, andere zeigen ein aggressives Verhalten sich selbst und anderen gegenüber, wiederum andere zeigen ein exzessives oder riskantes Verhalten, beispielsweise was Drogen oder Alkohol, aber auch Sex, Ausgaben oder gefährliche Hobbys anbelangt. Bei all diesen unterschiedlichen Verhaltensweisen handelt es sich jedoch um die gleiche Krankheit. Die Mediziner haben ihr den Namen „Borderline“ gegeben. Eine Persönlichkeitsstörung, unter der immer mehr und vor allem junge Menschen leiden. Sie leiden an ihren oft in ihrer Stärke nicht zu reduzierenden Reaktionen auf äußere Einflüsse, ihren starken Gefühlen und Erinnerungen. Sie können ihren Gefühlsimpulsen nichts entgegensetzen. Selbstverletzungen, Wutausbrüche im einen und tiefe Depression im nächsten Augenblick machen „Borderline“ für Außenstehende schwer nachvollziehbar – Angehörige und Freunde erleben oft einen hohen Leidensdruck.

Schätzungen nach leiden 20 Prozent aller junger Menschen an psychischen Erkrankungen, Tendenz steigend. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) ist die am häufigsten diagnostizierte Persönlichkeitsstörung überhaupt. Genaue Zahlenangaben sind schwer zu ermitteln, doch die meisten Untersuchungen geben Werte zwischen einem und zwei Prozent Betroffene innerhalb der Bevölkerung an. Jeder fünfte stationär in die Psychiatrie aufgenommene Patient zeigt Symptome der Erkrankung. 70 bis 75 Prozent von ihnen sind Frauen – ob das der Realität entspricht oder Frauen sich häufiger Hilfe suchen, ist umstritten.

Erfolgreiche Therapie bei Borderline

Welche großartigen Heilungserfolge es für Betroffene gibt, wenn sie den Zugang zum Hilfesystem gefunden haben, wurde beim jährlichen DBT- Netzwerktreffen deutlich, welches in diesem Jahr im Caritaszentrum Schweizerhaus stattfand. DBT ist die Abkürzung von Dialektisch Behaviorale Therapie. „In der DBT –Therapie lernen die Betroffenen, mit Krisensituationen umzugehen. Die Patientinnen und Patienten nehmen an einer Gruppentherapie teil, in der sie Techniken erlernen zum besseren Umgang mit Gefühlen und Stress, zudem werden Achtsamkeit und zwischenmenschliche Fertigkeiten vermittelt. Nach jeder Stunde gibt es Hausaufgaben, über die die Patientinnen und Patienten genau Buch führen sollen. Neben der Gruppentherapie gibt es auch eine Einzeltherapie, die für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer Pflicht ist. Dort geht es darum, das in der Gruppe Gelernte anzuwenden“, berichtet Gernot Fretter.

In der ambulanten DBT gibt es zudem die Möglichkeit der telefonischen Beratung zwischen den Therapiestunden. So kann Gernot Fretter auch mal an einem Sonntagnachmittag angerufen werden, wenn ein Betroffener bemerkt, dass seine innere Anspannung immer mehr zunimmt und es ihm schlechter geht. In der telefonischen Beratung wird dann besprochen, welche Skills (Fertigkeiten) angewendet werden sollen.

So haben alle Betroffenen auch individuell gefüllte Notfallkoffer, die beispielsweise mit Ammoniak oder Gummibändern gefüllt sind. Letzteres wird dann beispielsweise so lange auf die Haut geschnalzt, bis der Druck nachlässt und die Gefühle wieder kontrolliert werden.

5. DBT-Netzwerktreffen Rhein-Main

Der Caritasverband arbeitet seit vielen Jahren im ambulanten und stationären Bereich mit der DBT. Caritasdirektor Franz-Josef Kiefer dankte beim DBT-Treffen seinem Mitarbeiter Gernot Fretter dafür, dass dieser sich bereits vor Jahren für diese Methode stark gemacht habe und dadurch DBT beim Caritasverband eingeführt habe. „Heute können die betroffenen Menschen in allen Einrichtungen der Caritas betreut und fachlich korrekt behandelt werden. Viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind oder werden in der Methode ausgebildet, so dass in jedem unserer insgesamt sieben Gemeindepsychiatrischen Zentren mindestens zwei Mitarbeiter ausgebildet sein sollen. Zurzeit läuft gerade durch Hans Guinia der zweite Ausbildungskurs.“

Skillsgruppen werden im Gemeindepsychiatrischen Zentrum Darmstadt und im Caritaszentrum Schweizerhaus in Eberstadt als offene Gruppen angeboten, jeder und jede kann sie kostenlos in Anspruch nehmen. Nähere Auskünfte erhalten Interessierte von Judith Pape unter der Telefonnummer: 06151 / 10108-80.

Die Caritas habe in den vielen Jahren erfahren wie wichtig das DBT – Behandlungsnetzwerk mit Niedergelassenen, stationären und komplementären Einrichtungen ist, sagte der Caritasdirektor. In Darmstadt läuft die Zusammenarbeit mit dem Elisabethenstift und den 16 niedergelassenen Einzeltherapeuten hervorragend. Andere Netzwerkteilnehmer aus dem Rhein-Main Gebiet sind von solchen Voraussetzungen noch weit entfernt, da es einen großen Mangel an niedergelassenen Einzeltherapeuten gibt.

In diesem Jahr wurde beim Netzwerktreffen der Augenmerk auf das soziale Umfeld von Borderline – Erfahrenen Personen gerichtet. Die rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer loteten die Unterstützungsmöglichkeiten von Angehörigen und Partnern
sowie den beruflichen und tagesstrukturierenden Angeboten aus.


Gelebte Inklusion im Schweizerhaus

Begeistert waren die Netzwerkteilnehmer von der gelebten Inklusion im Schweizerhaus. Besucherinnen und Besucher der Tagesstätte, welche im Küchen- und Servicebereich arbeiten, hatten einen wichtigen Beitrag zum Gelingen der Fachtagung beigetragen. Denn neben der Besonderheit, dass ein Gemeindepsychiatrisches Zentrum einen solchen Fachtag inhaltlich und organisatorisch auf die Beine stellt, hatten die Klienten der Tagesstätte durch kulinarische Köstlichkeiten dem Fachtag noch das i-Tüpfelchen aufgesetzt.

Kontakt:

Für Rückfragen steht Ihnen der Dienststellenleiter Gernot Fretter vom Haus Elim des Caritasverbandes Darmstadt e. V. unter der Telefonnummer 06151 / 606600 bzw. unter der E-Mail Adresse: g.fretter@caritas-darmstadt.de gerne zur Verfügung.
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