Jeder hat Anleihen, aber wird das Risiko vernünftig bezahlt?

  Zinsen auf sichere Geldanlagen bleiben Mangelware. Die Äußerungen der Europäischen Zentralbank (EZB) lassen vorerst keine positive Veränderung erwarten. Glücklicherweise verharrt die offizielle Inflationsrate ebenfalls auf einem niedrigen Niveau. Der offensichtliche Handlungsdruck auf den zinsorientierten Anleger wird dadurch aktuell gedämpft. Zeit, die Hände in den Schoß zu legen? Nein!


Vergessen Sie die Vergangenheit

Sie finden den Hinweis auf fast jeder Broschüre zu einem Anlageprodukt: Vergangene Entwicklungen sind kein Indikator für die Zukunft. Besonders am Beispiel von Anleihen wird dies deutlich. Die Grafik zeigt die Entwicklung der Rendite von deutschen Bundesanleihen mit einer Restlaufzeit von 10 Jahren. Wer dem deutschen Staat heute die Summe von 100.000 Euro für diesen Zeitraum leiht, der realisiert einen durchschnittlichen jährlichen Ertrag in Höhe von 200 Euro vor Steuern. In den 90er Jahren waren das noch 9.000 Euro, also das 45 (in Worten: fünfundvierzig) fache. Natürlich ist die Inflation heute niedriger und die reale Differenz dementsprechend geringer, aber der Effekt ist dennoch dramatisch. Am Fazit für die Zukunft ändert sich nichts: Die zukünftigen Renditen werden nur ein Bruchteil der Vergangenheit sein.


Der Blick über die Landesgrenze

Betrachten wir nun die Renditen für Anleihen gleicher Laufzeit, die von anderen Ländern aus dem Euroraum begeben werden. Zunächst sehen wir, dass die Renditen etwas höher liegen.


Daher könnte die Schlussfolgerung naheliegen, Staatsanleihen anderer Länder zu erwerben. Hier blendet man allerdings aus, dass andere Länder auch eine geringere Leistungsfähigkeit zur Bedienung der Zins- und Tilgungszahlung haben können. Zudem könnten die Märkte aktuell stark durch das Anleiheaufkaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) und dem Vertrauen der Marktteilnehmer auf deren Fähigkeiten zur Stabilisierung des Marktes verzerrt sein. Risiko würde in diesem Szenario nicht ausreichend reflektiert werden und die Renditen wären dementsprechend zu niedrig.

Zumindest die Berücksichtigung beider Faktoren, Rendite UND Risiko, ist also erforderlich. Weiterhin ist es hilfreich, sich die abstrakten prozentualen Differenzen in Euro vor Augen zu führen. Wir machen dies anhand eines Beispiels: Eine italienische Anleihe rentiert mit 1,6 Prozent und die deutsche bei 0,2 Prozent. Es bleibt festzuhalten:

Die Rendite des italienischen Papiers ist 8 mal so hoch wie bei dem deutschen Papier
Die absolute Differenz beträgt 1,4 Prozent
Pro 100.000 Euro Investitionssumme beträgt der Unterschied 1.400 Euro pro Jahr
Nach Steuern (26 Prozent) reduziert sich die Differenz auf 1.036 Euro pro Jahr
Ob und inwieweit das Risiko hier adäquat vergütet wird, liegt im Auge des Betrachters. Aus der ganzheitlichen Perspektive eines privaten Anlegers gedacht kommt allerdings noch eine wichtige Dimension hinzu: Typischerweise bestehen bereits Guthaben bei Banken und Versicherungen. Diese sind zu sehr großen Teilen in den unterschiedlichen Segmenten des Euro-Anleihemarktes investiert. Dementsprechend ist jeder Anleger bereits mittelbar außerhalb Deutschlands, aber immer noch im Euro, investiert. Das Kapital mag also auf verschiedene Banken und Versicherungen verteilt sein, aber am Ende liegt es doch größtenteils im gleichen Topf. Im aktuellen Umfeld kann niemand verbindlich einschätzen, wie groß die Gefahr im „Euroland Anleihetopf“ wirklich ist. Die verschleppte Staatsschuldenkrise und die politische Uneinigkeit bzgl. der Flüchtlingskrise innerhalb der Europäischen Union und der Euro-Mitglieder bieten durchaus das Potential für unangenehme Überraschungen.


Wie könnte man das Risiko breiter streuen?

Durch die Investition in andere Anleihemärkte und Schuldner kann eine bessere Risikostreuung erzielt werden. Je nach individueller Zielsetzung und finanzieller Risikobereitschaft kann dies zusätzlich mit einer Fremdwährungskomponente verknüpft werden. Diese bietet zusätzliche Chancen und Risiken.
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