Wagner verwandelt Böllenfalltorstadion in Tollhaus

Fußball. Was für ein Spiel, was für eine Dramatik! Nach 94 spannenden und intensiven Minuten inklusive Nachspielzeit feierte Aufsteiger Darmstadt 98 den verdienten ersten Heimsieg in der laufenden Bundesligasaison und schlug den viermaligen deutschen Meister SV Werder Bremen mit 2:1 (1:1). Mittendrin im ausgelassenen Jubel der Lilien stand Sandro Wagner, der heute sein bestes Spiel in diesem Jahr absolvierte.
Trainer Dirk Schuster veränderte seine Startelf gleich auf zwei Positionen: Sandro Wagner und Jan Rosenthal rückten für Tobias Kempe und Dominik Stroh-Engel in die Startformation.
Unter Flutlicht begannen die Lilien überraschend stark und konnten über weite Strecken der Partie auch technisch sowie spielerisch überzeugen. Nach 11 Minuten hatte Rosenthal die erste große Chance zur Darmstädter Führung, doch sein Kopfball nach Flanke von Konstatin Rausch verfehlte das Tor um Haaresbreite. Nur drei Minuten später verhinderte der junge Bremer Torhüter Felix Wiedwald gegen Wagner den Rückstand aus Sicht des Meisters von 2007.
Wie aus dem Nichts ging die Mannschaft um Viktor Skripnik in der 19. Spielminute in Führung. Stürmer Ujah konnte an Fabian Holland und Rausch vorbeiziehen. In der Mitte stand Johansson völlig frei und nickte zur völlig unverdienten Bremer Führung ein.
Im Anschluss zeigten sich die 98er kurz geschockt, fingen sich aber mit zunehmender Spieldauer in der ersten Halbzeit wieder. Allerdings hatten die Lilien in der Findungsphase großes Glück, dass Johansson nicht auf 2:0 für die Mannschaft von der Weser traf. Torwart Christian Mathenia spielte einen völlig unnötigen Pass genau in die Füße vom Bremer Angreifer, der den Darmstädter Torhüter umkurvte, aber an Garics auf der Linie scheiterte.
In der 31. Minute holte der individuell starke Rosenthal gegen Wiedwald im Bremer Tor geschickt einen Elfmeter für Darmstadt 98 raus. Wagner schnappte sich sofort den Ball und versenkte ihn eiskalt zum verdienten Ausgleich.
In der 42. Minute geschah dann etwas sehr kurioses im Stadion am Böllenfalltor: Die rund 15.000 Lilienfans feierten schon das 2:1 für ihre Lilien, als der Ball nach einem gezielten Schuss von Rosenthal von dem Innenpfosten auf die Lilie sprang und sich von dort aus um den gegenüberliegenden Pfosten drehte. Hier mussten schon alle bösen Geister zusammen am Werk gewesen sein, denn diese Kuriosität ist physikalisch eigentlich gar nicht erklärbar. So blieb es zur Pause bei einem für Werder Bremen schmeichelhaften Unentschieden.
Nach dem Seitenwechsel kam die Elf von Trainer Skripnik mit komplett veränderter Körperhaltung zurück auf das Spielfeld. Allerdings sprang bis auf eine Halbchance für den agilen Johansson (52.) keinen wirkliche Torchancen für die Bremer heraus. Nachdem sich der Schiedsrichter Guido Winkmann für zwei Minuten behandeln lassen musste, da er sich am Bein verletzt hatte, übernahm der SV 98 wieder das Spielgeschehen. Trotz großer Offensivbemühungen hätte beinahe aber wieder der SVW zugeschlagen, aber ein Kopfball von Torjäger Ujah parierte Mathenia stark (61.).
Fassungslosigkeit herrschte auch in der 69. Minute im ganzen ausverkauften Stadion. Wagner hatte sich auf der rechten Seite gegen zwei Defensivspieler von Werder durchgesetzt und genau im richtigen Moment den Ball an Torwart Wiedwald vorbei in die Mitte zum freistehenden Marcel Heller gespielt, der aber aus zwei Metern Torentfernung den Ball an die Hacke bekam und so keinen Torschuss zusammenbrachte.
Bremens Trainer Skripnik bemerkte ebenso wie Dirk Schuster, dass den Lilien langsam aber sicher die Kraft sowie die Ausdauer ausging. Deshalb wechselte er die angeschlagenen Stars Zlatko Junuzovic und Claudio Pizzaro in das Spielgeschehen ein. Doch auch die beiden Stammspieler konnten keine wirklich gefährlichen Torraumszenen mehr entwickeln.
Kurz nach den Einwechslungen verwandelte Sandro Wagner das Stadion in ein Tollhaus. Nach einem feinen langen Ball vom zweikampfstarken Peter Niemayer über die komplette Defensive der Bremer sprintete der schnelle Heller am herauseilenden Wiedwald vorbei, der aber nicht richtig in den Zweikampf ging, um einen erneuten Darmstädter Strafstoß zu verhindern. So konnte Heller auf den freistehenden Wagner flanken, der aus kurzer Distanz zum Siegtreffer einnickte (84.).
Der SV Werder Bremen versuchte nun verzweifelt, irgendwie noch zum Ausgleich zu kommen. Denn bereits am vergangenen Wochenende unterlagen die Bremer Aufsteiger FC Ingolstadt im eigenen Stadion mit 0:1, wo das Siegtor für die "Schanzer" erst in der Nachspielzeit fiel. Aber in den letzten zehn Minuten unter Flutlicht inklusive vier Minuten Zusatz war der SV 98 einem 3:1 näher als der SVW dem Ausgleich. So sahen nach einem Zweikampf zwischen dem eingewechselten Junior Diaz und dem bereits verwarnten Fin Bartels beide die gelbe Karte, wobei der Bremer mit gelb-rot vom Platz gestellt wurde (88.). Nur kurz danach hätte der laufstarke Jerome Gondorf auf 3:1 für den SVD erhöhen müssen, aber er machte im Bremer Strafraum einen Harken zu viel und so konnte Janik Vestergaard kurz vor der Lilie noch das Schlimmste aus Bremer Sicht verhindern. Sekunden später hatte der ebenfalls neu in die Partie gekommene Tobias Kempe eine ähnliche Gelegenheit, aber auch er brachte den Ball nicht im Gehäuse von Felix Wiedwald unter. Danach wurde Heller mit einem langen Ball geschickt, kam aber Zentimeter zu spät und hatte so keine freie Bahn in Richtung Vorentscheidung. In der dritten Minute der Nachspielzeit flankte Junuzovic noch einmal in den Darmstädter Strafraum, wo Mathenia am Ball vorbei segelte und Kapitän Aytac Sulu im letzten Moment noch vor dem einschussbereiten Pizzaro rettete. Kurz darauf pfiff der Unparteiische Winkmann das Spiel ab und der Aufsteiger aus Südhessen konnte seinen ersten Heimsieg seit über 30 Jahren feiern.
Am kommenden Sonntag ist der SV 98 dann zu Gast beim nächsten "Bonusspiel" (Aytay Sulu) in Dortmund. Dort können die Lilien nach nun schon neun erspielten Punkten und einem beruhigten 10. Tabellenplatz entspannt aufspielen. Aber im Ruhrpott haben die Lilien bis jetzt ja nur gute Erfahrungen gemacht (1:1 beim FC Schalke 04).
1 Kommentar
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steffen zschau aus Darmstadt | 23.09.2015 | 11:40  
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