Interview mit Max Bryan

Max Bryan an den Hamburger Landungsbrücken (Foto: Facebook / Max Bryan)
7 Wochen war er wieder obdachlos, der ehemalige Wohnungssuchende Max Bryan hofft auf eine zweite Chance für seine Rückkehr auf den Steinfurther Gartenhof, wo er bis zuletzt ein ganzes Jahr lang lebte.

(SB/Sandra Bender) In Hamburg sprach ich mit Max Bryan über seine Ziele und Erfahrungen der letzten Wochen und wie es in Zukunft weitergeht, welche Pläne er hat und ob es eine Rückkehr auf den Gartenhof geben wird.

SB: Herr Bryan, es ist die 7. Woche Ihrer Rückkehr nach Hamburg und Sie sind wieder ohne Wohnung, was war denn passiert?

Max Bryan: Ich hatte hier in Hamburg vor etwas Geld zu verdienen, für meine Bleibe auf dem Gartenhof und es gab auch ein paar Angebote, die ich hier wahrnehmen wollte und meine zwei einzigen "Offline"-Freunde hier waren verreist und nicht abkömmlich und so blieben erst mal nur meine alten Schlafplätze von damals, was auch am Geld lag, da ich derzeit kein Einkommen habe.

SB: Es heißt, sie seien "vom Hof geflogen". Stimmt das?

Max Bryan: Nein, das stimmt nicht! Ich ging freiwillig und wollte damit helfen die Kosten des Hofes zu senken. Dazu brauche ich ein eigenes Einkommen - unabhängig vom Hof - und auch mal eine Krankenversicherung für den Ernstfall, denn wie schmerzlich das ohne Versicherung sein kann, hatte ich zuletzt noch erfahren müssen.

SB: Stimmt. Haben wir gelesen. Wie kommt es eigentlich, dass Sie alle Ihre Geschichten aufschreiben und veröffentlichen? Warum diese Öffentlichkeit?

Max Bryan: Das Schreiben hilft mir die Dinge zu verarbeiten und zu reflektieren, sie unumkehrbar zu machen. Denn das geschriebene und dann auch veröffentlichte Wort wirkt wie ein Motor, der mich zwingt auch weiterzugehen, den nächsten Schritt zu tun, wer "A" sagt, muss auch "B" sagen, so setze ich mich selbst unter Druck, die Probleme in meinem Leben zu lösen und ich will ja auch niemanden enttäuschen.

SB: Sie meinen Ihre Freunde? Ihre Facebook-Freunde?

Max Bryan: Ja, es gibt einige, die sind von Anfang an dabei. Sahen alles, was auch ich sah. Kamera und Internet machen das heute möglich und der Zuspruch hilft auch die eigene Schwäche zu besiegen.

SB: Sie haben Schwächen?

Max Bryan: Oh ja, viele. Meine Ängste zum Beispiel und Pathophobie ist nur eine davon und wenn ich etwas tue, dann mit voller Kraft und ganzem Herzen, das alles andere unter sich begräbt. Ich bin einfach unfähig zwei Dinge gleichzeitig zu tun und verrenne mich zu schnell in Themen, die so viel Zeit gar nicht wert sind.

SB: Sie meinen Pennergame?

MB: Ja, unter anderem. Es war ein Fehler der Sache so viel Zeit zu schenken. Die Zeit fehlt mir jetzt in der Bewältigung meiner eigenen Probleme, die mich nun einholen und überrollen.

SB: Gab es denn keine andere Lösung? Warum sind Sie zurück nach Hamburg?

MB: In Hamburg habe ich eine Infrastruktur. Ich kenne die Wege und die Orte, wo ich morgens hin kann, den Tag verbringe und Abends schlafen gehe. Das hat nicht jede Stadt und ich wollte auf Nummer sicher gehen, am Ende nicht ohne dieser Struktur und nachts ohne Schlafplatz dazustehen.

SB: Ich habe gelesen, Sie schlafen auf einer schmalen Holzpritsche, ist das immer noch so und wo genau ist das?

MB: Es ist eine Sitzgelegenheit für Touristen im Hamburger Hafen, wo genau verrate ich nicht (aus Sicherheitsgründen). Nachts gehe ich da hin und 8 Uhr morgens wieder weg - in die Stadt, wo ich den Tag verbringe und arbeite.

SB: Sie arbeiten?

MB: Ja, in einer Bibliothek und ich arbeite daran mich zu verbessern und ich habe hier auch ein paar Jobs gemacht. Geld fehlt aber immer noch an jeder Ecke und es wird noch sehr teuer, in die Krankenversicherung wieder reinzukommen, weil ich 16 Monate nachzahlen muss.

SB: Aber sie könnten doch zum Arbeitsamt gehen, bezahlen die Ihnen nicht alles?

MB: Nein. Die zahlen nur die Krankenversicherung ab Wiedereintritt. Nicht das zurückliegende. Das muss ich selbst aufbringen und ich wollte nicht erklären, wo ich ein Jahr lang war und warum ich jetzt plötzlich wieder Geld will. Die Prozesse dort sind sehr entwürdigend und ich wollte das nicht noch mal erleben.

SB: Sie waren krank, hatten einen "Infekt", wie Sie schreiben. Hätte Ihnen einen Unterbringung woanders oder in einem der Sozialstationen nicht besser geholfen?

MB: Auf keinen Fall. Diese Wohnheime waren nie ein Option für mich. Erstens wird da viel geklaut und zweitens schleppe ich immer noch meine Pathophobie mit mir rum und so ziemlich alles in diesen Heimen kollidiert damit.

SB: Kollidiert?

MB: Angst vor Ansteckung, Bakterien, Bazillen, Viren, alles was so in der Luft rumfliegt und wenn jemand hustet oder niest, ist der Ofen gleich aus. Da bin ich direkt weg.

SB: Warum lassen Sie das nicht behandeln?

MB: Ich habe zur Zeit keine Krankenversicherung. Als ich die Stadt damals mit dem Fahrrad verließ (im November 2011), hätte ich mich beim örtlichen Arbeitsamt, da wo ich blieb, zurückmelden müssen. Das habe ich nicht getan. Ich wollte es alleine schaffen, ohne der Hilfe vom Amt und es wäre mir ja fast auch gelungen.

SB: Sie meinen Ihren "Vertrag"?

MB: Ja, da sind wir schon eine Weile dran und wie immer dauerte auch das eine Ewigkeit. Für den 16. Juni ist mir der Vertrag versprochen worden und ich hoffe, dass der Mann, der ihn mitbringen soll, dann auch im Publikum sitzt (es gibt eine Hof-Veranstaltung, wo er eingeladen ist). Die Sache ist sehr wichtig, auch für meinen Verbleib auf dem Hof. Mit diesem Vertrag steht und fällt alles, auch mein Verbleib auf dem Gartenhof, denn dahin kann ich erst zurück, wenn ich ein eigenes Einkommen habe und daran arbeite ich jetzt.

SB: Was ist das denn für ein Vertrag?

MB: Eine viel gestellte Frage, aber darüber spreche ich nicht, denn ich spreche nicht über "ungelegte Eier". Wenn ich versage, kann ich immer noch zurück und keiner wusste, was es war. Das macht die Schmach (für den Fall der Fälle) erträglicher.

SB: Aber der Hof weiß doch um was es geht, oder?

MB: Nein. Die wissen auch nur, dass es ein Vertrag ist, der meine Existenz sichern wird und dass ich davon leben und Miete zahlen kann, sie wissen aber nicht, was für ein Vertrag das ist und was ich dafür tun muss. So ist am Ende niemand enttäuscht, falls es nicht klappt.

SB: Wird es denn klappen?

MB: Ja, ich denke schon. Im Grund sind wir uns einig. Glauben tue ich das aber erst, wenn ich den Vertrag unterschrieben und in den Händen halte. Ein paar Dinge könnten nämlich noch schief gehen.

SB: Was sollte denn schief gehen?

MB: Na ja, wenn der Mann mit dem Vertrag nicht kommt oder er kommt und hat den Vertrag nicht mit dabei hat, dann werde ich den Hof wieder verlassen müssen. So war es abgemacht. Ein zurück gibt es nur mit eigenem Einkommen.

SB: Nochmal zurück zu Ihrer Zeit in Hamburg, auch in den Jahren zuvor. Zwei Jahre lang suchten Sie dort eine Wohnung und fanden keine. Was war denn so schwierig und warum hat es dann auf dem Hof geklappt?

MB: Hamburg ist einfach völlig überlaufen. Immer noch fehlen tausende Wohnungen und die wenigen die angeboten werden, haben gleich drei Dutzend Bewerber, die alle das selbe wollen und meist auch bessere Karten haben, was Lebenslauf, Einkommen und Sicherheiten angeht. "Wir melden uns bei Ihnen, wenn es für sie geklappt hat", hieß es dann immer. Nur kam dieser Anruf nie (und unterbricht) ...

SB: Verstehe, dass geht Ihnen sehr nahe. Viele Ihrer Freunde bei Facebook wollen Ihnen auch helfen und fühlen mit Ihnen, kam die Hilfe denn schon an?

MB: Ja ... (und ringt um Fassung) ... ich kenne kaum jemanden persönlich und wir haben uns immer nur geschrieben und trotzdem zögerten sie keine Sekunde und halfen. Nicht weil ich gefragt hatte, sondern weil sie wussten, dass ich diese Hilfe jetzt am nötigsten brauche und jede dieser E-Mails hat mich auf´s Neue überwältigt. Ich bin sehr froh, diesen Blog gemacht zu haben. Am Ende hat er mich gerettet.

SB: Schönes Thema. Sie sind der erste Obdachlose den ich kenne, der Laptop, Handy und Facebook hat. Nicht jeder findet das gut. Können Sie die Kritik daran verstehen?

MB: Ja, diese Tatsache ist vielen suspekt. Es widerstrebt einfach allen Klischee´s und jeder hat sein Bild im Kopf, vom Obdachlosen, der hilflos in der Ecke liegt. Aber ich bin nun mal ein Kind der Neuzeit und niemand würde sein Laptop, sein Handy und sein Internet wegwerfen, nur weil er die Wohnung verliert, das alles lief weiter, auch ohne Wohnung. Dank mobilen Internet ist das heute alles möglich (Monatsflat 15 Euro).

SB: Wie finanzieren Sie sich eigentlich, jetzt, wo Sie wieder in Hamburg sind?

MB: Wie ich schon sagte, beziehe ich keine staatlichen Hilfen mehr. Ich lebe ausschließlich von den Zuwendungen meiner Freunde und auch das ist jetzt vorbei. Wenn ich meinen Vertrag habe, werde ich endlich auf eigenen Füßen stehen und ich bin der glücklichste Mensch der Welt, wenn das klappt.

SB: Hatten Sie nie Angst ganz ohne Geld dazustehen?

MB: Ja, diese Momente gab es. Es gab Zeiten, da hatte ich nur noch 1 oder 2 Euro in der Tasche und wusste nicht, wo das nächste Geld herkommt. Diese Last wird immer dann erdrückend, wenn auch die eigene Gesundheit in Gefahr ist und man keine Möglichkeit hat, an ein Rezept zu kommen.

SB: Wir haben´s gelesen. Ihre Erfahrung mit dem Hamburger "Krankenmobil". Gehen Sie mit denen nicht zu hart ins Gericht? Die Leuten wollen doch auch nur helfen?

MB: Absolut und ich habe mich auch bedankt und einen Brief an die Leiterin des Krankenmobil´s geschrieben und ihr mitgeteilt, wie sehr ich ihre Arbeit schätze und ich auch nur helfen will zu verbessern, damit die Bedürftigen, die das Krankenmobil aufsuchen, nicht mutlos entlassen werden, mit einer Adresse, die auch wieder nur vermittelt und die Wege verlängert, um an Hilfen zu kommen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die erste Anlaufstelle für Obdachlose zumindest auch direkte Adressen von Ärzten mit an Bord haben sollte, die kostenlos behandeln und eben nicht nur vermitteln. Im Zweifel und im Krankheitsfall ist nämlich jeder Weg zu weit, den die dann ohnehin schon geschwächten Körper erst mal gehen müssen.

SB: Nochmal zurück zum Gartenhof. Wie genau kam es damals, dass Sie dort bleiben durften?

MB: Es war im Winter 2012. Eine Frau aus Bad Nauheim sah mich zufällig und erkannte mich, weil ich am Tag zuvor in der Zeitung stand. Sie fragte, ob ich dieser Radfahrer aus der Zeitung sei und ich sagte ja, vielleicht? Sie bot mir dann ihr Gästezimmer an und ich ging mit zu ihr. Wochen später dann sprach sie mit dem Gartenhof, und sie sprach für mich, sagte also, dass ich kein schlechter Mensch bin und auch sonst keine Probleme mache. Frau von Löw gab mir dann diese Chance und ich durfte bleiben, ein ganzes Jahr lang.

SB: Und dann?

MB: Na dann kam "Rocky", Ende 2012, als ich die Freikarten für Bedürftige besorgte, damit auch die zu Weihnachten mal ins Theater gehen können. Schöne Aktion, die aber auch 7 Wochen Arbeit gekostet hat und in dieser Zeit habe ich nichts für mich oder den Hof tun können. Das war schon grenzwertig und "Pennergame" gab der Sache noch den Rest.

SB: Sie meine Ihre Auseinandersetzung mit einem Hamburger Spiele-Hersteller?

MB: Ja, ein Kleinkrieg, wie es einer der Beteiligten umschrieb. Ich war besessen vom Gedanken, die Firma nicht davon kommen zu lassen, nachdem sie ihre volksverhetzende Satire auch noch schön redeten und keinerlei Einsicht zeigten, dass sie damit zu weit gingen. Zumal jeder andere auch die Aktion als Werbung für das ebenfalls umstrittene "Pennergame" empfand, was die Firma dann auch noch abstritt (siehe Hamburger Morgenpost vom 27.2. "Die Aktion war keine Werbung für Pennergame").

SB: Aber kann Ihnen das nicht egal sein? Warum diese Vehemenz?

MB: Weil ich selbst erlebt habe, wenn Leute auf der Straße wegen weitaus nichtigeren Gründen angegriffen werden. Da werden Obdachlose bespuckt und mit Steinen beworfen, ihr Schlafsack angezündet und die Zelte abgebrannt. Alles schon passiert. Und wenn dann auch noch so eine Seite daher kommt, die gegen Obdachlose, Flaschensammler und Bettler hetzt, war das für mich nur ein Pflicht einzuschreiten und mein Bestes zu geben, sie mit solch einer gefährlichen Satire nicht durchkommen zu lassen.

SB: Aber inzwischen interessiert sich doch keiner mehr für das Thema, oder?

MB: Keiner ist zu viel gesagt. Viele warten noch auf meinen Abschlußbericht und der hat noch einige Überraschungen parat.

SB: Sie wissen, ich bewundere was Sie tun und ich bin ein großer Fan Ihres Blogs und lese gerne darin, wie viele andere auch. Warum machen Sie das Schreiben nicht zum Beruf? Sie hätten garantiert Erfolg!

MB: Das kommt ja vielleicht noch. Schreiben ist etwas, dass ich gut kann (sagen auch andere). Und natürlich das Filmen, das würde ich auch gerne zum Beruf machen, denn ich bin auch ein leidenschaftlicher Tagebuchfilmer.

SB: A propos Film. Am 16. Juni präsentieren Sie Ihren ersten Film über den Gartenhof. Was wird darin zu sehen sein und wer ist "Dreemos"?

MB: "Dreemos" ist meine Tagebuchkamera (abgeleitet von "3 Mos", das ist eine technische Angabe und steht auf der Kamera :-) (und lacht): "Manche Dinge brauchen eben einen Namen und so auch diese Kamera". Der Film zeigt die schönsten Bilder aus 70 Stunden Langzeit-Dokumentation, mit dem Leben auf dem Gartenhof und auf den Feldern der Shumei´s, die zum Gartenhof gehören und dort eine natürliche Landwirtschaft betreiben und es ist erstaunlich, wie einfach es doch ist, 100% biologisch anzubauen. Jeder wird das sehen können und hoffentlich auch zum Vorbild nehmen, denn auch in einer gesunden Nahrung liegt das Glück und die Zukunft unseres Planeten.

SB: Das klingt wunderbar! Wann geht´s los?

MB: Sonntag 16.00 Uhr. Manfred Grössler aus Graz kommt extra aus Österreich angereist und ist ein guter Freund des Hauses. Er präsentiert dort seine Musik-CD mit Liebesliedern aus 40 Jahren Musikgeschichte und anschließend zeigen wir meinen Film, auch mit viel Liebe gemacht, zur Natur und zur "Lichtinsel", denn das ist sie wirklich.

SB: Das wird ja ein großer Tag für Sie ...

MB: Ja, der wichtigste in meinem Leben. Er entscheidet über alles, was danach kommt. Ein Scheideweg und ich hoffe sehr, dass ich bleiben darf und es ein zurück auf den Gartenhof für mich gibt und ich eine zweite Chance bekomme. Das wünsche ich mir sehr und von ganzem Herzen.

SB: Das wünschen wir Ihnen auch. Viel Erfolg und Danke für das Gespräch.

Das Interview führte Sandra Bender
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