Offenen Brief vom Pressesprecher des Zirkus Charles Knie an Oberbürgermeister Partsch

Betreff: Auftrittsverbot für traditionelle Circusunternehmen mit Wildtieren in Darmstadt


Sehr geehrter Herr Partsch,

mit diesem Schreiben möchten wir als Aktionsbündnis „Tiere gehören zum Circus“ zu dem kürzlich von der Stadt Darmstadt erlassenen Auftrittsverbot für traditionelle Circusunternehmen mit Wildtieren Stellung beziehen.

Das Aktionsbündnis „Tiere gehören zum Circus“ ist eine Arbeitsgruppe der Gesellschaft der Circusfreunde e.V. (www.circusfreunde.org). Mittlerweile umfasst die Gesellschaft der Circusfreunde, die auch Herausgeber einer international anerkannten Fachzeitschrift ist, mehr als 2000 Mitglieder in ganz Deutschland. Das Aktionsbündnis hat es sich zur Aufgabe gemacht, den klassischen Circus mit Tieren, auch mit Wildtieren, zu fördern und zu erhalten. Dabei versuchen wir, die Diskussion über die Wildtierhaltung im Circus zu versachlichen.

Wir lehnen das Wildtierverbot in Darmstadt aus tiefster Überzeugung ab. Zum einen sind wir der Meinung, dass dieses Verbot juristisch höchst fragwürdig ist, und zum andern glauben wir, dass es auch tiermedizinisch und biologisch nicht begründet werden kann. Offenbar hat der Stadtrat von Darmstadt allzu leichtgläubig der Propaganda ideologisch voreingenommener Tieraktivisten Glauben geschenkt.

Die Tierhaltung im Circus wird durch das Tierschutzgesetz (§ 2 bzw. § 11 TSchG) geregelt. Für die Tierhalter im Circus bedeutet dies, dass Sie dazu verpflichtet sind, eine Erlaubnis nach § 11 des TschG zu besitzen. Über die Erteilung dieser Erlaubnis entscheidet die Heimatbehörde unter Hinzuziehung des Amtstierarztes (und ggf. weiterer Experten). In jeder Gastspielstadt überprüft der zuständige Amtstierarzt die Tierhaltung des Circus. Dabei werden alle Faktoren, die das Wohlergehen der Tiere betreffen, genau untersucht: Gehegegröße und Gehegegestaltung, Zustand der Futtermittelvorräte, Größe und Gestaltung der Transportfahrzeuge, Gesundheits- und Ernährungszustand der Tiere usw. Diese Kontrollen dauern oft mehrere Stunden und können auch unangesagt stattfinden. Gastiert ein Circus längere Zeit in einer Stadt, wird die Tierhaltung sogar mehrfach überprüft. Zur Beurteilung der Tierhaltung – sowohl bei der Erteilung der Erlaubnis nach § 11 als auch bei den Kontrollen am Gastspielort – stehen den Veterinärämtern die „Leitlinien für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Zirkusbetrieben“ zur Verfügung. Bei den Leitlinien handelt es sich um ein umfangreiches Regelwerk, in dem alle Aspekte der Circustierhaltung genau behandelt werden. Der Sinn der Leitlinien, die keinen Gesetzes-, sondern Empfehlungscharakter haben, besteht auf der einen Seite darin, den Tierärzten einen einheitlichen Beurteilungsmaßstab auf der Grundlage von § 2 des TschG an die Hand zu geben, auf der anderen Seite aber auch darin, Rechtsicherheit für die Circusunternehmen zu schaffen. Stellt der Amtstierarzt bei seiner Überprüfung vor Ort Mängel fest, verfügt er über weit reichende Vollmachten; so kann er z. B. im Extremfall sogar anordnen, dem Tierhalter bestimmte Tiere wegzunehmen und in eine andere Haltungseinrichtung zu überführen.

Die Leitlinien enthalten auch eine Liste von Tieren, die im Circus nicht mehr gehalten werden sollen. Es handelt sich dabei um folgende Arten oder Gattungen: Menschenaffen, Tümmler, Delfine, Greifvögel und Pinguine. Außerdem sollen keine neuen Genehmigungen für Nashörner und Wölfe ausgestellt werden. Mittlerweile sind die meisten der genannten Tierarten im Circus nicht mehr anzutreffen. Dies zeigt, dass die Leitlinien von den Circus-Unternehmern und den Erlaubnis erteilenden Behörden durchaus ernst genommen werden. Zurzeit werden die Leitlinien durch das BMELV an die neuesten Erkenntnisse angepasst. Außerdem hat Frau Aigner eine Novelle des Tierschutzgesetzes angekündigt, die es möglich macht, die Haltung bestimmter Tierarten im Circus per Rechtsverordnung prinzipiell zu verbieten (zusätzlich zu den bisherigen Regelungen). Gleichzeitig hat das Bundesministerium aber auch festgestellt, dass solche Verbote nicht leichtfertig, sondern nur nach sorgfältiger Prüfung erteilt werden dürfen, da die Rechte der Tierhalter ernst zu nehmen sind. Letzteres begrüßen wir ausdrücklich; denn schließlich sind die Circusleute kein Freiwild, sondern Bürger dieses Landes.

Wir halten die beschriebenen Regelungen für vorbildlich und glauben, dass sich das zuständige Bundesministerium in dieser Frage bisher richtig verhalten hat. Kommunale Wildtierverbote stehen zu dem Regelwerk des Ministeriums im Widerspruch. Nach unserer Ansicht sollte es aber eine Selbstverständlichkeit sein, dass Kommunen beim Erlassen von Verordnungen die Gesetzgebung des Bundes respektieren. Außerdem hat das Verwaltungsgericht Chemnitz im Jahre 2008 festgestellt, dass kommunale Wildtierverbote gegen das im Grundgesetz garantierte Recht auf Freiheit der Berufsausübung verstoßen. Die Stadt Chemnitz musste daraufhin ein bereits erteiltes Wildtierverbot wieder zurücknehmen. Ähnlich erging es der bayerischen Gemeinde Geretsried. Vor kurzem hat die Regierung von Oberbayern ein Wildtierverbot, das die Stadt Geretsried vor ein paar Monaten erlassen hat, wieder aufgehoben, mit der Begründung, dass es rechtswidrig sei. Sollte ein Circus, dem aufgrund des Stadtratbeschlusses ein Gastspiel in Darmstadt verweigert wird, den Rechtsweg beschreiten, ist die juristische Niederlage der Stadt vorprogrammiert.

Außerdem können kommunale Wildtierverbote – wie gesagt – auch biologisch und tiermedizinisch nicht ausreichend begründet werden. Dagegen gibt es eine Fülle von Argumenten, die dafür sprechen, Darbietungen mit Wildtieren auch weiterhin auf städtischen Flächen zu genehmigen. Nachfolgend wollen wir Ihnen einen kleinen Ausschnitt unserer Argumentation vorstellen:
• Die Verwendung von großen Freigehegen gehört mittlerweile in allen deutschen Circussen zum Standard. Es ist heute auch eine Selbstverständlichkeit, dass man bei bestimmten Tierarten die Gehege mit einer artgerechten Strukturierung ausstattet. So leben Circus-Elefanten in großzügigen Paddocks, die mit Sandbädern, Scheuerbäumen und frischem Laubschnitt angereichert werden.
• Die Dressur der Circustiere beruht auf einem engen wechselseitigen Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Tier (und nicht etwa auf brutalem Zwang, wie von den Tierrechtlern gerne behauptet wird). Wäre dies anders, könnten die Tierlehrer niemals hautnah mit ihren Tieren zusammenarbeiten. Man denke nur an die folgenden Darbietungen: Ein Elefant trägt seinen Tierlehrer im Maul, mehrere Tiger legen sich über ihren Tierlehrer, ein Leopard springt von einem Postament auf den Rücken seines Tierlehrer und von dort weiter auf das nächste Postament. Wer einmal zugeschaut hat, wie z. B. der berühmte Raubtierlehrer Martin Lacey (Circus Krone) seine Löwen ausbildet, der wird nicht mehr daran zweifeln, dass der Lernprozess in der Manege den Tieren Freude bereitet und ihnen in jeder Hinsicht gut tut.
• Circustiere nehmen den Transport von Stadt zu Stadt ohne jedes Anzeichen von Unbehagen auf. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Tiere von klein auf an die Transporte gewöhnt sind. Ein Circus-Elefant steigt so selbstverständlich in seinen Transportwagen ein wie ein Hund in das Auto seines Herrchens. Eine kürzlich durchgeführte Studie des Freiburger Verhaltensforschers Dr. Immanuel Birmelin bestätigt eindrucksvoll diese Beobachtung. Birmelin untersuchte die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Speichel von Circustieren und fand dabei heraus, dass Löwen und Elefanten durch die Transporte offensichtlich nicht gestresst werden. Schließlich muss man noch Folgendes bedenken: Die Circusunternehmen sind aus Kostengründen bestrebt, ihre Tourneen so zu planen, dass die Gastspielstädte nicht zu weit auseinander liegen. Deshalb dauern die Tiertransporte in der Regel nicht länger als zwei Stunden (häufig auch kürzer). Die Bewegungsfreiheit der Tiere wird also durch die Transporte bei weitem nicht so stark eingeschränkt, wie die Tierrechtler behaupten.
• Wissenschaftliche Studien bestätigen immer wieder, dass es den Tieren im Circus gut geht. Bereits 1961 stellte Prof. H. Hediger, der Begründer der Tiergartenbiologie, die These auf, dass das Training in der Manege eine stimulierende Wirkung auf die Tiere hat und somit deren körperliche und geistige Fitness fördert. Dabei stützte er sich auf seine langjährigen Beobachtungen im Zoo, im Circus und in freier Wildbahn. Diese Erkenntnis wurde seither immer wieder von Wissenschaftlern für richtig befunden. Ende der 80er Jahre untersuchte die britische Verhaltensforscherin Dr. Marthe Kiley-Worthington im Auftrag von zwei Tierschutz-Organisationen (!) die physische und psychische Gesundheit von Circustieren (über 3000 Beobachtungsstunden in 14 britischen Circussen und im Schweizer Nationalcircus Knie). Sie kam u. a. zu dem Ergebnis, dass fast alle Circustiere (ca. 90%) während des Reisebetriebs eine gute Verfassung aufweisen. Ein weiteres Ergebnis: Der im Circus übliche enge Tier-Mensch-Kontakt bereichere das Leben der Tiere. Außerdem setze ein solcher Kontakt einen bestimmten Umgang mit dem Tier voraus; denn durch Grausamkeiten ängstlich oder unberechenbar gemachte Tiere seien für eine enge Zusammenarbeit mit dem Menschen nicht geeignet. Weiter stellt Kiley-Worthington fest, dass für das Befinden der Tiere vor allem deren Vorerfahrung und nicht so sehr der Unterschied Haustier/ Wildtier entscheidend ist. Für einen Boykott der Tiercircusse sieht sie keinen Grund, vielmehr hält sie es für sinnvoll, die Circusse dazu zu ermuntern, die Lebensbedingungen der Tiere weiter zu verbessern. Dabei muss man bedenken, dass sich die Circustierhaltung damals noch nicht auf dem gleichen hohen Niveau bewegte wie heute. Im Jahre 2007 ergab eine Untersuchung, die vom britischen Parlament in Auftrag gegeben wurde, dass es den Tieren, auch den Wildtieren, in einem gut geführten Circus nicht schlechter geht als ihren Artgenossen in Zoos, Safariparks oder Wildgehegen. Zwei Jahre später wurde in den Niederlanden eine Studie durchgeführt, die ebenfalls zu dem Ergebnis kam, dass die Haltung der Circustiere sich nicht unbedingt negativ auf deren Gesundheit auswirkt. Entsprechende Verbote sind daher für die Regierung in den Niederlanden kein Thema.
• Circustiere werden bei guter Pflege sehr alt. So erreichen z. B. die Löwen des Circus Krone fast regelmäßig ein Alter von mehr als 20 Jahren. Frei lebende Löwen sterben im Durchschnitt deutlich früher (mit ca. 13 Jahren). Bei Asiatischen Elefanten liegen ähnliche Verhältnisse vor. Während sie im Circus ca. 40,7 Jahre alt werden , liegt ihre Lebenserwartung in der Wildnis (nach einer von Prof. Fred Kurt durchgeführten Untersuchung ) bei nur 31 bis 35 Jahren (Durchschnittswerte). Es ist auch immer wieder erstaunlich, wie viele alte bzw. sehr alte Wildtiere man im Circus antrifft. Im Circus Krone z. B. leben zurzeit die folgenden tierischen Senioren: die Löwin Jan mit 22 Jahren, die Asiatische Elefantenkuh Mala mit 47 Jahren , das Flusspferd Poppäa mit 50 Jahren und das Breitmaulnashorn Tsavo mit 38 Jahren. Ein Blick in den berühmten Circus Ringling in den USA zeigt ein ähnliches Bild: Von den 44 Elefanten, die zurzeit in den verschiedenen Einrichtungen dieses Circus leben (zwei reisende Unternehmen und ein stationäres Elefantenzucht-Zentrum), haben zwölf das 45. Lebensjahr überschritten, zwei Tiere sind sogar älter als 60 Jahre.
Weitere Argumente finden Sie in unserem Positionspapier „Tiere gehören zum Circus“ und in unserem Brief an alle Bundestagsabgeordneten vom 06.05.2012 (siehe unten unter „Weitere Informationen“).

Schließlich dürfen Sie nicht vergessen, dass sich Circusgastspiele bei der Bevölkerung von Darmstadt bisher immer größter Beliebtheit erfreuten. Offenbar gibt es in Darmstadt viele Menschen, die gerne traditionelle Circusse mit Wildtieren besuchen. Wollen Sie den Menschen wirklich diese Freude nehmen?

Übrigens sind kommunale Wildtierverbote auch aus der Sicht der Tierrechtsideologie völlig unsinnig, und zwar aus folgendem Grund: Selbst wenn das Bundesministerium einzelne Tierarten für den Circus verbietet, so wird es sich nach unseren Informationen nur um so genannte Nachstellverbote handeln, d.h. den Circussen wird verboten, sich neue Tiere der betreffenden Art anzuschaffen. Die Tiere, die bereits im Circus leben, dürfen weiter dort verbleiben – und müssen folglich auch weiter versorgt werden. Dies ist aber nur möglich, wenn die Circusse die Möglichkeit haben, auf den Festplätzen der Städte zu gastieren und dort Geld zu verdienen. Kommunale Wildtierverbote könnten zu einem unkontrollierten Zusammenbruch der Circusszene führen – mit allen damit verbundenen Nachteilen und Risiken für die Tiere im Circus.

Ausgehend von diesen Überlegungen fordern wir Sie mit Nachdruck auf, darauf hinzuwirken, dass das Wildtierverbot wieder aufgehoben wird und auch weiterhin traditionelle Circusse mit Wildtieren in Ihrer Stadt gastieren dürfen!


Mit freundlichen Grüßen
Dirk Candidus (Gymnasiallehrer für Biologie und Latein, Kirchheimbolanden)
in Zusammenarbeit mit
Dieter Camilotto (Bezirksleiter, Jugendamt, Mannheim)
Christopher Kessler (Grund- und Hauptschullehrer, Speyer)
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Kathrin Keil aus Weiterstadt | 28.10.2012 | 11:55  
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