Die "Griesemer Zwewwel"

"Griesemer Zwewwel" - so bezeichnete man bis in die jüngste Vergangenheit landauf landab in Hessen und den angrenzenden Gebieten die eingesessenen Griesheimer. Sie akzeptierten gern diesen Ausdruck, hatte er sich doch im Laufe der Zeit durchaus zutreffend und die Verhältnisse volkstümlich kennzeichnet eingebürgert. Um seinen Ursprung zu ergründen, müssen wir uns rund dreihundert Jahre zurückversetzen, als im Gefolge der Verwüstungen des 30-jährigen Krieges und sehr strenger Winter der bis dahin recht einträgliche Weinbau zum erliegen gekommen war. Man sah sich nach neuen Haupterwerbszweigen in der Landwirtschaft um. Einer davon wurde die Zwiebel, die auf günstigen Böden in großem Umfang angebaut wurde. Von 1664 und 1669 stammen die ersten Urkunden in der Gemeinderechnung, aus denen zu entnehmen ist, daß Schultheiß und Bürgermeister im Frankfurter Römer Zwiebelsamen in größerer Menge gekauft haben und daß geerntete Zwiebel an den Speichermeister in Mainz geliefert wurden. Griesheimer Frauen fuhren oder gingen - (wie Marie Zöller aus der Sandgasse 84 1936 in einem Dorf bei Erbach im Odenwald) - mit schweren Körben zu Fuß von da an in Städte und Gemeinden im Lande und boten "Griesemer Zwewwel" an. Mit den Verkaufserlösen trugen sie nicht unwesentlich zu einem beachtlichen privaten Wohlstand in ihrem Heimatort bei. In einem Aufsatz der renommierten Familienzeitschrift "Gartenlaube" von 1864 erwähnte der Verfasser, daß er sogar auf dem Markt in London mit Griesheimer Mädchen beim Zwiebelverkauf gesprochen habe. Während der letzten Jahrzehnte ist der Zwiebelanbau zugunsten des ertragreicheren Feingemüses und des Spargels sehr in den Hintergrund getreten. Um so anerkennenswert ist es deshalb, wenn die Erinnerung an die "Griesemer Zwewwel" wach gehalten wird. Karl Knapp, September 1979
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