Sinan Erbektas - Bürgerreporter des Monats Mai: Heimat

Vor Jahren habe ich einmal einen Yoga-Kurs besucht. In einer kurzen Verschnaufpause zitierte Meister Harald eine Indianer-Weisheit: 'Zieht jemand von einem Ort zu einem anderen um, braucht die Seele noch weitere 3 Wochen bis er auch sich dort einfindet.' Daraufhin gab ich spontan eine ironische Bemerkung dazu ab: "Dann sind die Seelen der Türken nach 40 Jahren hier immer noch nicht ganz angekommen!"
Heute sehe ich, dass in Wahrheit die vierte Generation der einstigen Zuwanderer schon längst hier angekommen ist. Denn sie sind hier geboren; sie sprechen Deutsch als ihre Muttersprache und selbst ihr Denken entspricht der hiesigen Mentalität. Das fällt am besten dann auf, wenn sie im Ausland sind. Sie verhalten sich so, wie man es von Deutschen kennt: nüchtern, analytisch, friedlich. Ich beobachte das an meinem Neffen oder den anderen Jugendlichen aus dem Bekanntenkreis. Selbst meine so mondäne Ehefrau, die viele andere Länder bereist hat, fühlt sich hier zuhause.
Das Dilemma erlebt eher die erste und zweite Generation der Zuwanderer. Sie sind wie die Zugvögel. Gerade jetzt, wo es Sommerzeit ist, reisen sie für ein paar Monate in die "ursprüngliche" Heimat, um sich zu vereinen mit ihren Eltern und den Geschwistern. Dann eilen sie wieder zurück nach Deutschland, um sich zu vereinen mit ihren Kinder und Enkelkindern. Man möchte meinen, Goethe hätte dieses folgende Zitat aus seinem literarischen Werk 'Faust' genau diesen Menschen gewidmet: "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust"
Bei mir sind es auch schon über 30 Jahre her, dass ich in Deutschland lebe. In den ersten Jahren war die Sehnsucht groß nach Ankara, wo ich geboren worden bin und nach dem Dorf, wo meine Großeltern lebten. Wo mein Name und Aussehen nicht irgendwie anders oder kompliziert war, sondern einfach und schön. Allein bei dem Gedanken an die Heimat, erfüllte eine nahezu unbändige Sehnsucht mein Herz. Ich konnte die warme Sonne oder ganz lebhaft den Geruch der Erde wahrnehmen, dass so frisch roch, wie frisches Brot. Menschengesichter sah ich vor meinem inneren Auge, die zwischen den vielen Falten ihres braungebrannten Gesichts Bescheidenheit und Glückseligkeit ausstrahlten.
Heute ist meine Sehnsucht nicht mehr so ausgeprägt. Die Großeltern sind schon lange verstorben. Der Bauernhof steht leer und verfällt allmählich. Die Verwandten sind mir nicht mehr so geistesgegenwärtig. Wenn ich mal die "alte" Heimat besuche, dann um etwas Sonne zu tanken, die blütenfrische Erde zu riechen und die Luft noch einmal zu inhalieren. Ein paar Verwandte besuchen und von der "guten alten Zeit" sprechen. Dann wieder zurück hierher. Denn ein türkisches Sprichwort besagt: "Heimat ist nicht dort, wo du geboren wurdest – sondern dort, wo du dich versorgen kannst!"
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