Von einem, der auszog, die Hügellandschaft zu erkunden

Wer nach Groß-Umstadt kommt, der wird sie früher oder später wahrnehmen: Weinberge, die sich an die Ausläufer des Odenwaldes kuscheln.
„Wirkt irgendwie mediterran“, war mein erster Gedanke, als es mich vor Jahren hierher verschlug. Vor allem an sommerlichen Tagen, wenn man die Schritte über den Marktplatz lenkt und sich einen Platz an der Sonne sichern kann. Auswahl gibt es reichlich – Sitzgelegenheiten bieten die Restaurants und Cafes hier in großer Zahl. Open Air ist in.
Hat man sich einen Platz erkämpft und den Standby-Modus eingeläutet, dann könnte man beinahe zu der Überzeugung gelangen, es wäre Marseille, Valencia oder Neapel. Ok, ich war noch nie in Neapel, aber so ist es in meinen Vorstellungen. Nur ohne Verkehrslärm. Zumindest meistens.

Jedenfalls saß ich da irgendwann und es überkam mich Gedanke, nicht nur zu Füßen der grünen Pracht zu verweilen, sondern diese auch mal zu erkunden. Liegt wohl in der menschlichen Natur. Mensch sieht Erhebung und will hinauf. War auch beim Mount Everest so und beim Matterhorn. Klar, nicht vergleichbar, aber für jemanden, der auf dem flachen Land groß geworden ist, sind das ähnliche Dimensionen.

Die Fortbewegungsmöglichkeiten hatte ich schnell durchgespielt. Fluggerät steht nicht zur Auswahl mangels Verfügbarkeit. Außerdem sowieso kritisch wegen einer latenten Höhenangst. Auto geht gar nicht – da schreit die grüne Seele. Zudem besitze ich keinen dieser Aufkleber, der meinen Wagen als Einsatzfahrzeug des Forstbetriebes kennzeichnen würde. Verblieben nur noch Schusters Rappen, was mir als zu wenig effektiv erschien und das Zweirad. Muskelbetrieben selbstverständlich.
Die Entscheidung war also schnell gefallen.

Irgendwo trieb ich dann einen Tretferrari älterer Bauart auf und befand diesen als brauchbar genug für mein Vorhaben. Ok, das Ding war mal Werbegeschenk eines Katalogversandes, aber es sollte keine Tour de France-Etappe im Format „l'Alpe d'Huez“ werden, sondern lediglich eine entspannte Erkundung von ausgewählten Hängen der Odenwälder Weininsel.

Voller Tatendrang und gebündelter Energien schwang ich mich also auf das Gefährt und trat mächtig in die Pedale. Das war auch nötig, denn der Unwissende wählt oftmals den steinigsten Weg. In diesem Fall vorbei an der Kreisklinik, mit Kurs auf das Farmerhaus. Freunde erlesener Gaumenfreuden kennen diesen Gourmettempel. Afrikanische Spezialitäten in Höhenlage werden hier feilgeboten und locken stets Gäste aus nah und fern an.
Mich auch, aber zu diesem Zeitpunkt weniger, um einzukehren, als vielmehr in Bewältigungsabsicht des ersten Etappenzieles. Das gelang mir sogar - irgendwie. Auf jeden Fall ziemlich angezählt. Gezeichnet von den Strapazen des Aufstieges. Hechelnd und mit Beinen in Götterspeisenkonsistenz. Trotzdem noch mit Restenergie ausgestattet, die mich erhobenen Hauptes am Farmerhaus vorbeiwanken ließ. Die Aussicht ist übrigens prima. Von hier lässt sich an manchen Tagen weit blicken. Entlang der Weinhänge bis in den Taunus. Vorausgesetzt man ist nicht primär mit Atmung beschäftigt. So wie ich damals.

Gefühlte Ewigkeiten später war ich wieder einsatzfähig und peilte nächste Ziele an. Das Rödelshäuschen stand auf der Agenda. Eine ehemalige Waldarbeiter-Schutzhütte und noch weiter in den Bergen gelegen. Etwa 330 Meter über Meeresspiegel entlang einer ziemlich belebten Wanderstrecke.
Es ist mir noch gut in Erinnerung, dass irgendwo auf halber Höhe plötzlich der Ehrgeiz abhanden kam. Nein, nicht antriebsentkernt, aber die Wahl der Mittel wurde mit einem Mal beliebiger. Schieben war angesagt. Eigentlich kein Problem, wären da nicht die fröhlich grüßenden Jogger gewesen, die mich überholten. Einige von denen waren älter als ich. Deutlich älter. Gut und gerne 60 oder gar in den 70igern.
Ja, ich schämte mich irgendwie. Sehr sogar. Eine große, dunkle Brille wäre mir in jenen Momenten am Berg lieb gewesen. Besser noch eine Sturmhaube oder so.
„Wenn dich jemand anspricht, dann gibst du eine Sportverletzung vor“, dachte ich.
Meniskus. Haben alle Athleten und klingt ziemlich glaubwürdig.
Es sprach mich aber keiner an. Glücklicherweise und wider alle Erwartungen erreichte ich dann auch die Hütte. Müde, aber glücklich.
Für Stadtmenschen eine beachtliche Leistung, wie es mir selbstaufmunternd durch den Kopf ging.

Naja, nach einer ausgedehnten Reanimationspause ging es dann noch weiter. Halbrechts vorbei und hinunter zur Sausteige. Das Ding heißt wirklich so. Ein Naturdenkmal mit Eiche und Brunnen. Kann man prima dahinrollen, weil in Richtung Heubach ein mehr oder weniger ausgeprägtes Gefälle vorherrscht. Habe ich dann auch getan. Also, das Rollen. Erstaunlich, welche Geschwindigkeiten auf zwei Rädern möglich sind – so ganz ohne Verbrennungsmotor. Klar, nur mit Helm und funktionierenden Bremsen. Knautschzone bei Alugurken ist nicht.

Bin dann auch ziemlich entspannt nach Groß-Umstadt zurückgestrampelt. Fallende oder flache Landschaftsprofile sind definitiv meine Natur. Zumindest mehr als Bergankünfte, so die Erkenntnis damals.
Ok, das ist heute anders. Inzwischen bewältige ich die Hügellandschaften ohne lebensbedrohliche Zustände akuter Sauerstoffunterversorgung. Hexenhäuschen oder Burg Breuberg sind keine Herausforderungen mehr. Spule ich lässig herunter und dieses zufriedene Lächeln der Jogger am Rödelshäuschen habe ich mittlerweile auch drauf. Sogar während des Anstieges.
2 Kommentare
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Carsten Thum aus Bensheim | 31.03.2011 | 22:59  
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Peter Hora aus Groß-Umstadt | 01.04.2011 | 13:05  
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