Aus der Sicht eines Streuners

Verfasst von: Stefanie Judith (griechische Fellnasen e. V.)
Inspiriert von den Schicksalen der griechischen Streuner in Xanthi

Ich öffne die Augen und schaue in das Gesicht meiner Mutter.
Ich weiß nicht, was passiert ist, aber es scheint etwas ganz tolles, Aufregendes zu werden.
Ich schaue an meinen Beinen bis zu meinen Pfoten hinunter. Tollpatschig laufe ich los, um die Welt die auf mich wartet, scheinbar eine spannende und großartige Welt, zu entdecken.
Ich genieße mein Leben in vollen Zügen. Es gibt Menschen und Tiere um mich herum, die mich lieben.
Nach ein paar Wochen kommt ein Mann und ein kleines Mädchen in unseren kleinen Stall hinterm Haus und betrachten uns voller Neugierde. Das Mädchen hebt mich auf, und nimmt mich mit. Wir fahren los.
Mein neues Zuhause ist nicht besonderes sauber, aber ich mag es.
Am Anfang bekam ich noch sehr viel Beachtung, doch das lies sehr schnell nach. Das Haus wurde immer schmutziger. Dennoch, liebe ich meine Familie.

Eines Tages, nimmt mein Herrchen mich an die Leine und läuft mit mir zur Tür. Meine beste Freundin, das Mädchen, steckt mir noch eine Blume an mein Halsband. Wir steigen in den Transporter ein und fahren los. Ich war mir sicher dass wir in den Park gehen würden, so wie wir es früher immer getan hatten als ich noch ein kleiner Welpe war.
Wir fahren lange. Plötzlich hält der kleine Transporter an. Die Tür wird von meinem Herrchen aufgerissen. Grelles Licht und ohrenbetäubender Lärm durchdringen meinen ganzen Körper und blenden mich.
Ich bin verwirrt, weiß nicht wohin. Verzweifelt blicke ich zu meinen Herrchen auf, der wieder in den Transporter steigt. ‚Warte!‘ Rufe ich in meinen Gedanken. Ich renne zur Fahrertür und bekomme überraschend einen Tritt von meinem geliebten Herrchen gegen die Schnauze.
Die Tür knallt zu, die Reifen quietschen, und weg war mein altes Leben. Mir brummt der Schädel. Der Regen plätschert mir ins Gesicht und die fremden Lichter blenden mich. Hinter mir höre ich ein lautes Hupen und jemand schreit mich an.
Ich renne blind davon. Wo bin ich nur? Und wo ist meine Familie? Ich verstehe das alles nicht!
Ich renne weg von der Straße und finde einen Unterschlupf unter einem Busch, in dem ich mich zusammenkauere.

Es wird kalt und mein Magen wird leer. Völlig erschöpft schlafe ich ein. Vogelgezwitscher lässt mich aufhorchen. War das alles nur ein Traum?
Ich blinzle und schmecke Blut. Ich schaue mich um und stehe auf. Ziellos beginnt mein Weg durch die Straßen.

Nie wurde mir gezeigt, wie ich alleine überlegen soll.
Ich esse Müll. Meine Wunden die ich von ebenso hungrigen Straßenhunden wie ich habe, schmerzen und mein Bauch tut weh. Ich werde immer dünner. Mein Fell fällt mir langsam aber sicher aus und ich werde krank. Ich kann kaum noch laufen da ich eine Entzündung in den Beinen habe. Ich fühle mich mit meinen 10 Monaten wie ein alter Hund.
Ich suche nach Hilfe. Ich laufe zu den Menschen und blicke sie an. Das einzige was ich bekomme ist ein Tritt in meine Rippen.
Ich hinke davon. Es ist ein Mythos, dass man sich an das Leben in der Gosse gewöhnt.
So vergehen die Jahre.

Und dann kam Sie.

Ich liege am Straßenrand. Ein Auto hält an. Instinktiv möchte ich flüchten, nur lassen es meine entzündeten Beine nicht zu. Sie beugt sich zu mir runter. Wie selbstverständlich, hält sie mir ihr Essen hin, das sie scheinbar eben erst gekauft hatte. Es ist noch warm und schmeckt besser als alles andere was ich jemals gegessen habe.
Sie sieht mich mit traurigen Augen an. Ich blicke mit misstrauenden Augen zurück.
Sie hebt die Hand, und ich gehe in Deckung. Schmerz und Enttäuschung war schließlich das einzige, was ich von den Menschen gelernt hatte. Sanfter als erwartet landete ihre Handfläche auf meinem Kopf, und streichelte diesen sanft.
Dann nahm sie mich mit.

Ich wache in einem warmen Zimmer auf. Meine Wunden sind gereinigt und verbunden. Neben mir steht eine Schale mit frischem Wasser und ein kleiner Napf voll Futter. Ich sehe aus dem Fenster. Dort spielen Hunde und toben herum.
Meine Retterin kommt und setzt sich zu mir.

Hier wird sich täglich um mich gekümmert und ich werde immer glücklicher. Ich habe endlich wieder was auf den Rippen. Mein Fell ist wieder nachgewachsen und die Entzündung in meinen Beinen ist restlos verheilt.
Ich spiele, renne und genieße mein Leben.
Nach ein paar Monaten kommt eine Familie aus Deutschland und nimmt mich mit. Ich habe beschlossen den Menschen eine weitere Chance zu geben, denn so sind wir Hunde nun einmal.
Heute bin ich ein geliebter Hund.

Ich lebe.
Das habe ich nur dir zu verdanken.
Danke meine Lebensretterin. Danke
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