Wie wurde man früher in einem Dorf im Odenwald Ortsbürger?

Höchst im Odenwald: Hotel Lust |

Höchst i.Odw.

Wie wurde man früher in einem Dorf im Odenwald Ortsbürger? Dieser Frage ging Dr. Erwin Kreim aus Mainz beim 40. Stammtisch der Bezirksgruppe Odenwald der Hessischen familiengeschichtlichen Vereinigung nach. Doch zunächst begrüßte Mitorganisator Heiner Wolf die mehr als 30 interessierten Besucher zu diesem kleinen Jubiläum im Hotel Lust in Höchst.

Der Referent des Abends, Dr. Erwin Kreim, führte anschließend in seinem Vortrag zurück ins 18. und 19. Jahrhundert. Am Beispiel seiner eigenen Vorfahren, dem Korbflechter Jacob Kreim und seiner Partnerin Katharina Vogel, sowie deren Nachkommen, verdeutlichte er die Lebensumstände der damaligen Zeit. Die Zahl der Umherziehenden und Heimatlosen (Vaganten) wird im Gebiet des Deutschen Reiches in diesen Jahren auf bis zu 25 % der Gesamtbevölkerung geschätzt. Diese Menschen gingen unterschiedlichen Beschäftigungen nach: Korbmacher, Kesselflicker, Musikanten, Scherenschleifer, Maulwurffänger, Besenbinder, Hausierer, Wurzelsammler oder lebten vom Betteln. Wohnsitzlos wurde man schnell, so zum Beispiel durch wirtschaftliche Not oder die gesellschaftlichen Veränderungen durch die Aufhebung der Leibeigenschaft Ende des 17. Jahrhunderts. Was dieses Schicksal bedeutete, wurde klar als Heike Arnold-Stephan (Otzberg), die Kreims Vortrag mit ausgewählten Texten begleitete, ein Dekret des Mainzer Fürstbischofs Lothar von Schönborn verlas. So wurde regelrecht Jagd auf die Vaganten gemacht, sie entweder außer Landes getrieben oder hingerichtet.

Die Forschungslage zu diesem Personenkreis ist äußerst schwierig. Der Ahnenforscher ist hier vor allem auf Zufallsfunde und die Unterstützung von Forscherfreunden angewiesen.

Anhand von Gemeinderatsprotokollen, -akten und Schriftwechseln konnte der Referent rekonstruieren, wie seine Vorfahrin Katharina Kreim, geb. Vogel, versuchte für sich und ihre Kinder das Ortsbürgerrecht von Heubach bei Groß-Umstadt zu erstreiten, um nicht mehr als Wohnsitzlos zu gelten. Gerade in armen Dörfern wie Heubach wollte und konnte man solche Menschen nicht als Ortsbürger aufnehmen, denn sie drohten der Gemeinde zur Last zu fallen. So verwundert es nicht, dass der Heubacher Bürgermeister, wie auch der Gemeinderat, alles daran setzten, der Familie Kreim kein Ortsbürgerrecht gewähren zu müssen. Mit der Verschleierung ihrer Herkunft (Willers bei Prozelten, Waldülversheim im Elsaß, eine vermeintliche Ehe in Strümpfelbrunn auf dem Winterhauch), Eingaben beim Kreisrat in Dieburg und immer neuen Anträgen auf Einbürgerung wiederum wehrte sich die resolute Katharina.

Schlussendlich schafften es erst deren Enkel das begehrte Recht ab 1859 zu erlangen. Katharina Kreim durfte dies noch erleben, sie wurde 84 Jahre alt.
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