Südhessischer Dialekt --einfach nur peinlich oder schützenswertes Kulturgut?

  Schorschi Schnabbelschnut macht mit seiner Familie eine Pause auf einem Rastplatz der Autobahn. "I(s)ch hebb Dorscht wiehän Brauereigaul, hoffentlich seun mä boald doa", babbelt er. Ein Jugendlicher hört dies, versteht nichts und fragt: "Do you speak English?"
Das ist zwar nur ein erfundenes Ereignis in dem Geschichtchen Kulturschock aus
den Hessischen Anekdoten, aber keineswegs an den Haaren herbei gezogen. Für viele Norddeutsche hört sich (süd)hessisch tatsächlich sehr oft wie eine Fremdsprache an. Ich halte es schon für wichtig, dass frau/man hochdeutsch sprechen kann, um auch mit Nichthessen zu kommunizieren. Selbst Schorschi Schnabbelschnut sagt zu seinem Sohn: "Hesse is net de Nabbel de Welt, noch nettemoal vo Deitschloand."
Es muss kein akzentfreies hochdeutsch sein, so 100%ig gelingt mir dies auch nicht, aber frau/man sollte schon von anderen verstanden werden.
Eine völlig andere Situation liegt jedoch vor im Kreise von Dialekt sprechenden, oder
zumindest Dialekt verstehenden. Hier ist dann mundartliches Sprechen identitäts-
stiftend und daran ist absolut nicht Peinliches.

Verständnisschwierigkeiten mit anderen Dialekten

Früher als Kind und Jugendlicher glaubte ich, wie die Schweizer reden.......das ist doch kein deutsch mehr, sondern nur eine Fremdsprache, vielleicht ein wenig ver-
wandt mit deutsch, mehr aber nicht. Als ich das erste mal für einige Tage hintereinander in jenem Land verweilte, merkte ich aber, dass das schwizzädütsch
viele Regelmäßigkeiten aufweist, z.B. aus dem hochdeutschen eu wird ü, aus Leuten
Lüt, aus deutsch dütsch und aus ei ein i, z.B. der Rhein ist der Rhi. Für das Hessische gelten auch solche Regelmäßigkeiten, wenn auch andere, ö wird wie e ausgesprochen, ü wie i, manchmal auch wie e, die Endbuchstaben werden häufig verschluckt, also anstatt Stunden heißt es Stunne un Kinn anstatt Kind. Wegen diesen Regeln merken wir eben, dass deutsche Dialekte keine Fremdsprachen sind, sondern halt nur Mundarten.

Kulturelle Bedeutung

Diese Mundarten verschwinden auch nicht so einfach, zumal sie ja auch eine kulturelle Bedeutung haben. Frau/man stelle sich vor: Das Theaterstück Datterich wird nur in hochdeutscher Sprache gespielt. Das wäre eine schlimme Vergewalti-
gung dieses Literaturwerkes und längst nicht so lustig wie das Original.
Dies gilt auch für andere Gelegenheiten. Sehr oft, vielleicht sogar meistens, klingt Dialekt lustiger. Hier ein Beispiel beim Zigaretten rauchen: Heunä steckdä a(ach) oh
oa, doann kriggsde schnellä Raachäboa. Übersetzt heißt dieser Zweizeiler: Heiner
stecke dir auch eine an, dann bekommst (kriegst) du schneller Raucherbeine.
Hören wir beide Versionen, dann ist das Urteil (für mich jedenfalls) klar: Die hoch-
deutsche Übersetzung klingt wesentlich holpriger, ja sie reimt sich nicht einmal.
Ein anderes Beispiel, bei dem eine Frau ihren Mann kritisiert: Du duhsd mä net
gehor(s)che, middä hodd mä nix als Sor(s)che. Die bessere Hälfte sagt noch: Koan addi(s)chä Moann....ähn grooße Spinnä, awä ähn liewe Babba fer seune Kinnä.
Auch hier klingt die hochdeutsche Übersetzung, im Vergleich zum hessischen, reich-
lich holprig: Du tust mir nicht gehorchen, mit die hat man nichts als Sorgen. Kein gehorsamer (artiger) Mann....ein großer Spinner, aber ein lieber Papa für seine Kinder.

Die oben gestellte Frage beantworte ich zusammenfassend so:

Peinlich ist der südhessische Dialekt nur, falls frau/man gegenüber Zeitgenossen
aus anderen Regionen nur mit der hessischen Mundart kommunizieren will, weil
frau/man nichts anderes kann.
Ist der südhessische Dialekt ein wertvolles, schützenswertes Kulturgut?
Aber selbstverständlich!
Schorschi Schnabbelschnut sagt dazu: Die Nadur un unsä Mundoart misse mä
schitze, aach wenn`s net jedäm duht`s woas nitze.
1 Kommentar
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 11.10.2012 | 02:05  
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