Gegen Rassismus-fördernde Sprache in der Öffentlichkeit

"Für DIE LINKE ist gelebter Antifaschismus verbunden mit dem Kampf gegen Kriegstreiberei, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Rassismus und nationalen Dünkel."

Immer und immer wieder werden die Verknüpfungen zwischen Alltagssprache und Rassismus angesprochen. Aber gerade weil es sich bei Alltagssprache um tradierte Begriffe und Satzgefüge handelt, die von der Mehrheitsgesellschaft als normal und unbedenklich angesehen werden, wird oftmals jedwede Kritik an dieser Sprache abgelehnt. Zur Untermalung der angeblichen Harmlosigkeit werden dann selektierte SprachwissenschaftlerInnen herangezogen, die auf etymologischer Basis rechtfertigen wollen, dass der Ursprung eines Wortes (oder eines Bildes, Symbols) harmlos ist, und demzufolge dieses Wort auch heute als harmlos einzustufen ist - ganz im Sinne des Anspruchs einer Weißen Deutungshoheit.

Leider liegen hier gleich mehrere Trugschlüsse vor. Zum einen mag ein Wort ursprünglich ja noch so harmlos in der Konnotation gewesen sein, und es kann auch durchaus sein, dass der wissenschaftliche Ursprung eines Wortes keinen Bezug zu diskriminierender Konnotation hat, das bedeutet nicht, dass sich Konnotationen und Assoziationen eines Begriffes nicht über die Jahre verändern und das Wort heute ganz andere Bedeutungen als die ursprünglich intendierten haben kann. Ferner lässt eine sprachwissenschaftliche Untersuchung des Wortstammes die kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen völlig außer Acht. Das ist ja auch alles unbestritten – diese Diskussionen sind bereits u.a. im Kontext mit Sprache und Sexismus über die letzten Jahrzehnte ausgiebig erfolgt – trotzdem wird immer wieder versucht pure Etymologie als Argument zu nutzen.

Die Geschichte der Sprache hat z.B. für verschiedene Worte die Farbe "schwarz" als Basis gehabt, und daraus gemacht, dass Menschen, die eine dunklere Hautfarbe haben, als Sklaven anzusehen und so zu behandeln sind. Aus einer Farbe wurde also eine Kategorisierung von Menschen in eine niedere, rechtslose Klasse. Die kulturelle Geschichte der Begriffe muss daher berücksichtigt werden!

„Schwarzsein“ und „Weißsein“ - mit großem "S" - als moderne politische Positionierungen sind komplexe Themen (Empowerment und kritische Weißseinsforschung). Die Unterscheidung von Menschen nach Hautfarbe liegt in der Tradition des Kolonialismus und der von einigen Menschen erwünschten Hierarchisierung der Menschen in besser und schlechter. Die Wissenschaft hat diese alten Theorien bereits vor über 50 Jahren widerlegt, sie sind aber leider zum Teil noch in der Gesellschaft verankert. „Schwarzsein“ als politischer Begriff beschreibt eine Solidarität mit wegen ihrer Hautfarbe unterdrückten und diskriminierten Menschen; eine Solidarität, die nur notwendig ist, weil es immer noch in allen gesellschaftlichen Bereichen alltäglich rassistische Praktiken der Ausgrenzung gibt, die sich u.a. auch in Amts- und Alltagssprache in Abgrenzung zum konstruierten "Weißsein" darstellt.

Seit vielen Jahren ist es unumstritten, dass diese Auswirkungen der sprachlichen Veränderungen auch bei vielen anderen Begriffen im Zusammenhang mit Schwarzen Menschen auftreten, also Menschen mit dunkler(er) Hautfarbe, die u.a. als "Schwarze" Menschen bezeichnet werden, eben weil es diese Konnotationen gibt, und die sich oft selbst als "Schwarze" Menschen beschreiben, weil die Solidarität mit Unterdrückten wichtig ist, um die historische Differenzierung in hellere und dunklere Hauttöne, also bessere und schlechtere "Schwarze", aufzuheben. So werden grundsätzlich in vielen Sprachen, inkl. der deutschen Sprache, negative Eigenschaften mit der schwarzen Farbe assoziiert. Das Schwarzfahren in der Bahn ist nur eines von vielen Beispielen. "Der schwarze Peter", "Schwarzarbeit", "das schwarze Schaf" und "jemanden anschwärzen" sind weitere Beispiele. Im Gegenteil dazu ist "weiß" grundsätzlich positiv besetzt und steht im Allgemeinen für das Unschuldige, Wahre, Gute, Reine und Rationale. Um diesem zu entgehen, bzw. die Wahrnehmung zu verdeutlichen, wird von einigen Menschen auch eine konsequente Umkehrung dieser Logik angewandt, z.B. so: "du musst die Drecksarbeit machen, du hast den weißen Peter gezogen!", oder "du bist ein guter Mensch und unschuldig, du hast eine schwarze Weste!"

In Deutschland, und auch anderswo, werden diese scheinbar harmlosen Farbbezeichnungen sehr häufig und regelmäßig in rassistischen Kontexten genutzt - zum Teil bewusst, aber oft unbeholfen. Und genau diese "unschuldige" Sprachnutzung ist es, die den Alltagsrassismus schwierig anzugreifen, aber dafür umso gefährlicher und verletzender für Menschen macht. Zum Thema Alltagsrassismus wird exemplarisch verwiesen auf das Werk "Deutschland Schwarz Weiß" von Noah Sow.

Es gibt natürlich viele weitere Beispiele für diskriminierende Begriffe, die mal mehr und mal weniger kritisch gesehen werden. Oft sprechen Menschen z.B. ganz ungeniert von "getürkt", "Blondine" oder "behindert". So harmlos diese Begriffe für Menschen der Mehrheitsgesellschaft sein mögen, so schmerzhaft sind sie doch für die Betroffenen. Wenn diese Begriffe von Institutionen, wie Behörden und Medien, genutzt werden, steckt zusätzlich auch institutionelle Macht dahinter, die sich nicht nur in Verletzungen, sondern in institutionalisiertem Rassismus widerspiegelt.

Wenn Sprachbilder derartige Risiken mit sich führen, stellt sich die Frage, ob das Festhalten an sprachlichen Traditionen wichtiger ist als das Korrigieren aller diskriminierenden Konnotationen und deren institutionellen Folgen. Die meisten Menschen denken bei solchen Redewendungen nicht an die Folgen, es gibt oft keine negative Absicht. Es geht dabei aber nicht nur darum, was Menschen bei der Verwendung eines Begriffs oder dem ausführen einer Handlung meinen oder welche Bedeutung oder Intention mit einem Begriff oder einer Handlung von den Akteuren assoziiert wird; es kommt vor allem darauf an, ob die Betroffenen den Begriff als rassistisch und diskriminierend erleben.

Nein, nicht jede wird verletzt durch vermeintlich witzig gemeinte Zuschreibungen wie "du Schokolade" oder "du Schwarzfahrer". Aber das ist auch nicht der Punkt, denn es gibt sehr viele Menschen, die nicht nur durch solche Zuschreibungen verletzt, sondern die in verschiedensten Kontexten diskriminiert werden (Stichwort "Racial Profiling") - individuell, institutionell, strukturell. Eine Verniedlichung der rassistischen Konnotationen in Sprache hat ganz klar zur Folge, dass der Rassismus in der Mitte der Gesellschaft nicht eingedämmt, sondern gestärkt wird und somit den Nährboden für Monokulturalität und Rechtsradikalismus düngt. Das darf nicht sein!

Die aktuelle Debatte zeigt erneut, dass es der Mehrheitsgesellschaft bisher nicht gelungen ist, einen Paradigmenwechsel zu vollziehen und rassistische Begriffsbildungen und rassistische Handlungen aus der Perspektive der Betroffenen zu betrachten. Gäbe es keinen Rassismus mit Blick auf die Hautfarbe, bräuchten wir auch keinen Diskurs über rassistische Begriffe führen. Aber es gibt Rassismus in der Mitte der Gesellschaft, und dagegen müssen wir immer und überall vorgehen!

Ich, Afrasan Adamawan, unterstütze daher die Forderung des Stadtrats Orhan Akman in München und verlange nicht nur eine nicht-rassistische und zielführende Bezeichnung für das Fahren ohne gültigen Fahrausweis, mein Vorschlag: "Fahren ohne gültigen Fahrausweis!", sondern fordere außerdem eine Untersuchung der alltagssprachlichen Muster auf Begriffe und Zuschreibungen mit diskriminierender Konnotation sowie eine konsequente Ersetzung solcher Rassismus-fördernden Begriffe in der Öffentlichkeit, bei staatlichen und privaten Institutionen.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.