Odenwald-Forum – Schweizer im Odenwald

  Es müssen viele Schweizer in den Odenwald gekommen sein, so begrüßte Thomas Hess, Vorsitzender des HGV Lützelbach, die zuvor noch nie erreichte Besucherzahl von mehr als 100 Zuhörern beim Odenwald-Forum in Hummetroth. Der Referent Werner Heil, geborener Odenwälder, aber seit Jahren in der Schweiz lebend, startete seinen Vortrag mit der Aussage:
„Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Wanderungen.“
Nach dem Dreißigjährigen Krieg sind zahlreiche Schweizer in die entvölkerten Gebiete Deutschlands gekommen. Die Vorfahren bekannter Persönlichkeiten, wie z. B.: Erich Honecker, Gregor Gysi, Reinhard Bütikofer und Thilo Sarrazin stammen aus der Schweiz.
Auf dem Territorium der heutigen Schweiz existierte vor der französischen Revolution die „Schweizer Eidgenossenschaft“, ein loser Bund von selbständigen Staaten, alliierten Gebieten und sogen. Untertanengebieten (Kolonien). Im 17. Jhdt. verließen viele Schweizer ihre Heimat. Die Gründe dafür waren eine Mischung aus religiöser Unduldsamkeit, politischer Verfolgung, wirtschaftlicher Not und dem Streben nach wirtschaftlichem Erfolg.
Zu den frühesten Auswanderern gehörten die Täufer (Wiedertäufer, Mennoniten), die weder zahlenmäßig noch namentlich im Odenwald fassbar sind. Während des dreißigjährigen Kriegs geriet das Bündnerland (Kanton Graubünden) in den Interessenkonflikt zwischen Frankreich und Spanien. Dies und die Auswirkungen der Gegenreformation veranlassten viele die Heimat zu verlassen. Die gleiche Wirkung hatte der Schweizer Bauernkrieg von 1652. Nach dem Westfälischen Frieden 1648 geriet die Schweiz in eine Wirtschaftskrise, da der lukrative Export von Nahrungsmitteln nach Deutschland einbrach und eine Währungskrise verursachte. Für ihre Kredite an deutsche Kriegsherren erhielten Schweizer Geschäftsleute schließlich Güter in Deutschland, die sie von Landsleuten bewirtschaften ließen.
Die Schweizer siedelten sich in den entvölkerten Gebieten des Elsass, in den pfälzischen Gebieten links und rechts des Rheins und im Kraichgau an. Die Grafschaft Erbach lag am Rand dieser Gebiete und nutzte die politischen und regionalen Verflechtungen mit der Kurpfalz für die Anwerbung von Neusiedlern. Die Auswanderer wurden in der Schweiz nur lückenhaft erfasst; das ist auch auf Schweizer Seite kaum erforscht und im Schweizer Geschichtsbewusstsein nicht präsent. Schweizer als Wirtschaftsflüchtlinge in Deutschland? Nicht vorstellbar! Basierend auf überwiegend deutschen Forschungsergebnissen betrug die Auswanderungsquote ca. 10-15 % der reformierten Bevölkerung der Schweiz.
Die Schweizer Einwanderer waren im Odenwald vor allem in der Land- und Viehwirtschaft tätig. Auch Handwerker waren im verwüsteten Land gefragt. Der Bergbau und die Eisenindustrie zogen Fachleute aus der Schweiz an und für Lehrer und Pfarrer gab es offene Stellen in reformierten Gemeinden.
Die Integration in die neue Umgebung war damals wie heute problematisch: Unterschiedliche Konfessionen, Dialekte, Sitten und Gewohnheiten bedingten eine Art Ghettobildung: anfänglich wurde nur untereinander geheiratet. Dazu kamen Ablehnung und Diskriminierung durch die Alteingesessenen, Sozialneid wegen wirtschaftlicher Vorteile: „Äckerschlucker“, „sie kaufen ganze Dörfer“ und die Verallgemeinerung von Fehlverhalten: alle Schweizer sind „Lügner“, „Diebe“, „Schelme“, „Lästerer“ etc.
Zum Schluss zeigte der Vortragende noch, dass sogar der südhessische und der europäische Adel Schweizer Wurzeln hat.
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