Odenwald-Forum - Soldaten sind in der Stadt (1648-1775)

Thomas Heß, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Lützelbach, begrüßte die Besucher des 179. Odenwald-Forums und die Referentin Heidi Banse, Michelstadt, im vollbesetzten Saal des Gasthauses Odenwald in Höchst-Hummetroth. Mit Erschrecken sei ihm bewusst geworden, dass es über 127 Jahre keine dauerhafte Friedenszeit im heutigen Deutschland gegeben habe. Die Referentin berichtete über ihre Recherchen in den Kirchenbüchern und Fundstücke zu vergangenen Kriegszeiten, Truppendurchzügen und Einquartierungen mit all dem Leid für die kleinen Leut im Odenwald zwischen 1648 und 1775. Aufgewachsen in der längsten Friedenszeit, die wir auf dem Gebiet des heutigen Deutschland erleben durften, stellt sie der Zeit nach dem 2. Weltkrieg die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) gegenüber. Wäre der Wiederaufbau nach 1945 so langsam voran gekommen wie der nach dem 30jährigen Krieg - dann würden wir heute noch in den Trümmern des 2. Weltkrieges leben. In dem eng begrenzten Raum der Grafschaft Erbach und der Herrschaft Breuberg, fanden keine großen Schlachten statt. Doch der Odenwald war schon von je her Durchzugsgebiet für Truppenbewegungen zwischen Rhein, Main und Neckar. Die Menschen kamen nicht zur Ruhe.
In den Französischen Raubkriegen (ab 1673) blieb beim Anmarsch der Truppen nur die Flucht von Mensch und Tier in die umliegenden Wälder. Die Kette der Lärmfeuer wurde wieder auf den Odenwaldhöhen instand gesetzt. Im September 1673 „wardt zu Michäelstatt bei der Flucht wegen der Französischen Einfall“ ein Kind von Hans Straub aus Vielbrunn getauft und es starb Simon Walther von Kimbach „welchen die Frantzosen zu Weitengesäß erschossen 31 Jahre alt“. Der Erbachische Amtmanns Adolf Friedrich Pfreundt gerät in französische Geiselhaft, weitere Lieferungen an Getreide sollten erpresst werden. Im Oktober fiel man auf Befehl des Intendaten La Grange von Heidelberg in Michelstadt ein und verlangte u. a. 12 000 Rationen Fourage zu je 15 Pfund Heu, 5 Pfd. Stroh und 3 Metzen Hafer. Unvorstellbar große Mengen für die damals 74 Michelstädter Haushalte. Die Erbfolgekriege bringen weiteres Unheil. Simon Reichard von Unter Mossau wird ein Söhnlein getauft, „so in der Flucht vorm Feind in dem Herrschaftlichen Thiergarten zu Rehbach geboren.“ Erst 1728 gelingt der Wiederaufbau der zerstörten Bullauer Kirche. Aus dem gleichen Jahr hat sich in Bullau auch eine Bauinschrift erhalten als Inschrift am alten Körberhaus: MICHEL KERBER - JOHAN GEORG MAIER – 1728 (der Name des Bauherren und des Zimmermanns aus Michelstadt). Das Haus wird heute im Hessenpark in Neu-Anspach im Depot gelagert. Im Sommer 1735 kommt es zum Durchmarsch russischer Truppen. Der Grafschaft nähern sich 12000 Mann zu Fuß und 2500 Reiter. Die Bäcker des Landes erhalten den Auftrag, „eine große Quantität von Zweipfundleibchen zu Backen“. Das Lager wurde bei Michelstadt auf der Beine abgesteckt und „mit Stroh gut versehen“ (heute Kreuzung bei McDonalds). Als Lazarett hatte die Stadt Michelstadt das Gutleuthaus eingerichtet, später war dies das Hotel Fürstenauer Hof am Potsdamer Platz. Zu Beginn des 7-jährigen Krieges (1756–1763) setzt eine bisher wenig bekannte, rege Preußische Soldatenwerbung ein. Ganze Familien machen sich auf den Weg in die Altmarkt. Die Heidedörfer Dolle, Letzlingen und Salchau werden von Odenwäldern besiedelt. Der Familienname Horn wurde dort der häufigste Familienname. Wie aus dem Kirchenbuch ersichtlich, wird ein Preußisches Soldaten-Werbebüro im Gasthaus „Zur Sonne“ und im gegenüberliegenden Gasthaus „Zur Traube“ eingerichtet, später „Preußischer Hof“ genannt. Der Chef dieser Werbung, der Königlich Preußische Rittmeister August Ludwig Krug von Nidda, Premier Lieutnant des Dragoner Regiments von Alvensleben war mit der Enkeltochter des Michelstädter Amtmanns Adolph Friedrich Pfreundt verheiratet. Doch diese Soldatenwerbung brachte neues Leid für die kleinen Leut. „Wünschen wir unseren Enkeln, dass sie im Odenwald in sicheren und friedlichen Zeiten aufwachsen können“.
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