Odenwald-Forum - Warum waren die Reformer vor Martin Luther nicht erfolgreich?

Zum jüngsten Odenwald-Forum waren wieder mehr als 50 Besucher nach Hummetroth gekommen. Im „Vorprogramm“ berichtete Herbert Koschoreck über Geschehnisse des 5. Aprils vergangener Jahre und Heidi Banse ließ die Zuhörer teilhaben an den Ereignissen des Kriegs-Jahres 1917, die sie dem Centralanzeiger für den Odenwald entnommen hatte: Ein Spar-Rezept für ein Gericht aus Dickwurzel (Rummelse) wurde offeriert, man solle die Rüben nur in ganz feine Scheiben schneiden und mindestens drei Stunden kochen. In Erbach wurde eine Suppenküche für Not leidende Kinder eingerichtet, die dort für 15 Pfennig unter Aufsicht eine warme Mahlzeit essen konnten.

Der Hauptvortrag des Abends aber beschäftigte sich mit den Reformern vor Luther. Der Referent Dr. Erwin Kreim aus Mainz/Otzberg wies anfangs darauf hin, dass die ihm von den Veranstaltern gestellte Frage noch nicht beantwortet wurde, trotzdem gab er am Ende seines Vortrags Antworthinweise.
Am Beginn seiner Ausführungen schilderte der Referent die Auswrkungen von Gutenbergs Erfindung, des Druckens mit beweglichen Lettern. Er zeigte an Beispielen, wie schnell sich die neue Technik in der Praxis umsetzte. Schon 40 Jahre nach dem ersten Bibeldruck entstand eine Bibliothek im ehemaligen Benediktinerkloster Sponheim mit 2000 Titeln - die größte Bibliothek im deutschen Reich, die „Mutter aller Bibliotheken“. Dorthin reisten alle namhaften Wissenschaftler der damaligen Zeit (Celtis, Reuchlin, Agrippa) um den Wissensschatz zu erkunden. Luther, seine Gegner und vor allem die Humanisten nutzten Gutenbergs Erfindung zur Verbreitung ihrer Gedanken.
Als roten Faden seiner weiteren Ausführungen nahm Dr. Kreim die Darstellungen des größten Luther-Denkmals der Welt in Worms. Martin Luther auf dem Sockel ruht gleichsam auf den Schultern von vier Reformern vor ihm: dem Franzosen Petrus Valdes, dem Engländer Wyclif, dem Italiener Savonarola und dem Böhmen Jan Hus. Die Erbauer des Denkmals haben 1867 ganz bewusst diesen Zusammenhang darstellen wollen, dass Luther auf Vorläufer aufbauen konnte. Der Theologe Drewermann formulierte es so: Andere haben gesät, Luther konnte ernten.
Die Ernte konnte aber nur in harten Auseinandersetzungen mit Vertretern der alten Kirche erfolgen. Ohne den Schutz der ebenfalls auf dem Denkmal dargestellten Fürsten Kurfürst Friedrich II. und Philipp dem Großmütigen von Hessen wäre Luther als Ketzer wahrscheinlich der Reichsacht zum Opfer gefallen.
Auch die Auseinandersetzungen mit Luthers „ungeliebten Brüdern“ (Müntzer, Pfeiffer, Kallstadt, Zwingli) forderte Opfer, bis es schließlich auf dem Reichstag von Speyer 1529 zu einem gewissen Religionsfrieden kam. Die Herrscher konnten die Religion frei wählen und sie dann für ihre Untertanen bestimmen: „Cuius regio, eius religio“ (wessen Land, dessen Religion). Dass der Frieden nicht lange hielt, belegen die zahlreichen folgenden Religionskriege.
Am Ende der Veranstaltung wies der Referent darauf hin, dass die Vorläufer keineswegs gescheitert sind. Ihre Anhänger pflegen heute noch ihre Traditionen: die Waldenser, nach Petrus Valdes genannt, sind mit den Wiedertäufern, den Mennoniten eine große Glaubensgemeinschaft, ebenso die Hussiten vor allem in Tschechien und die Anglikaner, die Wyclif als ihren ersten Martyrer verehren. Der als Ketzer verbrannte Savonarola wird auch in der katholischen Kirche als Heiliger canonisiert.
In der anschließenden lebhaften Diskussion ging es auch um die dunklen Seiten des großen Reformators. Dabei stellte der Referent Luthers Texte Ausführungen des großen Humanisten und ersten Europäers Erasmus von Rotterdam gegenüber. Die ausgewählten Texte wurden von Heike Arnold-Stephan, Otzberg engagiert vorgetragen, was die Veranstaltung sehr belebte.
Als Fazit der Veranstaltung betonte Dr. Kreim, dass Luther keine Kirchenspaltung wollte und insofern die Reform noch nicht abgeschlossen ist, weil es bis heute in den christlichen Kirchen noch viel zu reformieren gilt.
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