Heimat- und Museumsverein Nauheim

Ausstellung zu Altbürgermeister Heinrich Kaul IV.

Am letzten Sonntag war das Heimatmuseum wieder einmal geöffnet. Es wurden Dokumente aus dem Nachlass von Altbürgermeister Heinrich Kaul IV. gezeigt, wie z.B. die Geburtsurkunde, das Schulzeugnisheft – meistens mit den Noten „gut“ – das Wehrsoldbuch, Urkunden, Grundstücksbriefe, Gerichtsprotokolle usw. Heinrich Kaul wurde 1888 in der Waldstraße 28 geboren, leistete seinen Wehrdienst in Mainz ab, wurde zum Eisenbahnassistenten ausgebildet und betrieb eine eigene Landwirtschaft mit Schwerpunkt Spargel- und Obstanbau. Seine Erzeugnisse verkaufte er bis ins Vogtland, nach Berlin und ins Ruhrgebiet. Ehrenamtlicher Bürgermeister war er von 1919 – 1933 und von 1946 – 1948. Mit Margaretha Vogel war er verheiratet und wohnte in der ehemaligen Rathausstraße 9. Sein Wirken für Nauheim war vielfältig, den meisten im Gedachtnis ist die Ansiedlung der Flüchtlinge aus dem Sudetenland mit dem Aufbau der Nauheimer Musikindustrie. Er starb 1965 kinderlos.

Bei seiner Musterung wurde er als aufrecht, mit gerader Nase und Kinn, Schnauzbart, dunkelhaarig mit einer Größe von 1,65 m chrakterisiert. Den Wehrdienst als Musketier (Truppengattung der Infanterie) leistete er beim Infanterie-Leibregiment Großherzogin 117 in Mainz ab, wurde aber vorzeitig aus gesundheitlichen Gründen entlassen. Im ersten Weltkrieg jedoch wurde er an der Westfront eingesetzt, verwundet und nach Lazarettaufenthalt entlassen. In den 20er-Jahren konnte er mit Absegnung des Gemeinderates viel in dem 2000 Einwohner zählendem Nauheim bewirken.

Für seinen passiven Widerstand gegen die französischen Besatzungstruppen wurde er 1923 deportiert. Er musste Nauheim verlassen und wohnte zeitweise in Darmstadt-Eberstadt. Seine Dienstbezüge wurden ihm weiterhin gewährt. Eine Gehaltsmitteilung ist in der Präsentation im Museum zu sehen mit der Auflistung seines „bescheidenen“ Salärs zum 1.7.1923 von 3.743.800 Mark pro Monat. Die Inflationsrate betrug damals 237 % (heute: 0,7 %).

Einige, kaum bekannte Entscheidungen in seiner Bürgermeisterzeit seien hier aufgeführt. Um 1925 wurde die erste Gemeindeapotheke eingerichtet, die nach Zins- und Tilgungsverpflichtungen 700 RM Gewerbesteuer abwarf. Auch ein Arzt für Allgemeinmedizin und ein Dentist wurden in Nauheim ansässig. Der Obstanbau lag ihm besonders am Herzen. So schuf er wertvolle gemeindeeigene Obstanlagen, die so hohe Erträge abwarfen, dass damit auch Gemeindeaufgaben erfüllt werden konnten. Die erste motorbetriebene Obstbaumspritze im Kreis Groß-Gerau holte er nach Nauheim. Die Gründung der Starkenburger Obst- und Gemüseanbau- und Verwertungsgenossenschaft e.G.m.b.H. (Stoga) durch ihn sei nur vollständigkeitshalber erwähnt.

Seine größte Leistung nach dem zweiten Weltkrieg war die Unterbringung und Ansiedlung der Aussiedler aus dem Sudetenland. Manchmal kamen täglich 200 Flüchtlinge in Nauheim an, die bei den etwa 2800 Einwohnern untergebracht wurden. Da war Durchsetzungsvermögen, Standhaftigkeit, ja Sturheit und Konsequenz gefragt. Heinrich Kaul scheute auch Auseinandersetzungen nicht. Man möge sich nur einmal vorstellen, wie das mit den letztjährigen Asylbewerbern vergleichsweise im heutigen Nauheim vonstatten gegangen wäre. Kaum vorstellbar! — In rascher Folge wurde ein Flächennutzungsplan aufgestellt, Baugebiete, wie „Unter der Muschel“, „Industriestraße“ u.a. wurden ausgewiesen, parzelliert und privat oder von der Baugenossenschaft bebaut. — Lebenslauf und alle Entscheidungen in seiner Dienstzeit als Nauheimer Bürgermeister können im Internet über www.heimatmuseum-nauheim.de eingesehen werden. Die Ausstellung ist noch am Sonntag, 20.11.2016, von 14 - 16 Uhr im Heimatmuseum Nauheim, Schulstraße 6, zu sehen.
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