Mühlengeschichte aus dem Blickwinkel eines Familienforschers

Mühlengeschichte aus dem Blickwinkel von Familienforschern: rechts Heiner Wolf, Leiter der Odenwälder Familienforscher-Bezirksgruppe, links Referent Dr. Hermann Müller (Foto: Manfred Bräuer)

Kirschhausen (mab). Fünfzig Mühlen standen einst an den vom Odenwald über die Bergstraße in das Ried fließenden Bächen in Heppenheim und seinen Stadtteilen. Betrieben wurden diese Mühlen oft über Generationen von mit einander verwandten Müllern. Grund genug, dass sich auch die Familienforscher mit den Mühlen und deren Besitzern beschäftigen. In einer gemeinsamen Vortragsveranstaltung der Bezirksgruppen Odenwald und Bergstraße in der Hessischen familiengeschichtlichen Vereinigung und dem Heppenheimer Geschichtsverein trug Dr. Hermann Müller den aktuellen Stand seiner Forschung vor.

Nach der Begrüßung durch Heiner Wolf von der Odenwälder Bezirksgruppe und einer Einführung durch Manfred Bräuer vom Heppenheimer Geschichtsverein zeigte Dr. Müller in seinem reich bebilderten Vortrag die Verbindungen zwischen Mühlen- und Familienforschung auf. Gelegentliche Fragen zeigten das starke Interesse des Publikums an der neunzigminütigen Präsentation. Die Antworten bewiesen, dass Dr. Müller über hohes Hintergrundwissen verfügt.

Ausgehend von den vorhandenen Quellen, wie Kirchenbüchern, Sippenbüchern, Ratsprotokollen, Anzeigenblättern und nicht zuletzt Grabsteininschriften spannte Dr. Müller einen Bogen von der ersten Erwähnung einer Heppenheimer Mühle im 12. Jahrhundert bis zur Stilllegung der letzten aktiven Mühle, nämlich der Mitschsmühle, im Jahr 1975. In einer Übersichtskarte mit den eingetragen Mühlenstandorten zeigte Müller die topografische Verteilung der Mühlen entlang der Bäche. Ausführlich erläuterte er zu den verschwundenen Mühlen sowie den verbliebenen Mühlengebäuden die unterschiedlichen Mühlentypen. Auf die „Kunstmühle“ des Georg Tuger, einer späteren Nudelfabrik, ging der Referent näher ein: Der Ausdruck Kunstmühle bezog sich hier auf die technische Ausstattung nach dem damals neuesten Stand der Ingenieurskunst.

Im zweiten Teil seines Vortrags betrachtete der Referent verschiedene Müller-Familien, unter denen es arme, reiche sowie auch adelige Familien gab. Die Freiherren von und zu der Hees hatten in ihren Wappen auch zwei Mühleisen. In für die Familienforschung typischen Diagrammen wurden einige Müllerdynastien genealogisch beleuchtet. Insgesamt hat Dr. Müller bisher ca. 700 Müller in Heppenheim und seinen Stadtteilen erfasst, alleine 36 Müller tragen den Namen Mitsch und zwanzig den Namen Eberhard.

Neben der eigentlichen Tätigkeit zur Versorgung der Bevölkerung mit Mehl hatten einige Müller auch Funktionen im Gemeinwesen inne. Sie begleiteten Ämter wie Ratsschultheiß, Ratsherr, Bürgermeister (z.B. in Hambach die Familien Schweinsberger, Guthier und Herlemann). Zusammen mit den Bäckern sorgten sie für das Grundnahrungsmittel Brot. Ein Fünftel der Müller in Heppenheim war zugleich Bäcker.

Die Kunden der hiesigen Mühlen kamen nicht nur aus Heppenheim und den heutigen Stadtteilen, sondern auch aus dem Ried. Anhand von Einnahme- und Mahlbüchern ist zu ersehen, dass die reine Mahltätigkeit, die unter Anderem vom Wasserangebot und damit vom Wetter abhängig war, zur Existenzsicherung nur selten ausreichte. Viele Müller boten deshalb zum Gelderwerb Fuhrdienste und andere Dienstleistungen in der Landwirtschaft an. War eine Existenz als Müller hier dennoch nicht mehr möglich, blieb als letzter Ausweg die Auswanderung, vorzugsweise ins Banat (18. Jahrhundert) oder nach Amerika (19. Jahrhundert).
Zur Abrundung seines Vortrags ging Dr. Müller auf eher randständige, aber mitten aus dem Leben gegriffene Aspekte, wie „Tod auf der Mühle“ durch Betriebsunfall und Mühlen als Versammlungsort und Unterschlupf für „Raubgesindel“, ein. Mit dem Reim „Das Räderwerk der Mühle ist verstummt, kein Korn, kein Mehl wird mehr getragen. Nur noch der Mühlbach leise summt und träumt von längst versunkenen Tagen.“ schloss Dr. Müller seine Präsentation. Bergsträßer und Odenwälder Familienforscher sowie Mühleninteressierte waren gleichermaßen begeistert. Den Dankesworten von Heiner Wolf folgte deswegen reichlich Beifall.
(Text und Bild: Manfred Bräuer, Heppenheim)
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Die Hessische familiengeschichtliche Vereinigung wurde 1921 mit dem Zweck gegründet, die Familienkunde zu pflegen und die Mitglieder bei ihren Forschungen zu unterstützen. Das Arbeitsgebiet der Hessischen familiengeschichtlichen Vereinigung e. V. umfasst die drei ehemaligen Provinzen des alten Großherzogtums Hessen bzw. des Volksstaats Hessen: Starkenburg, Oberhessen und Rheinhessen (hier nur 1816-1945). Die Vereinigung mit nahezu tausend Mitgliedern ist in Bezirksgruppen, darunter der Bergsträßer Bezirksgruppe und dem Odenwälder Stammtisch, gegliedert. Homepage: www.hfv-ev.de
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