Essbare Notenschlüssel und Musik aus drei Jahrhunderten Großes Jubiläumskonzert der Akkordeon-Vereinigung 1936 Pfungstadt e. V.
Pfungstadt: Mehrzweckhalle | Riesenapplaus und strahlende Gesichter in der fast voll besetzten Eschollbrücker Mehrzweckhalle beim großen Herbstkonzert der AVP am 19. November. Zum 75. Jubiläum hatte die Akkordeon-Vereinigung alle vier Orchester aufgeboten, dazu ein Gastorchester und ein kammermusikalisches Duo. Umrahmt von stimmungsvoller herbstlicher Dekoration, einer Bilderschau und originellen Angeboten wie essbare Notenschlüssel fürs leibliche Wohl übertrafen die ausgesuchten und hervorragend präsentierten musikalischen Darbietungen alle Erwartungen.
Die jüngsten Akkordeonkinder im neu gegründeten Nachwuchsorchester eröffneten das Konzert unter der Leitung ihres Akkordeonlehrers Eduard Ungefucht mit der Suite „Fünf Miniaturen“ des Chemnitzer Komponisten Werner Richter (1929-2008), für das sie im Mai beim 1. Deutschen Jugend- Akkordeonorchesterwettbewerb das Prädikat „Ausgezeichnet“ erhielten. Das moderne und trotzdem kindgemäße Stück präsentierten sie einwandfrei und musikalisch erstaunlich akzentuiert, dazu mit sichtlicher Freude am Spiel.
Mit unterhaltsamen Klängen folgte das Orchester Da Capo. Es spielte unter der Leitung von Sabine Lauterbach Ouvertüre und Thema von Andrew Lloyd Webbers „Phantom der Oper“, bearbeitet von Otto Eckelmann und „Ich war noch niemals in New York“ von Udo Jürgens, Arrangement Gottfried Hummel.
Das Orchester des Akkordeon-Konzertvereins 1936 Darmstadt e. V., in diesem Jahr ebenfalls 75 Jahre alt und mit der AVP durch die gemeinsame musikalische Leitung von Lotte und Werner Kirschner seit vielen Jahrzehnten freundschaftlich verbunden, erfreute unter der Leitung von Wolfgang Wagner mit traditioneller deutscher und fröhlich-schwungvoller wienerischer Akkordeonmusik: Pastorale und Bourrée aus „Hegaubilder“ von Hermann Ambrosius (1897-1983), „Bayrische Suite op. 98“ von Hermann Zilcher (1881-1948) in Bearbeitung von Rudolf Würthner sowie ebenfalls von Würthner bearbeitet „Weaner Madl’n, Walzer op. 388“ von Carl Michael Ziehrer (1843-1922), der nach Strauß als letzter k. k. Hofballmusikdirektor in Wien wirkte.
Das Schülerorchester unter der Leitung von Jens Jourdan präsentierte sein Wertungsstück „Villa Timecode“ von Hans-Günther Kölz (geb.1956), mit dem es beim 1. Deutschen Jugend-Akkordeonorchesterwettbewerb Deutscher Vizemeister wurde. Die musikalische Zeitreise in sieben Sätzen führte das Publikum von der Steinzeit bis zum Rock’n Roll, und zwar noch einmal um vieles besser als beim Wettbewerb im Juni. Nicht nur, weil diesmal auch ein Sprecher (Dr. Rolf Schmitt) mit von der Partie war, sondern weil der Vortrag inzwischen weiter ausgefeilt und rhythmisch vervollkommnet wurde. Ein besonderes Lob des AVP Präsidenten erhielt der junge Schlagzeuger Falco Ratmann.
Als musikalischer Leckerbissen erwies sich der Auftritt des Duos Charlotte Freiberger (Violine) und Jan Rink (Akkordeon), das bereits vor vier Jahren das Pfungstädter Publikum mit seiner Musik begeisterte. Um den Hörgenuss zu vervollkommnen, wurde im Saal das Licht heruntergedreht, ehe das spätromantische „Adagio G-Moll“ von Tomaso Albinoni (1671-1751) erklang. Das erst Mitte letzten Jahrhunderts entdeckte ursprünglich für Orgel und Streicher konzipierte Werk wirkt in kaum einer Instrumentierung so ergreifend und wunderbar, wie mit Violine und Akkordeon. Die Zuhörer waren fasziniert und wie verzaubert.
Den künstlerischen Höhepunkt des Konzerts boten die 30 Musiker des Ersten Orchesters der AVP unter Dirigent Jens Jourdan mit A. Götz’ (geb. 1938) „Dalmatinischen Tänzen“ in vier Sätzen und mit seinem anspruchsvollen Beitrag zum Deutschen Orchesterwettbewerb „The Colors“ von Slavko Suklar (geb. 1952). Der in Slowenien geborene Komponist schrieb das Werk1994 unter dem Eindruck der Jugoslawienkriege und bezieht sich u. a. auf Johann Sebastian Bachs Schlusschoral aus der Johannespassion. Es beginnt gleichsam friedvoll schwebend mit flimmernden Harmonien und ruhenden, aufeinander geschichteten Klängen, die sich zunehmend verdichten. Die Stimmung kippt, wird düster und hektisch. Vorangetrieben vom Schlagwerk drängt sich zunehmende Aggressivität im rhythmischen Untergrund, steigert sich zu Entladungen salvenartiger Schläge, gefolgt von Momenten scheinbarer Ruhe, um erneut auszubrechen, wobei zwei Orchestergruppen - eher gegeneinander als miteinander – agieren. Schließlich erstirbt die Intensität allmählich. Mit dem vollständigen Ausblenden der furchterregenden Rhythmen ersteht nach einem Übergang aus Dissonanzen mit zunehmender Klanggewalt der Bach’sche Choral „Ach Herr lass dein lieb Engelein“ mit der hoffnungsvollen Bitte um Auferstehung von den Toten – barocke Harmonien wie von einer gewaltigen brausenden Orgel. Die großartige, mit starkem Applaus bedachte Darbietung beleuchtete die hohe Fähigkeit des hervorragend eingespielten Orchesters und verdeutlichte einmal mehr die Wandlungsfähigkeit und Vielseitigkeit des Akkordeons als Musikinstrument, seine differenzierte musikalische Ausdruckspalette.
Zum Abschluss würdigte Professor Dr. Matthias Hemmje als Erster Vorsitzender der AVP die Leistungen der musikalischen Leiter Wolfgang Wagner, Jens Jourdan, Sabine Lauterbach und Eduard Ungefucht, unter lautstarken Beifallsbekundungen der Jugend speziell für Ungefucht. Hemmje dankte den Musikern vom AKD sowie dem Duo Freiberger/Rink und allen, die zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen hatten. Schließlich gab es noch Anerkennung für eine weitere Leistung: Das sportliche AVP Team „Allegro Con Moto“ errang dieses Jahr beim „Iron Man of Pfungstadt“ (Ultra – Triathlon der Firmen) den Ersten Platz! Den von Stadtverordnetenvorsteher Reinhard Ahlheim überreichten Wanderpokal der Stadt Pfungstadt reihten die Akkordeonisten nicht ohne Stolz in die am Bühnenrand ausgestellte stattliche Sammlung von Trophäen ein. „Akkordeonspielen macht eben nicht nur Freude, sondern hält auch fit!“ meinte Hemmje.
In die 75jährigen Geschichte der AVP gelangt das schöne Konzert als wahres Highlight. Kaum zu sagen, wer glücklicher war über die gelungene Veranstaltung, Besucher, Musiker oder Vorstand. Freilich fallen musikalische Leistungen wie sie bei diesem Konzert zu genießen waren, nicht vom Himmel. Alle beteiligten Musiker, ob Groß oder Klein, haben viel geübt und geprobt und zum Teil auch große Wegstrecken von außerhalb in Kauf genommen, nach Pfungstadt, wo Akkordeonmusik seit einem Dreiviertel Jahrhundert gepflegt wird. Für viele Musikliebhaber draußen noch ungewohnt, denn das Akkordeon ist ein noch junges Instrument. Die Entdeckung seiner solistischen wie auch konzertanten Möglichkeiten hat erst begonnen, überrascht manche Musikfreunde. Kommentar begeisterter Konzertbesucher:„Wir wussten gar nicht dass es so was gibt!“ „Ich glaube, wir werden Fans!“ „Wann spielt ihr wieder?“
Informationen der AVP zu Konzerten, Unterricht, Orchesterproben usw.:
http://www.avp-1936.de
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