Eine Ausstellung als gelungenes Wagnis

Reinheim: Galerie im Hofgut |

Eine unbedingt erlebenswerte Ausstellung wird derzeit in der Galerie im Hofgut Reinheim gezeigt. Die Rede ist von der Installation „Wagnis 2“ die von der künstlerischen Arbeitsgemeinschaft von Uschi Friedel und Walter Lutz erarbeitet wurde.

Während der mehrmonatigen Zusammenarbeit fand ein direkter intensiver künstlerischer Austausch zwischen den beiden Künstlern statt. In dieser Zeit arbeitete Uschi Friedel sogar temporär im Atelier Walter Lutz.
Die Annäherung der beiden Künstler erfolgte über das Material, das am Anfang des gemeinsamen Schaffens spontan festgelegt wurde: braunes Packpapier.
Sowohl der Künstler als physisch greifbares Ding als auch der Ort des Schaffens wurden mit langen Packpapierbahnen und Kleister abgeformt und fragile Objekte erstellt: Ein Rahmen, in den der Mensch Walter Lutz Platz findet, ein Hocker, ein Tisch, ein Stuhl.
Man begegnet in der gezeigten Kunst gleich auch dem Abdruck der Herkunft des gezeigten Kunstwerks, nämlich dem Abdruck des Künstlers und dem Ort des Kunstschaffens, dem Atelier. Uschi Friedel wird durch ihre Handabformungen noch persönlicher und komplettiert damit die Herkunft der gemeinsam gestalteten Ausstellung.

Heimat, Schmerz, Verlust, Familie

Walter Lutz engagiert sich neben seiner Tätigkeit als Künstler persönlich und ganz praktisch für Migranten und Flüchtlinge, packt an und hilft. Vielleicht ermöglicht gerade das seine sehr praktische und realistische Sicht auf die Umstände, den Bedarf an Hilfe und die konkrete Situation. Walter Lutz‘ Werke sind geprägt von dieser persönlichen aber sachlichen Nähe zum Thema.
Es gibt ihn nicht, den oft dieser Tage zu bemerkende belehrenden Unterton in der Kunst, der sich z.B. Schreckensbilder Gestrandeter bedient.
Den beiden Künstlern ist es damit mit ihrer Installation gelungen, eine freie, eigenverantwortliche wie intensive Beschäftigung des Betrachters mit dem Thema zu ermöglichen.
Walter Lutz‘ Sicht auf die Flucht ist von einem großen Grad Realismus und Pragmatismus gezeichnet: Menschen mussten und wollten ihre Heimat verlassen und sind bei uns in der Fremde, was ein Arrangement zwischen der erlebten Fremde und den Erinnerungen erforderlich macht. Es sind vor allem der Abschied und Verlust, die Ungewissheit und Suche, die sehr bewegend mit installativen Arrangements von Uschi Friedel als Lebensbahnen gezeigt werden.

Eine Ausstellung die den Besucher fordert

Als Besucher der Ausstellung wird dabei das Auge zuerst heimatlos: es gibt keine Bilder an den kahlen Wänden, die Installation ist ausschließlich auf dem Boden aufgebaut und der Betrachter wird bewusst dazu gebracht, den Weg zwischen den einzelnen Kunst-Stationen zu gehen. Kein in Größe oder Farbe hervorstechendes Objekt in der ohnehin farblich reduzierten Ausstellung dient dabei als optischer Anker und Ausgangspunkt. Vielmehr ist man gezwungen, seine Reise durch die Ausstellung selbst anzutreten. Damit trifft die Anordnung der Installation die übergeordneten Themen und Zwischentöne: Heimat, Schmerz, Verlust, Familie.
Das Spurenlesen erfordert dabei nicht nur die Betrachtung der Objekte auf dem Boden, sondern auch das Anfassen und Blättern in den von Walter Lutz gestalteten Zeichen-Büchern aus Packpapier. Bewusst unregelmäßig sind die Seiten. Es finden sich abstrakte Zeichnungen, Collagen und Symbole wieder. Erneut wird der Betrachter gedanklich in die Fremde geführt, wenn er die Symbole und Schriftzeichen nicht oder nur in Fragmenten entziffern kann- oder auch, wenn der Besucher der Ausstellung unschlüssig ist, ob man die Ausstellungsgegenstände anfassen darf oder nicht, da die Gepflogenheiten eben nicht offensichtlich sind.

Das Mobiliar aus Packpapier ist filigran und wirkt, als könne jeder Windhauch die Objekte umstoßen. Friedel und Lutz zeigen hier spürbar, wie leicht das „Zu Hause“ zu zerstören ist, wie filigran die kleine heile Welt, die wir uns im Alltag schaffen.
Uschi Friedel setzt hierzu ihren eigenen Schwerpunkt auf den Aspekt von Heimat und Familie und deren Vergänglichkeit. Bewusst präsentiert sie in ihrer Installation zum Beispiel ein altes Hauswirtschaftsbuch aus den 50er Jahren , das eine Frau inmitten von Küchen- und Haushaltsgerät mit folgender Bildunterschrift zeigt: „Das ist der Hausrat, den eine junge Frau zur wirtschaftlichen Haushaltsführung benötigt“ und positioniert dazu eben solche Geräte, altes Geschirr, Spitzendeckchen und gehäkelte Topflappen, daneben Briefe in Sütterlin- alles bereits Anachronismen. Der Begriff und die Vorstellung von „Zu Hause“ sowie die Rollen der Bewohner haben sich in wenigen Jahren geändert, die Lebensform verwandelt. Was für die Nachwelt erarbeitet und geschaffen wird verliert allein durch Zeitablauf schon seine Daseinsberechtigung und das Zuhause für kommende Generationen wird schnell zur Illusion.
Die Ausstellung WAGNIS 2 ist noch bis zum 23.10.2016 jeweils samstags und sonntags von 14:00 Uhr bis 18:00 Uhr zu sehen (Galerie im Hofgut, Kirchstraße 24, 64354 Reinheim). Dabei kann in Dialog mit den Künstlern getreten werden. Die Künstler bieten auf Anfrage Sonderführungen durch die Ausstellung an.
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