Was wurde aus – Totilas?

Vor einem Jahr wurde der Hengst zum teuersten Dressurpferd der Welt. Jetzt stehen er und sein Reiter unter Druck: Der Star muss siegen.

Alles an ihm ist prächtig. Der Hals. Die Stirn. Die Fesseln. Regelmäßig, als habe ihn jemand gemalt. Doch am Bein trägt Totilas einen schmalen Verband. Nichts Schlimmes, bloß eine leichte Verstauchung, aber das Training fällt aus, Totilas bleibt in seiner Box. Da steht er in Kronberg im Taunus, der schwarze Hengst. Eine Steppdecke auf dem Rücken, den Hintern zur Tür. Schon will ich schmollende Langeweile aus dieser Haltung herauslesen, da dreht er sich um, senkt den Kopf und mustert mich. Von oben bis unten, ruhig, als würde er abschätzen, einschätzen. So schaut Totilas auch auf den vielen Bildern, die es von ihm gibt. Das bewundern die Menschen am meisten an ihm: dieses Unerschütterliche.

Als er im Sommer Deutscher Meister wurde, blieb er unbewegt im Viereck stehen, als wisse er genau, wem der Jubel gilt. Er posierte kühl, als internationale Züchter eine ganze Tribüne füllten, weil sie seinen Samen kaufen wollten – eine Portion für 4.000 Euro. Selbst den Sprung auf die Stutenattrappe erledigt er unaufgeregt. Und gelassen blickte Totilas in die Objektive der Fotografen, als ihn seine neuen Besitzer der Presse vorstellten.

Drei Mal war der Hengst schon Weltmeister im Dressurreiten, bevor er aus den Niederlanden nach Deutschland zog. Er führte die Weltrangliste an, brach mit Kraft und Anmut Rekorde, die er selbst aufgestellt hatte. Totilas, das Wunderpferd! Sogar jetzt in seiner Box strahlt er die Ausgeglichenheit eines Wesens aus, das sich nicht aufregen muss, weil es immer gewinnt. Mehr als acht Millionen Euro soll Paul Schockemöhle, der wichtigste Züchter Europas, für ihn bezahlt haben. So wurde Totilas zum teuersten Pferd, das es im Dressur- und Springreiten je gegeben hat. Deutschland hatte einen neuen Star, ein Pferd mit Pressesprecher und eigenem Biografen. Im nächsten Jahr, bei den Olympischen Spielen in London, soll Totilas Gold gewinnen. Jetzt für Deutschland.

Aber die Erwartungen sind so groß, dass ein Reiter auf Totilas fast nur noch verlieren kann. In Holland ging er unter Edward Gal, der ihn auch ausgebildet hatte. Fünf Jahre galten Ross und Reiter als Traumpaar, bis der Verkauf sie trennte. Seitdem versucht Matthias Rath, der neue Reiter, mit dieser Vorgeschichte fertigzuwerden. Für den Reiter ist ein solches Pferd eine Herausforderung –und eine Last. Nicht die Kreatur muss dem Reiter gerecht werden, sondern der Mann dem Pferd gewachsen sein. Am Ende ist immer der Reiter schuld.
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