Bauvorhaben auf dem ehemaligen Firmengelände der Süßmosterei Fries in Jugenheim

Seeheim: Fries-Gelände | Seeheim, Haus Hufnagel, Bauausschusssitzung, 22. November 2011, 20.00 Uhr: Da waren sie nun also, die netten, schwäbelnden Gutmenschen von nebenan, denen nichts näher liegt als jungen Familien bezahlbaren Eigenwohnraum anzubieten. Wie das funktioniert?

Man legt eine Präsentation mit einem netten Deckblatt auf: Grüne Stilelemente und lachende Menschen. "Sieht aus wie ein Feuchtbiotop", entfährt es meinem Nachbarn, "und alle sind so glücklich". Und ich denke, so ein Bild aus einer Bilddatenbank für 75 Cents und die politische Führung der Gemeinde haut´s von den Stühlen. Ich mache mich also auf einiges gefasst. Der nette Herr, Epple heißt er, seines Zeichens Investor, beginnt seine profane Dialektik, in Stellung zu bringen. "Also, ich fange dann mal mit dem abstrakten Teil an, mein Kollege wird dann konkret". Aha, einlullen und dann aufopferungsvoll darstellen, wie es in schmerzhaften Schritten auf die am Gemeinwohl orientierte Lösung zugeht, die möglichst alle Wünsche berücksichtigt. Ich spüre so etwas wie aufkeimende Begeisterung. Werde ich am Ende doch verstanden? Tolle Firma mit der wir es zu tun haben, die Zahlen belegen es. Es geht weiter mit den Referenzen, und plötzlich ist er wieder da, der wohl angebrachte Argwohn. Soso, prämierte, familienfreundliche Objekte und gleich zwei Stück davon. Hatte ich das nicht gerade auf der Firmen-Webseite im "High End"-Segment einer hier nicht im Raum stehenden Tochtergesellschaft des Firmenkonglomerats Epple gesehen? Was hat das mit den gegenständlichen "preisWERTEN" Hasenkästen (der Begriff fällt an jenem fragwürdigen Abend ein ums andere Mal) der "Hausbau GmbH" zu tun, die ich thematisiert sehen möchte? Während ich irritiert dreinblicke, geht's also weiter mit den Referenzen. Aha, gemäßigte Projekte (Tübingen und Walldorf) aus der Vergangenheit, Fertigstellung in 2005 und 2006. Und ich denke so bei mir, allzu glücklich scheint man mit der eigenen Arbeit der letzten fünf Jahre im Hause Epple wohl nicht zu sein. Also beschließe ich, mal auf die Datenautobahn zu fahren. Mein kleines Handy spuckt nach einigen Sekunden aktuelle Glanzstücke architektonischer Kompressionskunst aus: Drei Orte mit 78 Einheiten, ... ich bin wieder da und höre auf zu zählen. Und ich dachte schon, die Gehirnwäsche beginnt zu wirken.

Es geht weiter. Wir hören das Gleichnis von der sozial- und gesellschaftspolitischen Verantwortung eines Baulöwen. Hui, denke ich, jetzt braucht's 'ne Portion Glaubwürdigkeit. Lässt nicht lange auf sich warten. Die eingekaufte, unabhängige Marktstudie richtet es, und massiert die einfältige Kommunalpolitikerseele: Überalterung der Gesellschaft, junge Familien, bezahlbarer Wohnraum - wir bringen die Lösung für eure Probleme. Dabei denke ich, wow, jetzt hat der aber gepunktet, um sogleich gedanklich nachzuschieben: Komm mal auf die Probleme, die du mit deinem Kunstwerk in diesem Gemeindeteil kreieren wirst: Städteplanerischer Murks, drohende Gettoisierung mit hoher Fluktuation, überbordende Versiegelung und Auswirkungen auf infrastrukturelle Erfordernisse durch das Mehr an Menschen, um nur einige zu nennen. Negativbeispiele aus den Nachbargemeinden lassen schließlich grüßen. Und da hatte ich soeben noch Formulierungen wie „städtebaulich anspruchsvolle Vorhaben“, „hohe Qualität“ und „Nachbarschaft fördern“ an der Wand lesen dürfen. Dabei war ich gerade beim Augenarzt.

Der Spannungsbogen steigt. Wir sind bei der Finanzierung: 180.000 Euro das Häuschen, die Baunebenkosten sind halt lästig. Kokett der Hinweis, dass man die der jungen Familie (unglaublich, „Lohnsteuerkartenbezieher“ nennt der die), gerne erspart hätte. Für wie blöd hält der uns eigentlich? Das handtuchgroße Grundstück ist halt nicht dabei. Geht extra, für 1.000 Euro Pacht im Jahr. "15% Eigenkapital, 1% Tilgung, man will die junge Familie nicht überfordern". „Siiisssccchhh a nuur e Einstiegsimm - ooo - bi - liii - eee“. Ich schiele nach dem Ausgang, und halte dem unbändigen Drang, schreiend aufzuspringen, stand. "900 Euro, das ist weniger als die Miete für ein vergleichbares Haus." Meine Sitznachbarin wird merklich unruhig. "Was für ein vergleichbares Haus - in Jugenheim?" presst sie hervor. Ich merke wie sie kocht. Nüchtern überschlage ich: Der junge Familienvater, nehmen wir an, Anfang 30, wird dann also bei Renteneintritt seinen Eierkarton abbezahlt haben. Gratulation, mietfrei im Alter wohnen, was will man mehr. Ein Blick auf die politische Elite lässt eine Mischung aus Selbstgefälligkeit und Triumph erkennen. Und ich denke, wie wollen die Kameraden in 10 Jahren diesen dann nicht mehr ganz so jungen Familien erklären, dass der Schatten ihres Hauses, der das fremde Pachtgrundstück bedeckt, dann wahrscheinlich nur noch schwer und nur mit Verlust zu verkaufen sein wird? Und während ich so nachdenke, fühle ich mich einmal mehr durch den inflationär und nun schon wieder „aus dem off“ vernehmbaren Schlüsselreiz „familienfreundliches Wohnen“ provoziert. Ich mobilisiere letzte Kräfte und schaue mir die Grundrisse eines typischen, den Preis vorgeblich werten Hauses an, und stelle fest, dass die Planung der Herren hier bei einem Kind (Kinderzimmer) endet. Ich entdecke noch einen zweiten Grundriss, der nun nahelegt, den werten Nachwuchs in den Keller zu verfrachten. Während mein Kopf in kurzen, hektischen Bewegungen von links nach rechts fällt, registriere ich dankbar den plötzlich eintretenden Verbindungsabriss, der mich wieder an Gerechtigkeit glauben lässt.

Wir nähern uns unaufhaltsam dem Höhepunkt. Die Entwürfe. Das Wort "Machbarkeitsstudie" wird dieses Mal vermieden. Natürlich hat man zugehört, natürlich nimmt man die Sorgen der Anwohner ernst, ja, man versteht sie sogar. Bin ich am Ende doch gerührt? Ach ja, in den Fraktionen ("bis auf die FDP") war man auch schon, und "die waren alle begeistert". Meine aufkeimende Rührung weicht schlagartig einem Zorn. Hatte nicht genau dieser Herr nebst Vorsitzendem der Bauexpertenkommission noch vor einigen Tagen anlässlich der Ortsbegehung vor 80 Anwohnern behauptet, dass die Vorstellung und die Beratung in den Fraktionen erst noch statt findet? "Taktisch geprägtes Verhältnis zur Wahrheit", entfährt es mir, doch ich zwinge mich, ruhig zu bleiben. Der Hase im Hut, äh im Pfeffer, ist noch gar nicht entgraben. Meine Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. Der Zeiger geht auf 10. Ob noch alle wach sind? Pflichtschuldig werden „die harten Auflagen“ der Fraktionen aufgezählt: „Mehrgenerationenhaus am westlichen Grundstücksrand“ - gekonnt mit dem Bild eines freundlich lächelnden, im Treppenlift sitzenden Senior pariert, … - beinahe mehr als ich ertragen kann -, „Zufahrten überwiegend von der Bickenbacher Straße“ und ein „Grün-/ Platzbereich als gemeinsamer Treffpunkt“. Yes, we can. Selbstverständlich hat man auch hier die Hausaufgaben gemacht. Ich erwarte jeden Moment den Einsatz von Pyrotechnik. Zunächst also mit 28 Wohneinheiten und 56 Stellplätzen auf 5.000 qm gestartet, beginnt der Countdown. 25, 24, 23 ... jetzt wird alles gut, denke ich, um sogleich festzustellen, dass der Epple'sche Motor stockt und dann ganz zum Erliegen kommt. Der Funke fürs Feuerwerk mag auch nicht überspringen - trotz angeblich "vieler Freiflächen", "viel Grün" "un nem Bänkle, auf dem ma mid dem Nachbaar aaach ma e Schwätzle halde kann". Bei „Rechts von der Mitte“ wird offenbar ein Reflex bedient: "Ja, bitte, bringen Sie bitte beim nächsten Mal farbige 3D-Bilder mit - so von verschiedenen Seiten -, damit die betroffenen Anwohner sich den Entwurf noch besser vorstellen können." Ich merke, das mich das soeben Gehörte persönlich angreift und denke: Hältst du uns alle für depp?

Besser wird's also nicht. Nicht so unsere Volksvertreter. Geradezu berauscht vom Erreichten kann es plötzlich nicht schnell genug gehen. Ein Aufstellungsbeschluss - hört man sinnentrückt - müsse sofort beantragt und beschlossen werden. Fassungslosigkeit im Raum wird wiederholt greifbar. Die auch an diesem Abend in der Unterzahl (nicht-) regierende, zeitweise aufblitzende Vernunft meldet mit Verweis auf die nichtssagende Tagesordnung rechtliche und formale Bedenken an. "Wieso?", höre ich von ewig Gestrigen. Kann bitte noch aus dem von Verstand geprägten Eckchen etwas kommen, fleht es daraufhin innerlich in mir. Offenbar werde ich erhört: "Es braucht eine Anwohner-/ Bürgerversammlung", ist zu vernehmen. Danke, murmele ich mit Blick zur Raumdecke. Der Unsinn, den keiner braucht, geht weiter. Leider reicht es nur für einen weiteren Geistesblitz an diesem Abend: Der Vorhaben bezogene Bebauungsplan soll von einem unabhängigen Planer und nicht vom Bauträger und Investor kommen. Auf mein beifälliges Kopfnicken folgt … Sie ahnen es, … schon innerhalb nur weniger Augenblicke der nächste unfassbare Einfall: „Ja, aber der Investor muss den dann aber bezahlen.“ Ich kriege was an mich und komm´ nicht umhin, mal wieder was zu tun, was die politisch Verantwortlichen den Abend offenbar nicht getan haben … zu denken, und mir zu sagen, dass da eine Dämlichkeit die Andere jagt. Ein Blick auf das karitative Gespann aus dem Badischen lässt mich dann auch eine Mischung aus ungläubigem Staunen und innerlichem Jubilieren erkennen, auch wenn´s routiniert weggedrückt wird.

Erschreckend, blamabel, verantwortungslos. Der Lächerlichkeit preis gegeben. Slapstick. Warum wohl ist der Politikverdruss so groß?

Ich komme zum Ende. Fast fünfzig Anwohner sind Zeuge einer unglaublichen Provinzposse geworden. Noch eine halbe Stunde nach Ende dieses denkwürdigen Schauspiels erlebe ich kluge Menschen, die fassungslos nach Worten suchen, um dem gerade Erlebten einen Ausdruck zu verleihen. Vielen scheint es zu grotesk angesichts der greifbaren Unfähigkeit, der unfassbaren Naivität und der erschreckenden Gleichgültigkeit unserer Politiker. Da wurde nichts, aber auch gar nichts entgegengesetzt. Die Leichtigkeit mit der zwei Bauernfänger hier „unsere“ Politiker für sich gewinnen konnten, macht sprachlos. Unverantwortlich wird hier in dieser Gemeinde die Zukunft von uns Bürgern – nicht nur an dieser Stelle – verspielt. Es ist ein Skandälchen, welches wir am Abend dieses denkwürdigen 22. November 2011 erleben.

Herren Epple und Kirsch, das war kein Konzept, das war Murks. Bitte überarbeiten Sie von Grund auf. Aufrichtig, fundiert, ganzheitlich. Nehmen Sie uns ernst. Sonst ist für Sie in dieser Gemeinde kein Platz.

Dame und Herren Politik, vom Wähler legitimierte Vertreter des Volkes, in allem aber so unendlich weit weg. Zuhören und verstehen, Verantwortung gerecht werden und auch mal eine persönliche Konsequenz ziehen, wenn´s eben nicht reicht. Ist schwer, geht aber. Sonst geht diese Gemeinde den Bach hinunter, und Sie sind mit daran schuld. Und hören sie endlich auf, Herr Wolfgang Weber (SPD) sie, hier demagogisch die Bewohner des Schlossgeländes als Rechtfertigung für ein neues Schlichtwohngebiet zu missbrauchen. Liegt es doch - das Schloss - (oder gerade weil) am Fuße ihres Hauses.

Herr Bürgermeister, der Sie ausweislich der erst einige Tage zurückliegenden Wahl, sich nunmehr auf etwas über ein Drittel der Seeheim-Jugenheimer Wahlbevölkerung stützen können: Sie haben diesem Schauspiel beigewohnt. Ich fordere Sie auf, bitte tun Sie etwas.

Beim Rausgehen schweren Schrittes, fällt mein Blick auf eine herum liegende Broschüre. "Hier blüht's" …, der Gemeindeslogan, steht da zu lesen - und ich denke zum letzten Mal an diesem Abend - … uns allen dann bald ein blaues Wunder. Ein sonst freundlicher, älterer Herr, - ich kenne ihn flüchtig - fasst es resigniert mit den Worten „wir werden von Idioten regiert“ zusammen. Für einen Widerspruch fehlen mir zu vorgerückter Stunde die Kraft und leider auch die bessere Erkenntnis.
22 Kommentare
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Dieter Knauf aus Jugenheim | 28.11.2011 | 10:15  
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Martin Wiechmann aus Seeheim | 09.12.2011 | 20:37  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 05.01.2012 | 18:51  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 09.01.2012 | 20:32  
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Dieter Knauf aus Jugenheim | 10.01.2012 | 11:50  
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Marlene Rahlmeier aus Jugenheim | 15.01.2012 | 13:48  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 15.01.2012 | 18:35  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 24.06.2012 | 08:43  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 13.07.2012 | 05:12  
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Dieter Knauf aus Jugenheim | 13.07.2012 | 16:28  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 13.07.2012 | 20:03  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 13.07.2012 | 20:04  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 24.09.2012 | 09:28  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 31.12.2012 | 07:51  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 24.03.2013 | 04:20  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 09.04.2013 | 14:10  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 09.04.2013 | 14:25  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 18.06.2013 | 04:19  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 30.10.2013 | 05:24  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 27.01.2014 | 02:26  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 27.01.2014 | 02:29  
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Stefan A. Koch aus Jugenheim | 10.05.2015 | 14:23  
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