Schüler füllen weiße Seiten der Gemeindegeschichte , Zwangsarbeiter: Seeheim-Jugenheimer um Mithilfe gebeten

Die Lehrer der Geschichtswerkstatt der Geschwister Scholl-Schule Bensheim Franz Josef Schäfer und Frank Maus sowie Karsten Paetzold, Pressesprecher der Gemeinde Seeheim-Jugenheim (v.l.), sichten viele Dokumente zur Zwangsarbeit im Nationalsozialismus auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Seeheim-Jugenheim. Zusammen mit Schülern erstellen sie im Auftrag der Gemeindevertretung eine Dokumentation. Dazu bitten sie um Mithilfe der Bevölkerung.
Seeheim-Jugenheim: Gemeinde | SEEHEIM-JUGENHEIM. Ein bisher unerforschtes Kapitel der Geschichte der Gemeinde Seeheim-Jugenheim bearbeitet die Geschichtswerkstatt der
Geschwister-Scholl-Schule Bensheim: „Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Seeheim-Jugenheim“. Mit Unterstützung ihrer Lehrer Franz Josef Schäfer, Frank Maus und Peter Ströbel
möchten die 17 Schülerinnen und Schüler Licht in das Dunkel dieses Abschnitts vom Nationalsozialismus vor Ort bringen. Im Rathaus helfen der ehemalige Leiter des Gemeindearchivs Klaus Kraft und Pressesprecher Karsten Paetzold. Im Dezember vergangenen Jahres hatte die Gemeindevertretung das Projekt
beschlossen.
Es ist der zweite Forschungsauftrag, den die Geschichtswerkstatt im Auftrag der Gemeinde übernommen hat. Bereits im Jahr 2012 hat sie nach fast zweijähriger Arbeit eine über 1100 Seiten umfassende Dokumentation unter dem Titel „Opfer des Nationalsozialismus aus Seeheim-Jugenheim“ erstellt. Dieses hoch subventionierte Buch ist für 15 Euro im Bürgerbüro in der Gemeindeverwaltung erhältlich.
An mehreren Projekttagen lernen die Schüler des Leistungskurses Geschichte die Methode der Zeitzeugenbefragung kennen und werden in das wissenschaftliche Arbeiten eingeführt. In verschiedene Gruppen eingeteilt befassen sie sich dann mit Kopien von Originaldokumenten. Diese sichten sie nach Namen von Zwangsarbeitern.
Die Lehrer haben dazu an diversen Tagen Vorarbeiten geleistet. Im Archiv des „Internationalen Suchdienstes“ in Bad Arolsen haben sie einige Tage in den zurückliegenden Sommerferien recherchiert. 601 Namen hat das Archiv für Seeheim-Jugenheim dokumentiert. Allerdings sind nicht alle Zwangsarbeiter. Schäfer erklärt, „dass die Datenlage oft so abstrakt sei, dass nicht jedes Schicksal mühelos nachvollzogen werden kann“. Weitere Informationen erhoffen sich die drei Lehrkräfte bei weiteren Recherchen im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden. Hier könnten Entnazifizierungsakten weitere Mosaiksteine zutage bringen.
Doch wie das Leben der Zwangsarbeiter im Alltag aussah, wer die Arbeitgeber waren, wo die Arbeiter untergebracht waren, das steht nicht in den Akten. Das aber möchte die Geschichtswerkstatt zusammentragen. „Das ist die eigentliche Arbeit in der Gemeinde, um die Lebenszusammenhänge darzustellen“, erläutern Schäfer und Maus. Auch an Fotos und weiteren Dokumenten sind sie sehr interessiert, auch wenn diese im NS-Regime verboten waren.
Die Zwangsarbeit in Seeheim-Jugenheim unterschied sich nicht von der Zwangsarbeit im damaligen Deutschen Reich. Es gab natürlich zahlreiche Fälle wie beispielsweise im Hotel „Hufnagel“, in einem Kriegslazarett in Seeheim, im ehemaligen Hofgut „Talhof“ oder auch in Bäckereien, Gaststätten oder in der Landwirtschaft. Auch in kleinen Geschäften und Familienbetrieben waren Zwangsarbeiter eingesetzt. „Eventuell gibt es ehemalige Mitarbeiter, die berichten können“, hofft Frank Maus.
Da der größte Teil der Zeitzeugen verstummt ist, setzen Schüler und Lehrer auf persönliche Erinnerungen von Familien, Nachbarn, Freunden und Bekannten oder Nachkommen von Geschäftsleuten. Sie alle können wertvolle Hinweise und
Informationen geben. Diese werden auf Wunsch vertraulich behandelt, versprechen die Geschichtswerkstatt und die Gemeinde und rufen dazu auf, mitzuhelfen und sich im Rathaus bei Pressesprecher Karsten Paetzold (Tel 06157 990103 oder Email: karsten.paetzold @seeheim-jugenheim.de) zu melden.
„Nach Abschluss des Projektes wird es eine Veröffentlichung geben“, betont der Pressesprecher. Jeder, der interessiert soll die Ergebnisse lesen können. Mit der Veröffentlichung, ob als Buch oder Broschüre, rechnet Paetzold erst im Frühjahr 2018.

Informationen

Die Wissenschaft unterscheidet heute zwischen ausländischen Zivilarbeitern, Kriegsgefangenen und Häftlingen.
Auf dem Gebiet des Dritten Reiches waren während des Zwei-ten Weltkriegs rund 13,5 Millionen ausländische Kräfte und Häftlinge eingesetzt. Davon waren 8,4 Millionen Zivilarbeiter, 4,6 Millionen Kriegsgefangene und 1,7 Millionen KZ-Häftlinge.





psj


Pressestelle der Gemeinde Seeheim-Jugenheim
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