Angefacht

Das Leben ist schön...???

Als ich Frau W. zu ihrem Geburtstag im Dezember besuche, sind es stolze 102 Jahre, die hinter ihr liegen. Ein reiches Leben. Für ihr Alter ist sie noch erstaunlich fit und beweglich, kann sogar -im Gegensatz zu mir- ohne Brille noch lesen. Selbst das Bad am Sonntag ist noch drin (mit selbständigem Ein- und Aussteigen aus der Wanne!), was die Tochter aber nicht gerne sieht, insbesondere dann, wenn Frau W. sich alleine im Haus befindet. Zu Seniorentreffen geht sie nicht mehr so gerne: „Weil es da so oft immer nur um Krankheiten geht“ oder schon so viele vor ihr gestorben sind. „Ich bin irgendwie übrig geblieben“, sagt sie, fast so, als ob „der Herrgott mich vergessen hat“. Gewiss kein schönes Gefühl, dieses „übrig geblieben zu sein“, sich der Frage zu stellen: Wozu bin ich noch da, wozu bin ich noch gut? Ich kann doch nichts mehr „leisten“, gerade in einer Gesellschaft, die sich so über Leistung definiert.
Die höhere Lebenserwartung, die in dieser Verfassung ein Segen ist, für den man gewiss nicht genug danken kann, kann für manchen auch ganz schnell zum Fluch werden, der von heute auf morgen zum (Schwerst-) Pflegefall wird. So oft sehe ich mich in dementen oder schwer pflegebedürftigen Menschen, die ich besuche, wieder und denke mir: Hoffentlich bleibt mir das erspart. Nur: Das Gleiche werden die meisten derjenigen, die ich in den Heimen besuchen und die sich in einer derart bedrückenden Situation über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg befinden, sich wohl auch in jüngeren Jahren gesagt haben … Manchmal denke ich mir, und das mag für einen Seelsorger etwas kühn sein, Gott, an den ich glaube, hätte das so einrichten können, dass „Geist“ und „Körper“ in einem letzten Atemzug verlöschen. Oft würde das ja auch so verlaufen, wenn sich nicht der Fluch moderner Medizin dazwischenschieben würde und das Leben (aber was für eines?) um jeden Preis verlängert. Es ist eine der bedrängendsten Fragen der nächsten Zukunft, wie wir altern wollen und wo wir den Tod als natürliches Ende des irdischen Daseins nicht mehr bekämpfen, sondern ihn zulassen. Die alt-katholische Kirche vertritt in der "Frage nach den letzten Dingen" keine moralisch vorgefertigte Position und tabuisiert nicht den versiegenden Lebenswillen mancher alternder Menschen. „Das Leben ist schön“- lautet der Titel eines bekannten Filmes von Roberto Benigni aus dem Jahr 1997. Ja, es ist -manchmal- schön, längst nicht immer. Und auch nicht so schön, dass ich immer am Leben bleiben müsste. Irgendwann ist es aber auch mal genug. Und dann ist es auch „schön“ im Sinne von menschlich, (zu Gott) gehen zu dürfen, eben: wenn ich nur darf.
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