Sex. Missbrauch "ohne Gewalt"?

Dipl.-Theol. Markus Stutzenberger hat gegenüber dem Hessischen Kultusministerium eine Klarstellung im Abschlussbericht zu den Vielfachmissbräuchen an der Darmstädter Elly-Heuss-Knapp-Schule erwirkt.

Die Ausgangslage

Stutzenberger ist über eine bestürzende Formulierung des Abschlussberichtes des Ministeriums gestolpert, die nicht nur aus seiner Sicht umgehend korrigiert werden sollte:
„Oralverkehr an mindestens 20 Betroffenen, bei mindestens 15 davon mit Samenerguss in ihren Mund durch Buß. Bei 3 Betroffenen hat Buß (der Täter, M.S.) bei der Durchführung des Oralverkehrs Gewalt angewendet.“
Diese Formulierung suggeriert, „Passivität der Opfer“ sei gewaltfrei. Das kann ja wohl nicht gemeint sein, passt aber in ein gewisses Schema, dass
1. die Namen der Täter gegenüber dem, was die Opfer erlitten haben, im kollektiven Gedächtnis gehalten werden und
2. von den Opfern in Abhängigkeitssituationen juristisch erwartet wird, wie bei der Vergewaltigung von Frauen, sie müssten sich erkennbar aktiv gegen das von ihnen erlebte zur Wehr setzen, um sich als "Opfer" zu legitimieren.
Nach wie vor sind wir im Umgang mit sexuellem Missbrauch in und außerhalb von Institutionen längst noch nicht dort angekommen, wo wir sein sollten. Wenn ein "Priester" trotz eines Missbrauchs im Rahmen eines Beichtgespräches weiter unbescholten im Amt bleiben kann, so, als wäre nichts geschehen, obwohl sein Eingeständnis schriftlich vorliegt, dann hat das, was die Opfer erlebt haben, leider bis heute keine Bewusstseinsänderung bewegt. Im Gegenteil: Nicht selten werden die Opfer drangsaliert, indem man sie aus bestehenden Beschäftigungsverhältnissen der Täterinstitutionen herausmobbt. Weil nicht sein "kann was eben nicht sein darf". Stutzenberger´s Leidensweg dauerte fast zehn Jahre, bis er einen neuen Weg fand. Im Moment wehrt er sich juristisch dagegen, dass er für seinen erzwungenen Ausstieg aus dem früheren Arbeitsverhältnis auch noch Kirchensteuer bezahlen soll: "Damit alimentiere ich die Täter und deren Protektoren. Das ist unbillig, das kann und werde ich nicht akzeptieren, selbst wenn ein Gericht das anders sähe."
Geblieben ist somit sein anhaltendes Engagement zugunsten der Aufarbeitung von institutionellem Missbrauch: "Den wenigsten ist bekannt, dass auch ein römischer Priester an der Odenwaldschule in den dortigen institutionellen Missbrauch verwickelt war oder das der Name des Partners des ehemaligen Täter-Schulleiters ausgerechnet und fälschlicherweise unter dem sogenannten "Gelassenheitsgebet" im neuen katholischen Kirchengesangbuch auftaucht. Da werde ich sehr ungelassen." Institutionen geben mit hochwertigen Broschüren und Internetauftritten vor, viel gegen sexuellen Missbrauch präventiv zu tun. Ich habe anderes, unglaubliches erlebt. Und werde darüber nicht schweigen. Denn Schweigen schützt allein die Täter und deren Verantwortliche. Mit welchem Recht?
Denken Sie an den Limburger "Domdiakon", der die Diakone des Bistums mit ausbildete und auf dessen PC kinderpornographische Abbildungen gesichert wurden. Das war im Februar. Haben Sie noch mal etwas darüber gehört? Ich nicht.
Oder von den Erzieherinnen, die in Weisenau aufgrund einer Intrige schuld- und grundlos ihren Arbeitsplatz verloren, indem ihnen die Vorgesetzten fälschlicher Weise unterstellten, sie haben Misshandlungen von Kindern (untereinander) geduldet, ja, sogar gefördert. In einem weltlichen Unternehmen hätte dies sofort zu entsprechenden Konsequenzen in der Chefetage führen müssen. In einer Kita in Pfungstadt gab es entgegen der diözesanen Richtlinien zum Zeitpunkt von Übergriffen durch einen Bundesfreiwilligendienstleistenden keine Ansprechpartnerin/keinen Ansprechpartner zur Prävention sexueller Übergriffe. Ich halte das für einen Skandal, denn das entlarvt die Ernsthaftigkeit, mit der man sich mit diesem Thema auseinandersetzt und behauptet, aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben. Ich habe da deutlich andere Erfahrungen machen müssen.

M. S.
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