Verlust der Ewigkeit in der Postmoderne

Der Verlust der Ewigkeit

Unsere Lebensdauer hat sich so sehr verändert, dass die meisten von uns heute „zwei Leben“ haben. Immer mehr Menschen können heute einen immer größeren Teil einer natürlichen Lebensspanne zu Ende leben. Mit der Veränderung der Lebensbedingungen hat sich auch die Einstellung zum Tod spürbar verändert, der heute zwar auch noch dem Grunde nach unausweichlich, aber weniger unberechenbar erscheint. Der utopischen Vorstellung zunehmender Berechenbarkeit liegt immer auch die Hoffnung auf eine Besiegbarkeit des Todes zugrunde. Die Konsequenzen: Ein gewisser „Unsterblichkeitswahn“ und der Zwang, im Dieseits soviel wie möglich erlebt haben zu müssen. Noch nie war aus dieser Sicht unsere angeblich so „entscheidungsfreie“ Gesellschaft so „unfrei“.
Der Ewigkeitsverlust, das Entbehren des früher heilsnotwendigen Glaubens an die Ewigkeit und Unendlichkeit in war auch eine logische der kürzeren irdischen Lebensphase. Heute gilt als Maßstab, immer „mehr als Alles erlebt“ zu haben. Die Phasen der Genügsamkeit mit dem, was ich erreicht habe, werden immer kürzer in Anbetracht der sich ständig anbietenden neuen Möglichkeiten. Habe ich den Fallschirmsprung hinter mir, steht das Paragliding an, nach dem Paragliding der Bungeesprung. dem Bungeesprung das Eventklettern ohne Haken und Ösen ... Noch nie hatten die Menschen unserer Tage nominell so viel Zeit und qualitativ doch so wenig. Durch den Verlust des Ewigkeitsglaubens ist unser Leben eben nicht wirklich länger, sondern existentiell unendlich kürzer geworden. Der „irdische Rest“ hat sich verdoppelt, er ist aber auch wirklich alles, was uns verbleibt, in dem wir irdische Lebensjahre um den Preis der Ewigkeit gewonnen haben.

Wie kann ich mich als ChristIn oder Christ hierzu positionieren.
Gewiss durch das Einüben einer größeren Gelassenheit der Ansprüche, die an mich gerichtet werden und, wenn ich mich ihnen immer fraglos ergebe, in meiner Freiheit fortwährend beschränken. Indem ich mir meine Begrenztheit bewusst eingestehe und bescheide, nicht alles erlebt, nicht alles mitgemacht und in meinem Leben nicht jedes Land mit eigenen Augen gesehen und erkundet zu haben, kann sich vielleicht mehr innere Zufriedenheit einstellen, nach der sich so viele Menschen heute sehnen, obwohl es ihnen doch materiell so gut geht wie nie zu vor. Es dürfte doch in Anbetracht unserer materiellen Situation diesen Boom an psychischen Volkskrankheiten wie Depression nicht geben. Ca. 10000 Menschen nehmen sich jedes Jahr in Deutschland das Leben, das sind 12 Menschen in dieser Stunde, in der wir hier Gottesdienst feiern, alle fünf Minuten ein Mann oder eine Frau. Mehr, als durch Verkehrsunfälle zu Tode kommen.

Hinterfragt jemand ernstlich die fragwürdigen gesellschaftlichen Rah-menbedingungen dieser Entwicklung? Offiziell natürlich nicht, denn sonst müsste „man“ ja etwas ändern, z.B. an den Rahmenbedingungen unserer Arbeitswelt. Also lieber verschweigen, tabuisieren, pathologisieren und indivi-dualisieren. „Einzelfälle“ fordern kein gesellschaftliches Umdenken. Klar: Wir werden nie eine suizidfreie Gesell-schaft haben, es wird auch immer Menschen mit so schweren Depres-sionen oder anderen psychischen Grunderkrankungen geben, dass es für sie als letzter Ausweg erscheint, ihr Leben als „unerwünschtes Geschenk“ in die Hände Gottes zurückzugeben.
Aber beruhigt zurücklehnen können wir uns doch deswegen gerade als Christinnen und Christen nicht ... oder? Womöglich ist uns einfach mehr Achtsamkeit und Aufmerk-samkeit gegenüber anzu-raten, eine deutliche Reduzierung unserer Ansprüche aneinander und uns selbst gegenüber. Je weniger ich es von mir selbst erwarte, „perfekt“ oder „unfehlbar“ (wie der Papst?) zu sein, desto weniger erwarte ich dies vielleicht (un-) bewusst von anderen. In der seelsorglichen Praxis habe ich diese Sätze, die mich sehr nachdenklich machen, schon öfter gehört: "Ich fühle mich dieser Gesell-schaft und ihrer permant steigenden Leistungsorientierung immer mehr entfremdet". Die Frage, wo es mehr "Kranke" gibt, vor oder hinter der verschlossenen Stationstür des Bezirkskrankenhauses, ist durchaus eine perspektivische, je nachdem, auf welcher Seite man sich befindet, davor oder dahinter.
Ein persönlicher Beitrag zur gesellschaflichen Prävention könnte meine größere eigene Aufmerksamkeit anderen gegenüber sein. Auch das, was mir an Lebenslast auferlegt wurde und was ich ablegen konnte, in der Rückschau durchaus fruchtbar für meine Gegenwart und Zukunft machen zu können.
Je mehr ich selbst am eigenen Leib Mobbing erfahren habe, desto aufmerksamer werde ich (hoffentlich) für begünstigende Rahmenbedin-gungen im neuen Arbeitsumfeld, eine besondere Gefahr in sozialen und kirchlichen Arbeits-feldern, wo es am meisten tabuisiert ist, weil „nicht sein kann was nicht sein darf“.
Nur: Evangeliumsgemäß ist das eben nicht... wegzuschauen ...
Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Wer Augen hat zu schauen, der sehe (das Verborgene)!
Der Lesende zwischen den Zeilen, der lese aufmerksam!
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