Bürgermeister und Stellvertretender Vorsitzender des HGV Biebesheim Thomas Schell berichtete über das Jahr 1975

Umzugswagen des OGV Biebesheim anlässlich des 100. Biebesheimer Marktes 1975
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  • Foto: Bildarchiv Heimatmuseum Biebesheim am Rhein
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Damals, vor 40 Jahren – Biebesheim am Rhein 1975
Referent: Bürgermeister und Stellvertretender Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Biebesheim e.V. Thomas Schell.

Bericht über den Vortrag am 16. Oktober 2015 um 20.00 Uhr

Der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins Biebesheim e.V. konnte zu dem Vortragsabend über 50 Besucher begrüßen. Er und der Referent des Vortrags Bürgermeister und Stellvertretender Vorsitzender des HGV freuten sich, dass die im Jahr 2014 begonnene Serie wieder so viel Interessierte fand, die etwas über die Zeit in Biebesheim vor 4 Jahrzehnten wissen wollten oder sich mit dem Referenten daran erinnern wollten.

Den Schwerpunkt seiner Ausführungen bildeten wieder die Ereignisse in der Gemeinde Biebesheim , die Entwicklungen in der Kommunalpolitik und natürlich auch die Menschen, die die Gemeinde auf unterschiedliche Art und Weise geprägt haben und für die das Jahr 1975 mit besonderen Ereignissen verbunden war. Quelle seines Vortrages waren in erster Linie wieder die Ausgaben des Biebesheimer Wochenblattes. Er bat um Nachsicht, dass er im Alter von nur wenigen Monaten die Ereignisse dieses Jahres selbst noch nicht wahrgenommen haben konnte.

Er begann mit einem Blick über die Grenzen der Gemeinde hinaus zu den Entwicklungen, die landesweit für größere Schlagzeilen sorgten.

Zu Beginn des Jahres 1975 wurde in der Bundesrepublik Deutschland nach 100 Jahren das Alter der Volljährigkeit von bislang 21 Jahre auf 18 Jahre herabgesetzt. Mit einer weiteren gesetzlichen Änderung wurde die Ehemündigkeit für Frauen von 16 auf 18 Jahre heraufgesetzt, so dass Männer und Frauen ab 1975 erst nach Vollendung des 18. Lebensjahres eine Ehe schließen konnten. Einen Monat später – zum 01.02.1975 – beschloss der Bundestag darüber hinaus ein neues Namensrecht. Ehepaare können nunmehr wahlweise den Namen des Mannes oder den Namen der Frau annehmen.

Am 15.04.1975 wurde in Biblis das zum damaligen Zeitpunkt größte Kernkraftwerk der Welt in Betrieb genommen. Block A wurde durch den hessischen Ministerpräsidenten Albert Osswald, den hessischen Wirtschaftsminister Heinz Herbert Harry und Bundeswirtschaftsminister Friedrich offiziell übergeben. Block B wurde 1977 in Betrieb genommen und wie allgemein bekannt ist, wurden beide Blöcke – nach fast 40 Jahren - im Jahr 2011 abgeschaltet.

Am 21.05.1975 begann ein Stuttgart-Stammheim der s.g. „Baader-Meinhoff-Prozess“ gegen die Anführer der Rote-Armee-Fraktion „RAF“ der ersten Generation. Angeklagt waren die RAF-Mitglieder Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Ihnen wurde Mord in vier Fällen und versuchter Mord in 54 Fällen vorgeworfen. Der Prozess war einer der aufwändigsten und längsten der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Vor Eintritt der Rechtskraft des Urteils, lebenslange Freiheitsstrafen wegen gemeinschaftlicher Begehung von sechs Bombenanschlägen in Tateinheit mit 34 Mordversuchen und vier Morden, begingen alle Selbstmord.

Er erwähnte weiterhin den Großbrand in der Lüneburger Heide, den so genannten Heidebrand. 8.000 Hektar an Wald-, Moor- und Heideland wurden durch diesen Brand vernichtet.

Am 20.11.1975 verstarb in Spanien der Diktator Franco im Alter von 82 Jahren, der seit 1936 spanisches Staatsoberhaupt war. Bereits sehr früh wurde geregelt, dass als sein Nachfolger mit Juan Carlos wieder ein König in Spanien eingesetzt würde.

Der ehemalige Kanzleramtschef Günter Guillaume wurde wegen Spionage zu 13 Jahren Haft verurteilt; US-Präsident Gerald Ford überlebte zwei Attentate und mit Ytzhak Rabin besuchte erstmals ein israelischer Ministerpräsident die Bundesrepublik Deutschland.

Und er stellte fest, auch das gab es: Am 10.01.1975 kehrte, 30 Jahre nach der Kapitulation Japans im 2. Weltkrieg, ein japanischer Soldat in seine Heimat zurück. Er hielt sich bis dahin im indonesischen Dschungel auf und hatte nie vom Ende des Krieges erfahren.

Von den bundes- und weltweiten Schlagzeilen des Jahres 1975 ging er zu den Ereignissen und zu den Menschen in der Gemeinde Biebesheim über.

In Biebesheim startete das neue Jahr mit einem neuen Bürgermeister. Am 30.01.1975 wurde der von der Gemeindevertretung im Dezember des Vorjahres neu gewählte Biebesheimer Bürgermeister Walter Vollmer in sein Amt eingeführt. Er trat seine Aufgabe am 01.02.1975 offiziell an und wurde darüber hinaus am 30.04.1975 zum Ortsgerichtsvorsteher sowie zum Schiedsmann der Gemeinde gewählt. Sein Amt als Bürgermeister der Gemeinde Biebesheim am Rhein übte er bis zum Jahr 1993 aus.

Christian Leuthäußer, der seine Mandate in den gemeindlichen Gremien bereits im Herbst 1974 niedergelegt hatte, wurde am 30.01.1975 zum Ehrenbeigeordneten der Gemeinde Biebesheim ernannt. Christian Leuthäußer gehörte seit 1953 den gemeindlichen Gremien an und war unter anderem Vorsitzender des Bauausschusses der Gemeinde.

In der Gemeindevertretung gab es weitere Wechsel. Aus der CDU-Fraktion schied am 07.04.1975 aufgrund Wegzuges Erwin Treuer aus. Ihm folgte Walter Giehler nach.

Auch in der SPD-Fraktion gab es Wechsel. Für Egon Wedel folgte am 31.07.1975 Horst Sudheimer nach und für Gertrud Wiener am 11.08.1975 der allseits bekannte Hans Becker, der neben seiner kommunalpolitischen Arbeit auch in zahlreichen Vereinen der Gemeinde aktiv war und viele kannten ihn als Reporter für das Darmstädter Tageblatt und das Biebesheimer Wochenblatt.

Er ging nun auf weitere Ereignissen im Ort ein. So feierte man in der Zeit vom 06.06. bis zum 09.06.1975 den 100. Biebesheimer Markt in der Rheinhalle. Im Rahmen der Feierlichkeiten wurde mit Ellen Nau aus der Rheinstraße erstmals und bisher auch einmalig in Biebesheim eine Milchkönigin gewählt. Neben einer Ausstellung der Bundeswehr fand ein 3km langer Festumzug durch die Biebesheimer Ortsstraßen statt, bei dem tausende von Besuchern die Ortsstraßen säumten – sicherlich der gesellschaftliche Höhepunkt des Jahres 1975 in Biebesheim. U.a. trat im Rahmen eines Bunten Abend der griechische Sänger Costa Cordalis auf. Thomas Schell verlas dazu einen Bericht des Biebesheimer Wochenblattes über dieses Ereignis und führte einen Film des ehemaligen VHS-Filmkreises über den Umzug vor.

Ein Bild des Inneren der Halle zeigte, dass diese damals sicherlich nicht mit der heutigen Sporthalle zu vergleichen war, denn es war eine Halle die im Besonderen für Viehauktionen diente. So wurde am 24.04.1975 das 5.000 Auktionstier in der Rheinhalle versteigert. Wichtig war in diesem Zusammenhang der Biebesheimer Auktionator Karl Geipert, der diese über viele Jahre durchführte.
Er berichtete weiter, auch die Kerb fand mit der Eröffnung der Rheinhalle wenige Jahre zuvor einen neuen Standort, wobei es im Jahr 1975 zu einem kleinen Missgeschick kam. Denn beim Einschwenken auf den Rummelplatz an der Rheinhalle brach die Spitze des Kerwebaums ab. Der Baum konnte damals dennoch gestellt werden – mit einer notdürftig befestigten Baumspitze. Das Hauptmotiv der Biebesheimer Kerb 1975 war das Hebewerk Rheindamm, eines der größeren Investitionsprojekte in den damaligen Jahren.

Investitionen wie in das Hebewerk Rheindamm wurden für die Gemeinde immer schwieriger. Der Haushalt 1975 wies bei Einnahmen von 7,7 Mio. DM und Ausgaben von 9,5 Mio. DM immerhin ein Defizit von 1,8 Mio. DM aus. Durch strenge Sparmaßnahmen konnte dieses Defizit bis zum Jahresende am 900.000,- DM reduziert werden – für damalige Zeiten gewiss dennoch eine enorme Summe.

Die gemeindliche Gesellschaft für Wirtschaftsförderung, die ein Jahr zuvor für große Schlagzeilen sorgte, erhielt Ende des Jahres 1974 mit dem Verwaltungsdirektor a.D. Fritz Lerp aus Sprendlingen einen neuen Geschäftsführer. Der bisherige Geschäftsführer Wilhelm Reinhardt wurde abberufen. Am 07.03.1975 beschloss die Gemeindevertretung den Ankauf der Königsberger Straße von der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und eine Entscheidung über die Anliegerkosten, die die Gemeinde mehr als 9,- DM je m² kosteten.

Trotz der schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen wurde in Biebesheim dennoch investiert.

So wurde der Anglerweg von der B 44 bis zum Allmendweg endgültig hergestellt und mit dem Beschluss der Gemeindevertretung vom 30.04.1975 als Gemeindestraße dem öffentlichen Verkehr gewidmet. Die Gemeinde übernahm damals 50 % des Gesamtaufwandes.

In der gleichen Sitzung wurde auch beschlossen, die angrenzende Heinrich-von-Kleist-Straße in eine Fußgängerzone mit Spielstraße umzuwandeln. Sicherlich ein Beschluss, der dann zu einem späteren Zeitpunkt nicht in die Tat umgesetzt wurde.

In der damaligen Rheinstraße (heute Stockstädter Straße) wurden zwei neue Bushaltestellen eingerichtet und im öffentlichen Nahverkehr gab es eine weitere wesentliche Veränderung, denn 1975 wurde die damals noch bestehende Bahnstrecke Goddelau - Darmstadt – eine Teilstrecke der s.g. „Ludwigsbahn“ eingestellt und durch eine Buslinie ersetzt.

Eine Änderung im bisherigen Ortsbild ergab sich in der Heinrichstraße, denn die im ursprünglichen Straßenausbau als Hochstämme in Kugelform gepflanzten Rotbuchen mussten wegen der Bürgersteigbefestigung gerodet werden.

Er erwähnte auch mehrere Jubiläen. So konnte beispielsweise am 22.03.1975 das Textilhaus Brandl sein 25-jähriges Bestehen feiern. Er zeigte ein Bild des Modehauses auf dem Grundstück Rheinstr. 31, das zuvor in der Neugasse 27ansässig war. Vor dem Neubau in der Rheinstraße befand sich dort die Hofreite Heppenheimer, von der er auch Bilder aus dem Bildarchiv des Heimatmuseums zeigen konnte.

Er ging im Weiteren auf sonstige örtliche Ereignisse ein.
Im damaligen Vereinslokal „Deutsches Haus“, das heute nicht mehr steht, wurde die Sängergemeinschaft gegründet, die mit Chorleiter Joseph Hacker rund 20 Sänger umfasste und in der Rheinstraße 40 wurde am 05.04.1975 die Gaststätte „Rheinhof“ durch die Familie Brigitte Bochnig eröffnet.

Am 07.07.1975 stand dann eine weitere Neueröffnung an, die über viele Jahre das Bild der Gemeinde im Mittelpunkt des Ortes prägte. Die Trinkhalle und der Obstshop Theo Willius wurde in der Rheinstraße 34a eröffnet. Als Sonderpreis gab es damals die Bratwurst mit Brötchen zu 1,- DM.

Im Jahr 1975 gab es neben dem 100. Biebesheimer Markt weitere Jubiläen:
Der Turnverein blickte auf sein 80jähriges Bestehen, die Frauenhilfe feierte ihr 75jähriges Jubiläum mit einem Festgottesdienst am 19.10.1975 in der evangelischen Kirche, der SV Olympia Biebesheim (heute 100 Jahre alt) feierte sein 60jähriges Jubiläum und der Spielmannszug konnte sein 15jähriges Bestehen mit einem Bunten Abend in der Rheinhalle begehen.

Er erwähnte weiterhin herausragende Biebesheimer Bürger. So konnte am 19.06.1975 Heinrich Krämer, seinen 70. Geburtstag feiern – es war dies der ehemalige Rektor der Biebesheimer Schule. Mit einem weiteren Artikel aus dem Biebesheimer Wochenblatt brachte er die Verdienste Krämers noch einmal in Erinnerung. Er sei nicht nur ein Mann der Schule, sondern auch des Sports gewesen. So sei er über 50 Jahre der Turnerei verbunden gewesen, so dass er im Turnverein Ehrenmitglied war. Bis zum Krieg leitete er die Schülerinnen- und Schülerabteilungen. Außerdem war er auch musikalisch sehr begabt. Er war er 14 Jahre lang Dirigent der beiden evangelischen Kirchenchöre in Biebesheim und Stockstadt, die ihm sicherlich zu seinem Jubeltag ein Ständchen brachten. Neben der Kirchenmusik war er noch weiter mit der Kirche verbunden und war eine Legislaturperiode lang Mitglied des Kirchenvorstandes. Viele Jahre war er auch Vorstandsvorsitzender der Spar- und Darlehnskasse Biebesheim. Ein besonderes Verdienst hatte er sich bei der Mitgestaltung der Festschrift zum 100jährigen Biebesheimer Markt erworben.

Es gab im Jahr 1975 sicherlich zahlreiche weitere Ereignisse. So sorgte das geplante Wasserwerk am Rheinufer für weitere Diskussionen. Gegen diese damaligen Planungen, die in der Folge auch nicht umgesetzt wurden, legte die Gemeinde Widerspruch ein.

Der Kreistag Groß-Gerau beschloss am 13.08.1975 die Reparatur des Biebesheimer Lehrschwimmbeckens zu einem Volumen von rund 170.000,- DM. Damit konnte das Schwimmbecken an der Grundschule noch weitere Jahre betrieben werden, bevor leider die Schließung umgesetzt wurde.

Nachdem kreisweit mit Wirkung vom 01.07.1975 die Abfallbeseitigung neu geordnet wurde, waren auch die gemeindlichen Müllplätze ab diesem Termin zu schließen. Dies galt auch für den Biebesheimer Müllplatz „Am Schüttengrund“, der heute nicht mehr unmittelbar als solcher erkennbar ist.

Er schloss seinen Vortrag über das Jahr 1975 mit dem Blick auf zwei Menschen, die in diesem Jahr verstarben.

Am 16.06.1975 starb im Alter von 97 Jahren der älteste Bürger der Gemeinde, Otto Ludwig Hammann (genannt „Schütz-Otto“). Den Lebenslauf des langjährigen Biebesheimer Feldschützen hatte er in seinem Vortrag des Vorjahres ausführlich benannt und verzichtete daher auf nähere Ausführungen. Dafür ging er näher auf den früheren evangelischen Pfarrer Jakob Schlamp ein, der am 01.11.1975 im Alter von 89 Jahren verstorben war. Auch hier zitierte er wieder einen Zeitungsartikel des Biebesheimer Wochenblattes, dem zu entnehmen war, dass Pfarrer Schlamp von 1924 bis 1931 als Gemeindepfarrer in Biebesheim tätig war und in dieser Zeit gründete der musikbegabte Geistliche den Evangelischen Bläserchor. Da ihm sicherlich die Pflege der Kirchenmusik besonders am Herzen lag, wagte er diesen denkwürdigen, mutigen Schritt. Aus Geldspenden einer Haussammlung, aus Opfergeldern und Unterstützung der Kirchenkasse wählte er Instrumente aus, beschaffte sie und übernahm selbst die Ausbildung von Bläsern. Der erste Auftritt des neugegründeten Chors erfolgte am Totensonntag 1926. Mit Eifer und Freude nahm der Bläserchor eine damals ungeahnte Entwicklung.

Er beendete damit die gemeinsame Reise in das Jahr 1975, in der sich wieder viele Veränderungen in der Gemeinde ergeben hatten und er gab der Hoffnung Ausdruck, dass er mit seinen Ausführungen wieder die eine oder andere Erinnerung an diese Ereignisse oder an bestimmte Personen wecken konnte.

Der Vorsitzende des HGV Norbert Hefermehl dankte ihm für seinen brillanten, sehr gut recherchierten Vortrag und bat ihn die Reihe fortzusetzen, indem er für 2016 das Jahr 1976 wieder auferstehen lassen sollte.

Autor:

Norbert Hefermehl aus Biebesheim

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