Weihnachten in Biebesheim am Rhein in früherer Zeit

Evangelische Kirche Biebesheim am Rhein im Winterkleid
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Die Weihnachtszeit in Biebesheim am Rhein in früherer Zeit
aus der Dorfältesten-Befragung des
Brauchtumsforschers Dr. - Ing. Heinrich Winter
vom 12.05.1943 in Biebesheim
zusammengestellt von Norbert Hefermehl

Die Nickelgestalt (Nikolaus)

Allgemein war früher und auch noch 1943 die Bezeichnung „Belznickel“, doch setzte sich allmählich die Bezeichnung „Nikolaus“ (mundartl. Niggelos) durch. Der Belznickel erscheint in der Zeit vom 6.12. bis Weihnachten öfters, meist in kleinen Gruppen, zu 2 und 3 Burschen. Alle sind verkleidet, manche männlich, andere weiblich. Meist sind es jüngere Burschen die so umziehen und Gaben heischen. Man kennt diese dann auch als kleine Belznickel. Große Belznickel kamen nur in ganze wenig Häusern zu den Kindern und gehören wahrscheinlich nicht zum bodenständigen Brauch.

„Die Belznickel bringen nichts, sie wollen haben.“

Sie kommen in lumpiger Kleidung, die möglichst groß und weit ist. Gerne haben sie sich Buckel oder Bauch ausgestopft. Vor dem Gesicht haben sie eine Larve und keinen Bart. Sie haben nichts aus Stroh an sich. Kette ist nicht bekannt, sie haben aber Schellen und Ruten. Die Rute ist aus mehren Weiden besenartig gebunden, nicht gedreht. Sie haben keine Laterne, aber einen Sack, um die geheischten Gaben darin zu sammeln. Bei ihrem Kommen in die Häuser ließen sie sich nicht hinfallen, sie brachten den Kindern nichts, sondern heischten meist mit folgendem Spruch ihre Gaben:
Ich bin ein kleiner König,
gebt mir nicht so wenig,
lasst mich nicht so lange stehen,
ich will e Haisje weiter gehen.

Sie bekamen Geld, Äpfel usw.

Neben diesen in Gruppen auftretenden Nickelgestalten, die man meist als kleine Belznickel bezeichnete, traten ganz vereinzelt auch einzelne sogenannte große Belznickel auf. Sie kamen vielleicht noch nicht in 10 Häuser in Biebesheim.

An Weihnachten erscheinen keine Nickelgestalten, da kommt nur das Christkind. Besonders verwiesen wird auf den Brauch, dass man früher beim Abendläuten am Weihnachtsabend einen Esel, meist in Gestalt eines lebenden Fohlens, durch das Fenster in die Stube schauen ließ.

Die Bezeichnung „Belznickel“ ist vermutlich auf die eventuelle Pelzbekleidung der Gestalt zurückzuführen, die mit dem heutigen Nikolaus nur wenig gemeinsam hat.
Er wurde auch als Symbolfigur des Winters und der Unfruchtbarkeit angesehen. In dem er aber, wie in anderen Orten oft beschrieben, die Hausbewohner, insbesondere die Kinder, mit der Weidenrute schlug, übermittelte er gleichzeitig die Fruchtbarkeit des neuen Jahres. Diese Handlung sollte Glück und Lebenskraft bringen, aber wohl auch die „Geister“ des dunklen Winters vertreiben.

In meiner Jugend 1950/60 wurde im Dialekt der „Nikolaus“ als „Belznickel“ bezeichnet nahm aber auch die Funktion des Beschenkens der Kinder am 06. Dezember ein. Vorher hatte man allerdings Rede und Antwort zu stehen, denn der Belznickel wusste i.d.R. (von den Eltern) welche Streiche man im Laufe des Jahres begangen hatte. Danach gab es aber Süßigkeiten und Obst als Geschenk (im Dialekt: „Es gibt e Nikelesje“).

Das Christkind

War immer weiblich, ganz weiß gekleidet, Schleier vor dem Gesicht (Gemehlte Gesichter kamen nur bei den Kerweburschen, nicht aber an Weihnachten vor.). Das Christkind hatte nie Flügel, auf dem Kopf meist ein Kopftuch. Es bringt in die Stube den Zuckerbaum mit brennenden Lichtern (Kerzen). Es hat keine Rute, aber eine Schelle und ein Körbchen. Seine Gaben legt es unter dem Baum aus. Kein Ausleeren derselben.
Die Kinder binden Heu beim Abendläuten am Weihnachtsabend und hängen es ans Hoftor für das Eselchen des Christkindes.

Das Christkind schlug die Kinder nicht. Es stellte das gütige Element im Weihnachtsbrauchtum dar.
Da es oft zurückhaltend dargestellt wurde entstand im Volksmund die Redensart:“Des es villeicht e Christkinche“. Damit bezeichnete man oftmals zurückhaltende und empfindsame Menschen.

Der Weihnachtsbaum

Der Weihnachtsbaum wurde in Biebesheim früher „Zuckerbaum“ genannt in der Jugend (ca. 1870) hatten arme Familien noch keinen Zuckerbaum, doch war dieser schon ziemlich verbreitet. Der Baum stand immer in einem Gärtchen, hatte Lichter. In dem Gärtchen lagen die Weihnachtsgeschenke der Kinder.

Die Entwicklung des Christbaumes hat keinen eindeutigen Anfang, sondern setzt sich aus Bräuchen verschiedener Kulturen zusammen. Der Tannenbaum mit Kerzen, wie wir ihn heute kennen, ist kaum 200 Jahr alt. Obwohl erste Erwähnungen bereits im Mittelalter zu finden sind. Allerdings haben sich die Menschen in früherer Zeit schon immergrüne Zweige (Buxbaum, Eibe, Wacholder, Stechpalme o.ä.) in ihre Häuser geholt, die man mit Früchten, Gebäck und Papierblumen schmückte. Sie galten als wunderkräftig gegen böse Geister und Hexen. Tanne und Fichte kamen erst später hinzu.
Das „Zuckerbeemche“ wie es in Biebesheim genannt wurde, stand in einem kleinen gezimmerten Gärtchen, das aus einer ca. 40 x 40 cm großen Platte bestand, die in der Mitte ein Loch zum Einstecken des Bäumchens hatte. Ringsum hatte diese Platte einen ca. 15 cm hohen Lattenzaun.

Der Gesinde-Wandertag

„Gesinnwannerstag“ war für Knechte und Mägde der 3. Weihnachttag. Die wechselnden Knechte gingen mit klappernden Peitschen zum neuen Herren. Das Gesinde feierte den ganzen Tag, manchmal unterließen sie sogar das Füttern des Viehes. Kastenrücken ist nicht bekannt. Im Gegensatz zu anderen umliegenden Gemeinden.

Der Begriff Gesinde für Knechte und Mägde leitet sich ab aus dem althochdeutschen „gisin“ = Gefolgsmann, b. z. w. , es findet sich noch die weitere Definition das Wort leite sich von senden ab.

Grundlage des kleinen Berichts ist die von dem Brauchtumsforschers Dr. - Ing. Heinrich Winter durchgeführte Befragung der Dorfältesten in Biebesheim 1943. In weiteren ca. 250 Dörfern des Odenwaldes und des Rieds fragte er ebenfalls systematisch, immer nach gleichem Muster, das Wissen der meist über 80-jährigen Menschen bezüglich alter Brauchtumserscheinungen ab und erfasste dies. Die befragten alten Menschen vermittelten Erinnerungen aus ihrer Jugend oder berichteten von Dingen, die ihnen Eltern und Großeltern erzählt hatten. Es entstand so ein Bild des dörflichen Lebens in unserer Region, wie es etwa von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Bestand hatte. Die Gliederung erfolgte nach dem Jahresablauf mit seinen kirchlichen und weltlichen Fest- und Gedenktagen, sowie den wichtigsten Stationen im Leben eines Menschen über Geburt, Hochzeit bis hin zum Tod.

Bei der Befragung 1943 waren folgende Gewährsleute anwesend:
Bürgermeister Heinrich Ludwig Geipert III. *14.11.1891 †14.11.1968
Lehrer Wilhelm Menger *1886 †1968 (Seine Frau stammte aus Biebesheim, so dass auch er gut Auskunft geben konnte.
a) Jakob Daniel Molter *1860, Maurer, beide Eltern stammten aus Biebesheim.
b) Adam Hofmann, *20.10.1866, Arbeiter, später Feldschütz, beide Eltern stammen aus Biebesheim
c) Georg Leopold Rothermel *22.9.1867, Arbeiter, Vater stammt aus Biebesheim, Mutter aus Eschollbrücken
d) Adam Gustav Rothermel *24.2.1869, Landwirt und Gastwirt, beide Eltern stammen aus Biebesheim
e) Jakob Dewald III. *27.8.1871, Maurer, Vater stammt aus Biebesheim, Mutter aus Hähnlein.
f) Katherina Hofmann, geb. Rothermel, Ehefrau des o.
Manche Angaben konnten nur noch vom ältesten Gewährsmann, Jakob Molter gemacht werden, der mit seinen Jugenderinnerungen bis vor 1870 zurückreicht.

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