Kunde als Knecht?

Ich kenne das eigentlich so: an einem schönen Nachmittag gehe ich ins Café, bestelle einen Cappuccino und die Bedienung bringt ihn mir freundlich an den Tisch.

Heute ist aber offenbar ein anderer Ablauf üblich. Da gibt es doch tatsächlich sehr erfolgreiche Coffeehops, da bin ich der Kellner. Ich muss mir meinen Cappuccino und den Zucker nämlich selber servieren. Und die Krönung: dafür ist der Cappuccino halt etwas teurer. Aber da spare ich ja auch Trinkgeld.

Früher gab es Filialen und Bankberater, die sich über meinen Besuch freuten und für mich Überweisungen erledigt und Aktien gekauft haben. Heute soll ich fürs Online-Banking lernen, die Computerprogramme der Finanzindustrie zu bedienen: Prost Mahlzeit Handbuch.

Und die Post. »Mein Paket? Hol ich, wann ich will«, bewirbt die Post ihre neuen Packstationen. Abholen? Wer von uns ist hier eigentlich der Postbote? Werdet ihr nicht dafür bezahlt, dass ihr mir mein Paket bringt?

Mir ist klar, dahinter steckt ein System, clevere Unternehmer versuchen ganz bewusst, die Kunden für sich arbeiten zu lassen und kalkulieren uns Verbraucher unverblümt als »Teil-Arbeitskräfte« ohne Lohnkosten. Abgewiegelt wird dann gerne mit Kosten- und Rationalisierungsdruck. Die Frage ist aber, bis wohin wir das mitmachen!

Ich sage: wenn wir uns als Kundschaft zur Mitarbeit einspannen lassen – und zwar kostenlos - werden wir vom König zum Knecht.

Und unsere Knechtschaft reicht bereits weit. Jeder kennt dass, nimmt es aber kaum noch wahr: Am Bahn-Automaten verkaufen wir uns Fahrkarten, wir buchen unsere Flugtickets im Internet, bevor wir uns am Check-in-Center des Flughafens unsere Gepäckaufkleber selbst ausdrucken und die Koffer aufgeben. Stets sind es nur wenige Augenblicke, ein paar Handgriffe – die uns aber früher jemand abnahm. Jetzt spendieren wir unser kostbarstes Gut: Zeit. Wir investieren Arbeitszeit, die mit keiner Gewerkschaft ausgehandelt wird. Die keine Stechuhr misst und für die auch keine Sozialbeiträge entrichtet werden.

Leute, ich suche mir bewusst ein Cafe mit Bedienung. Und meine Kunden bekommen weiterhin den kompletten Service, einschließlich hochtragen, sauber machen und Staubzucker. Das rate ich euch auch. In diesem Sinne...

Euer J.J. McTacker

McTackers Kolumne auf http://www.forumraum.de

Autor:

Jay Jay McTacker aus Darmstadt-Süd

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