Bouffier bei den Darmstädter Lilien

Bild 1: Blick auf den zweiten Fußballplatz südlich des Areals vom Sport- und Kulturverein SKV Rot-Weiß Darmstadt e.V.,  Winkelschneise 9, 64295 Darmstadt
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  • Bild 1: Blick auf den zweiten Fußballplatz südlich des Areals vom Sport- und Kulturverein SKV Rot-Weiß Darmstadt e.V., Winkelschneise 9, 64295 Darmstadt
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Bouffier, Volker Bouffier, um genau zu sein. So lautet der vollständige Name unseres Hessischen Ministerpräsidenten (CDU). Wie, Sie kennen unseren Ministerpräsidenten nicht? Aber bestimmt haben Sie ihn schon mal im Fernsehen gesehen. Das ist derjenige mit dem markanten Western-Gesicht. Aber scharf geschossen wird natürlich nicht in der Wiesbadener Staatskanzlei, dem Amtssitz von Bouffier.

Volker Bouffier, Jahrgang 1951, hat in Gießen sein Abitur gemacht und Rechtswissenschaften studiert, ist also Jurist und arbeitet auch als Rechtsanwalt. Aber wohl eher nebenberuflich. Das Amt des Ministerpräsidenten geht vor.

Gegen 15:20 Uhr fährt Bouffier mit seinem Dienstwagen auf dem VIP-Parkplatz am Böllenfalltor in Darmstadt vor, um sich das Heimspiel der Darmstädter Lilien, d.h. von SV 98 gegen Bayer Leverkusen live im Merck-Stadion anzuschauen. Begleitet wird er von mehreren Bodyguards, die ihn gut abschirmen, sodass man ihn nicht interviewen kann. Gern hätte ich ihn gefragt, ob er nicht nur als Fußballfan hier ist, sondern auch als Jurist, um den Darmstädter Haushaltsplan 2016 einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Schließlich soll das Darmstädter Merck-Stadion bis 2018/19 für knapp 34 Mio. Euro (Stand Ende 2015) vollständig umgebaut werden. Bis Ende 2018/2019 könnten das dann aber auch schon 40 Mio. Euro sein.

Kommunaler Schutzschirm

Dazu muss man wissen, dass die Stadt Darmstadt unter dem sogenannten Kommunalen Schutzschirm des Landes Hessen steht und sich den Haushalt 2016 wegen der Verschuldung vom Regierungspräsidium (RP) Darmstadt genehmigen lassen muss. Auf diese Weise soll eine weitere Überschuldung verhindert werden. Zwar ließen sich in 2015 insgesamt 100 Mio. Euro im Haushalt einsparen, aber wohl auch deshalb, weil sich der Gewerbesteuerzahler Wella wieder in Darmstadt angesiedelt hat und auch Alnatura seine Firmenzentrale nach Darmstadt verlegt. In 2016 jedenfalls dürften sich keine weiteren 100 Mio. Euro einsparen lassen, da die Stadt bis auf 160.000 Einwohner wächst und demzufolge u.a. auch wegen der Flüchtlingskrise massiv in den sozialen Wohnungsbau investieren muss. Da kommt einem der Vollumbau des Merck-Stadions am Böllenfalltor schon wie der reinste Luxus vor. Problematisch ist dabei natürlich, dass der parallel zum Training stattfindende Umbau den Spielbetrieb stören und den sportlichen Erfolg der Lilien gefährdet. Durch bauliche Kompromisse und Verzögerungen werden außerdem höhere Kosten entstehen, sodass sich schon jetzt die Frage stellt, ob sich die Lilien nach dem Vollumbau des Stadions dieses noch werden leisten können. Beruhigend ist jedoch, dass in der 28. Spielminute das erste Tor für den SV Darmstadt 98 durch Sandro Wagner geschossen wird. Und bis zum Ende der ersten Halbzeit bleibt es dabei. Volker Bouffier wird sich freuen.

Manipulationen bei der Standortsuche

Unerklärlich scheint es zu sein, weshalb das in die Jahre gekommene und vor sich hin bröckelnde Merck-Stadion gegen jede Vernunft genau am alten Standort wie Phönix aus der Asche neu entstehen soll. Und das noch dazu während der Spielsaison des SV 98. Vielleicht liegt es daran, dass die alternativen Standorte für einen Neubau z.B. an der Weiterstädter Straße in Arheilgen sowie an der Eschollbrücker Straße auf dem Gelände der ehemaligen US-Kaserne künstlich verteuert wurden, indem man die Abrisskosten des alten Stadions am Böllenfalltor den Neubauten aufgeschlagen hat, während dies beim Vollumbau des bestehenden alten Merck-Stadions nicht der Fall ist.

Auch der Entwurf zum Bebauungsplan O 30, der den Vollumbau des alten Merck-Stadions am Böllenfalltor zum Inhalt hat und inzwischen von der schwarz-grünen Stadtregierung beschlossen und verabschiedet wurde, weist eine gravierende Ungereimtheit auf. Ein K.O.-Kriterium, die alle 12 alternativen Standorte für einen Neubau des maroden Merck-Stadions aus dem Ring katapultiert. Im Vergleich zum alten Standort am Böllenfalltor sind nämlich die untersuchten, alternativen Standorte alle samt und sonders zu klein, weil sie wider Erwarten nicht den Platz bieten, um drei optionale Trainingsplätze für das Training des SV 98 aufzunehmen. Wozu in aller Welt braucht man drei Trainingsplätze an einem Standort? Zusätzlich zum eigentlichen Stadion! Kann man überhaupt noch Fußball spielen, wenn sich die Mannschaft auf drei Trainingsplätze aufteilt? Und was ist mit dem Torwart? Teilt der sich auch in drei Teile auf?

Eigentor der Stadtregierung

Das Runde muss ins Eck. Die zweite Halbzeit zwischen den Darmstädter Lilien und Bayer Leverkusen läuft schon seit geraumer Zeit, als in der 62. Minute ein Tor fällt. Ausgerechnet ein Eigentor durch Aytaç Sulu vom SV 98. Jetzt steht es 1:1, ist die Führung der Darmstädter dahin.

Ob es bei der schwarz-grünen Stadtregierung bei der bevorstehenden Kommunalwahl am 6. März auch zum Eigentor, sprich Stimmenverlust durch die Wähler und Wählerinnen aus dem Darmstädter Steinberg- und Paulusviertel kommt, wird sich noch zeigen. Dort wohnen nämlich 5.000 Darmstädter, die zukünftig verstärkt unter den Nebenwirkungen (zugeparkte Nebenstraßen, abgesperrte Nieder-Ramstädter Straße, Verkehrschaos, Vermüllung usw.) des Vollumbaus des Stadions sowie zukünftiger Fußballspiele mit bis zu 19.350 Zuschauern leiden werden.

Mangelhafte Standortsuche durch Architekturbüro

"Ich weiß, dass ich nichts weiß!" soll der griechische Philosoph Sokrates einmal gesagt haben. Heutzutage würde man sagen, dass man von allem nichts weiß (horizontales Wissen). Oder vom Nichts alles weiß, im Sinne von Spezialwissen (vertikales Wissen). Man könnte auch folgendes sagen: "Wer merkt, dass er dumm ist, ist nicht wirklich dumm!" Weil er es ja merkt. Und die Selbsterkenntnis ist ja bekanntlich der erste Schritt zur Besserung. Wenn also Unternehmen, Behörden oder Politiker nicht über genügend eigene Möglichkeiten und diesbezügliche Ressourcen verfügen, dann kauft man sich diese. Gibt man Gutachten in Auftrag, sucht man sich professionelle Berater. So auch im vorliegenden Fall des Vollumbaus des Merck-Stadions am Böllenfalltor. Aber es gibt ja keine Garantie dafür, dass die Spezialisten zur richtigen Zeit am richtigen Ort automatisch kreativer sind, die besseren Ideen haben und demzufolge auch erfolgreicher sind. Oftmals sind es nämlich die einfachen Dinge, die kleinen Schritte, die zum Erfolg führen. Wenn man als Berater, Architekt oder Stadtplaner zu faul ist aus dem Auto zu steigen und zu Fuß die Umgebung eines alternativen Standorts zu erkunden, dann kann es passieren, dass man die zu Füßen liegende Dinge nicht sieht, weil man auf sie tritt oder sie mit dem Auto achtlos überfährt. Im Südwesten von Darmstadt gibt es nämlich zwei alternative Standorte für den Neubau des Merck-Stadions, die fußläufig nur wenige Minuten auseinander liegen und sich symbiotisch und synergetisch als gemeinsamer Kombi-Standort mit einer Gesamtfläche von 8,5 ha anbieten. Zum Vergleich: die derzeitige Fläche des Merck-Stadions am Böllenfalltor ist 9,4 ha groß. Darüber hinaus gibt es am neuen Kombi-Standort nicht nur drei bespielbare Fußballplätze internationaler Größe, sondern darüber hinaus auch noch eine brachliegende Freifläche (Ruderalflur) in Form einer grünen Wiese von ca. 3 ha, sodass sich die nutzbare Gesamtfläche auf 11,5 ha vergrößert. Dabei ließe sich der Neubau des Merck-Stadions auf allen drei Teilflächen problemlos unterbringen.

Die Eier legende Woll-Milch-Sau

Nein, nein, das ist nicht der Hess. Ministerpräsident, sondern der multifunktionale Kombi-Standort u.a. auf dem Sportgelände des Sport- und Kulturvereins SKV Rot-Weiß Darmstadt e.V., Winkelschneise 9 in Darmstadt. Dort gibt es nicht nur drei Fußballplätze internationaler Größe, sondern auch mehrere Tennisplätze. Dabei sieht der Bebauungsplan O 30 mit dem Standort 12 "Sportzentrum Waldsportpark/Heimstättensiedlung" des SKV Rot-Weiß vor, dass alle drei bestehenden Fußballplätze geopfert werden, sodass sich auf deren Gelände das neue Lilien-Stadion mit vier Zuschauertribünen rund um den neuen Fußballplatz bauen ließe (Bild 1).

Da sich rechts neben dem Sportgelände des SKV Rot-Weiß Darmstadt e.V. in süd-östlicher Richtung noch die brachliegende Freifläche in Form einer grünen Wiese (Ruderalflur) von ca. 3 ha Größe befindet, ließe sich auch dort das neue Lilien-Stadion bauen, sodass die drei Fußballplätze des SKV Rot-Weiß erhalten blieben (Bild 3, 8).

Bei dem dritten multifunktionalen Kombi-Standort handelt es sich um das Sportgelände der Turngemeinde Bessungen, TGB 1865 Darmstadt e.V. (Bild 4). Das Areal befindet sich als Tortenstück zwischen der Eisenbahnlinie Darmstadt HBf, Südbahnhof Darmstadt in Richtung Bf Darmstadt-Eberstadt, Heidelberg und der neuen B3, Karlsruher Straße (Bild 5). Dabei sieht der Bebauungsplan O 30 mit dem Standort 11 "Haardtring" der Turngemeinde Bessungen, TGB 1865 Darmstadt e.V. vor, dass der obere der drei bestehenden Fußballplätze geopfert wird, sodass sich an dessen Stelle das neue Lilien-Stadion mit vier Zuschauertribünen rund um den neuen Fußballplatz bauen ließe (Bild 6).

Aber auch dieser Standort ist gemäß dem Bebauungsplan O 30 ungeeignet, weil zu klein, da sich vor Ort die zusätzlich optional geforderten drei Trainingsplätze unterhalb des Stadions nicht mehr unterbringen lassen. Zwei der geforderten Trainingsplätze im internationalen Format gibt es aber bereits schon heute auf dem fußläufig erreichbaren Areal des Sport- und Kulturvereins SKV Rot-Weiß Darmstadt e.V. (Bild 1). Dazu müsste dann aber auf der Fußgängerbrücke über die Eisenbahngleise und die neue B3 der Karlsruher Straße noch ein entsprechender Auf- und Abgang mittels Treppe gebaut werden (Bild 5, 8), sodass sich die Trainingsplätze des SKV Rot-Weiß vom Areal des TGB 1865 in weniger als zehn Minuten zu Fuß erreichen lassen (Bild 8).

Unabhängig davon ließe sich die östliche Zuschauertribüne des neuen Stadions auf dem nördlichen Gelände des TGB 1865, also im oberen Teil des Tortenstücks, auch auf 30 Grad schrägen Stelzen am Straßenrand der neuen B3 der Karlsruher Straße in Richtung Darmstadt-Eberstadt aufständern, sodass man im oberen Teil des Areals zusätzlichen Platz gewinnen würde.

Anstelle der auf 30 Grad schrägen Stelzen gebauten östlichen Zuschauertribüne am Straßenrand der neuen B3 könnte man aber auch auf dem Kopf stehende U-förmige Betonträger über die Karlsruher Straße verbauen, sodass sich die teilweise darauf gebaute östliche Zuschauertribüne mittels einer zusätzlichen Ausfädelspur zum Parkplatz des TGB 1865 unterfahren ließe, um den Durchgangsverkehr auf der neuen B3 nach Darmstadt-Eberstadt nicht zu behindern. Damit wäre dann auch der verkehrsmäßige Zugang des TGB 1865 von der Karlsruher Straße aus für die Fußballfans, die mit dem eigenen PKW anreisen, bewerkstelligt. Neben der Einfahrt zum TGB 1865 von der Karlsruher Straße aus, ließe sich dann auch noch eine entsprechende Ausfahrt für den abfließenden Verkehr vom TGB 1865 auf die neue B3 in Richtung Darmstadt-Eberstadt zur Autobahnauffahrt A5 einrichten.

Aber neben diesem zweiten Zugang für motorisierte Fußballfans lässt sich auch noch ein dritter, fußläufiger Zugang zum Areal des TGB 1865 realisieren. Und zwar über einen noch zu schaffenden Treppenauf- und -abgang in der Mitte der Fußgängerbrücke an der neuen B3 in Höhe des Anfangs der Schallschutzmauer bei der Lincoln-Siedlung (Bild 7, 8).

Noch knapp 28 Minuten müssen sich die Darmstädter Lilien in der zweiten Halbzeit gegen Bayer Leverkusen behaupten und versuchen, mit einem weiteren Treffer in Führung zu gehen. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. In der 77. Minute gehen die Leverkusener durch einen Treffer von Julian Brandt in Führung. Jetzt sind die Lilien mit 1:2 im Rückstand, freut sich Bayer Leverkusen. Obwohl es noch mehrere gelbe Karten für beide Mannschaften hagelt, ändert sich bis zum Spielabpfiff nichts mehr am Spielstand, gewinnt Bayer Leverkusen die Partie 2:1 gegen die Lilien.

Bürgerinitiative mischt sich ein

Für die Darmstädter Bürgerinitiative "Neubau des Merck-Stadions" an einem anderen Standort aber wird es erst wieder am kommenden Donnerstag, den 18. Februar 2016 um 20 Uhr in der Teestube (1. Stock) des Kulturzentrums „Bessunger Knabenschule“ ernst. Dann gibt es nämlich eine Infoveranstaltung zum umstrittenen Vollumbau des Merck-Stadions am Böllenfalltor.

Weitere Infos dazu finden sich auf der Homepage der Bürgerinitiative:
http://lilien-stadion.bplaced.net

Volker Bouffier, der Hessische Ministerpräsident, ist natürlich auch eingeladen. Schließlich ist es von der Landeshauptstadt Wiesbaden nach Darmstadt nicht so weit. Für die Darmstädter Kommunalpolitiker wäre es dann aber wenig schmeichelhaft, wenn sich der Ministerpräsident persönlich als Lilien-Fan und Lokalpatriot der Darmstädter bekennt und den Neubau des Merck-Stadions an einem alternativen Standort zur Chefsache erklärt.

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