Die Zeit gehört uns

Jesuit Friedhelm Hengsbach ruft zum Widerstand
gegen das Regime der Beschleunigung auf

Der Jesuit Friedhelm Hengsbach hat ein Buch über den Widerstand gegen das Regime der Beschleunigung geschrieben. Darin fordert er mehr Zeitrebellen. Sie sollten die Verursacher von Zeitdruck in Schranken weisen. Die Darmstädter Sozialhilfegruppe hatte den Autor zum Vortrag eingeladen.

Früher hat ein Werbefilm sechs Minuten gedauert, heute sind es nur noch sechs Sekunden. Ein Beispiel von vielen für die Beschleunigung unseres Lebens. E-Mails, Mobiltelefone und weiterer technischer Fortschritt sollten eigentlich dazu führen, dass den Menschen die Arbeit erleichtert wird und dadurch mehr Zeit zur Verfügung steht, doch stattdessen zählt nur die Olympiade als Maxim: schneller, höher, weiter. Immer mehr Menschen fühlen sich in ihrer beruflichen und privaten Welt gestresst.

„Wo bleibt die Zeit? Was ist die Zeit? Sie rennt uns davon, wir kommen nicht nach“, so Friedhelm Hengsbach, bis 2006 Professor für Christliche Gesellschaftsethik in Frankfurt am Main. In seinem Buch „Die Zeit gehört uns“ sucht er nach Ursachen der rasanten Beschleunigung und zeigt Perspektiven für Wege auf, auf denen der Beschleunigungsschub in den Betrieben und im privaten Alltag abgebaut werden kann.
„Von wem werde ich getrieben, warum lasse ich mich treiben? Die gewagt klingende Hypothese dieses Buches formuliere ich so: Die informationsgestützten Finanzmärkte haben etwa mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts einen Megaschub an gesellschaftlicher Beschleunigung angestoßen, den sie über die börsennotierten Unternehmen in die Realwirtschaft weiterleiten.“
Ein Beispiel verdeutliche das rasende Tempo, welches die computergestützten Finanzmärkte verursachen: „Ein Börsenhändler kann in der Minute drei bis vier Handelsaufträge erledigen. Die automatischen Handelssysteme schaffen am Tag 60 Milliarden Aufträge. Dieses Tempo überträgt sich auf die Unternehmen und auf abhängig Beschäftigte. Der Druck wird in die privaten Haushalte weitergegeben. Am meisten leiden überwiegend die Frauen wegen ihrer Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung“, erläutert der Sozialethiker.
Eine Lösung, um aus dem Zeitdruck raus zu kommen sieht der Autor darin, dass Diejenigen, die den Zeitdruck verursachen, in Schranken gewiesen werden müssen. „Der Staat muss sich seine Hoheit wieder erobern gegenüber den Finanzmärkten. Und es braucht Zeitrebellen, die Parteien, Gewerkschaften und andere Organisationen unter Druck setzen, indem sie nicht nach möglichst hohem Konsum, sondern nach einem gelingenden Leben streben.“
Zeit müsse zum Indikator für gesellschaftlichen Wohlstand werden, nicht die Menge produzierter Güter, so eine Forderung des Jesuiten. „Je mehr Einkommen ich habe, desto mehr werde ich es in Güter umsetzen. Je mehr wir aber unsere Erwerbsarbeit kollektiv verkürzen, umso mehr haben wir Zeit für unbezahlte Tätigkeiten, für ziviles Engagement und die Beziehungspflege.“

Info:
Die Darmstädter Sozialhilfegruppe macht ihr Gruppentreffen donnerstags von 15:00 bis 17:00 Uhr im Keller von der Kirchengemeinde St. Elisabeth am Schloßgartenplatz 5.

Unterstützt wird die Gruppe durch Dipl.-Sozialarbeiter Johannes Hörner vom Caritasverband Darmstadt. Er steht als Ansprechpartner unter der Telefonnummer 06151 999-110 gerne zur Verfügung.

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