Darmstädter Sezession
100 Jahre deutschlandweite Künstlervereinigung damals und heute

Die Darmstädter Sezession wird 100 Jahre alt: Der literarische Freundeskreis um die spätexpressionistischen Zeitschriften „Die Dachstube“, „Das Tribunal“ und „Hessische Radikale Blätter“ schließt sich 1919 mit bildenden Künstlern zusammen und ruft die Künstlervereinigung ins Leben. Zu den 21 Gründungsmitgliedern gehören die Schriftsteller Kasimir Edschmid, Carlo Mierendorff und Theodor Haubach sowie die Maler Carl Gunschmann, Max Beckmann und Ludwig Meidner. Kunsthistorische Bedeutung kommt der überregional ausgerichteten Gruppe durch ihren steten und oft streitbaren Einsatz für die Kunst der Moderne seit dem Spätexpressionismus zu. Lange nach der Gründung macht 1950 etwa der Kunststreit um die „Darmstädter Gespräche“ deutschlandweit Furore: Die prominent besetzte Gesprächsrunde mit Theodor W. Adorno, Willi Baumeister, Gotthard Jedlicka und Hans Sedlmayr debattiert über zeitgenössische Kunst und ihren Weg in die Abstraktion. Um die Kunstwahrnehmung geht es der Gruppe auch heute.

Angetreten sind die einstigen Kämpfer gegen „bourgeoise Verschmutzung“ und für die Kunst der Moderne. Im Gründungsmanifest der Darmstädter Sezession heißt es: „Die radikalen Künstler haben ihre Fahne geschrieben: Erreichung des politischen, kulturellen, künstlerischen Kontakts. Tod aller Isolation.“ Vor 100 Jahren kritisierte die Künstlervereinigung das ästhetische Niveau ihrer Zeit und suchte Stärke in der Gemeinschaft. Heute will die Gruppe mit ihrer eigenständigen Ausstellungskultur eine offene Kunstwahrnehmung fördern: „Das zwanghafte Bewerten verlernen. Das unbelastete Sehen neu lernen. Den Bogen spannen. Das ist unser Auftrag für den Beginn des kommenden Jahrhunderts und unser Beitrag für die Kunst dieser Zeit“, heißt es im Festival-Guide zum 100-tägigen Ausstellungsmarathon in Darmstadt, Frankfurt und Berlin unter dem Titel „Den Bogen spannen“ bis zum 15. September 2019.

Selbstbestimmung und Sichtbarkeit
„Statt Kampf, Abspaltung und Erneuerung heißt es heute Verknüpfung, Einigung und Versöhnung“, spannt der Multimediakünstler und Festivalorganisator Thomas Georg Blank den Bogen über 100 Jahre Sezessionsgeschichte. Der Darmstädter Bildhauer und Vorstandssprecher Matthias Will sieht das ganz ähnlich: „Die Sezession steht heute für Gemeinschaft und Entschleunigung. Sie will dazu aufrufen, sich Zeit für die Kunst zu nehmen und wahrzunehmen, was das künstlerische Produkt für die Gesellschaft bedeutet.“

Was ist so falsch an der heutigen Rezeption? „Ausstellungen werden in der Regel von ,Verwertern’ gemacht. Wir sind die Produzenten“, so Blank. Verwerter würden Themen vorgeben und dadurch die Kunstwahrnehmung des Publikums beeinflussen. Die Sezession präsentiert dagegen die Werke nebeneinander in ihrer ganzen Vielfalt und zeigt die enorme Schaffensbreite ihrer Künstler. „Und es funktioniert: Bronze kann neben Granit stehen. Wir bauen es so, dass es wirkt“, erklärt Will. Selbstbestimmung wird zum Alleinstellungsmerkmal. Er betont: „Die Sezession ist nicht kommerziell angelegt, unser Auftrag ist die Sichtbarkeit der Künstler.“

Neue Lust am Alten
Die Übereinstimmung des 29-jährigen Thomas Georg Blank und des 72-jährigen Matthias Will kommt nicht von ungefähr. Die Darmstädter Sezession lebt mit und von ihren Mitgliedern. „Deutlich spürbar ist der Zuzug und die aktive Teilnahme jüngerer Mitglieder – bei uns wie auch bei anderen Künstlergruppen. Es gibt eine neue Lust am Alten. Strukturen werden wiederentdeckt und festgestellt: sie machen Sinn“, so Blank. „Diese Möglichkeiten haben sich Menschen immerhin unter höchstem Einsatz erkämpft“, erinnert Geschäftsführerin Inez Gengelbach.

In der Darmstädter Sezession sammeln sich Künstler unterschiedlichster Generationen, Gattungen und Genres. „Das wird oft verwechselt: Zeitgenössische Kunst ist nicht gleich junge Kunst. In der Sezession sind alle vertreten. Ältere Künstler beschäftigen sich genauso mit dem ,Jetzt’ wie jüngere“, so Gengelbach. In der 100-jährigen Geschichte gehörten der Sezession mehr als 300 Künstler an. Heute aktiv sind unter dem Zeichen des Bogenschützen rund 120 Kunstschaffende, darunter auch international beachtete Künstler wie Annegret Soltau und Vera Röhm.

Über das Festival „Den Bogen spannen“
100 Tage Ausstellungen und Austausch, Veranstaltungen und Führungen, Lesungen und Konzerte – das Jubiläumsfestival der Darmstädter Sezession ist eine Feier der Künste. Viele der 23 Ausstellungen in Darmstadt, Frankfurt und Berlin sind von den Kunstschaffenden selbst kuratiert. Geschäfte in der Darmstädter Innenstadt stellen ihre Schaufenster für Kunstpräsentationen zur Verfügung. Kunstrouten führen zu Skulpturen und Plastiken im öffentlichen Raum, sind Ausgangspunkte für Spaziergänge und Ausflüge. Die Darmstädter Sezession spannt den Bogen über 100 Jahre an 100 Tagen mit 100 Programmpunkten und Exponaten von mehr als 150 Künstlern. Das vielseitige, umfangreiche und neuartige Festivalkonzept zeigt geballt die Schaffenskraft der eigenständigen Künstlervereinigung: www.denbogenspannen.de

Autor:

Iris Vollmann aus Darmstadt-Süd

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