Es kracht beim WM-Anlauf

Unterschreiben (Foto: ISK-Hallenradsport)
Schreckhafte Geister sollten einen Trainings-Alltag der besten deutschen Kunstradfahrer
in der Landessportschule Albstadt lieber meiden. Es kracht und dröhnt,
wenn die Stahlrösser der Probanden bei Stürzen heftig auf den Boden knallen. Ja,
das passiert tatsächlich: die sonst so makellosen deutschen Velo-Ästheten verpassen
zum Beispiel beim Maute-Sprung den Lenker, das sieht beängstigend aus.
Und scheinbar unglaublich, wenn die dreifachen Champions André und Benedikt
Bugner, Punkte-Weltrekordler, Meister der Perfektion, parallel zu Boden gehen.
„Man probiert auch was aus“, erläutert André. Es sei völlig normal, wenn zu Saisonbeginn
manches holprig wirkt. Die WM-Kür, mit der die beiden Rheinhessen
bei der WM Anfang Dezember in Stuttgart wieder nach den Lorbeeren greifen
wollen, steht frühestens Mitte des Sommers.
Die lange und gründliche Phase der Vorbereitung ist nötig. Zu komplex sind die
Übungen, die hohe Punkte bringen. Es dauert Jahre, bis ganz neue Elemente passen.
Training, Ausdauer und Geduld sind die Faktoren, die Bundestrainer Dieter
Maute fordert. Das „Heimspiel“ in der Porsche-Arena aber spukt vielen schon jetzt
durch den Kopf. Viola Brand (21) beispielsweise fährt mit der S-Bahn Richtung
Universität Hohenheim täglich an der Halle vorbei. Die zweifache WM-Teilnehmerin
vom RSV Unterweissach träumt von einer Medaille im Einer – und muss vorher
durchs Stahlbad. Sie bestätigt, dass sie „sechs Jahre benötigte, bis der LenkerHandstand
klappte.“ Jetzt arbeitet sie am Sattel-Lenker-Handstand, die nächste
Schwierigkeitsstufe. Positiv, dass der früher von ihr so gefürchtete Maute-Sprung
besser funktioniert. Zur Sicherheit angeleint, notiert Mutter und Heimtrainerin
Heike Brand bei zehn Versuchen nur einen misslungenen.
Lisa Hattemer (23) übt direkt daneben eine schwierige Drehung. Die WM-Dritte
ist bereits im Masters-Studium, startet zusätzlich eine Ausbildung als Werkstudentin
– und weiß, wie hart die WM-Quali um die beiden Plätze für Stuttgart wird.
„2010 (Anm.: bei der letzten WM in Stuttgart) war ich noch Juniorin, aber die
Stimmung ging schon unter die Haut.“ Zuletzt in Malaysia blieb der ZuschauerZuspruch
überschaubar, der Titel im 1er der Frauen ging nach Österreich. Das zu
ändern, ist der Anspruch.
Auch des Bundestrainers. Dieter Maute erläutert, wie es klappen soll. „Die Mitglieder
des A/B-Kaders reichen mir eine Zweijahres-Zielplanung ein.“ Anschlie-
ßend wird getüftelt, „was machbar ist, ohne sich zu verzetteln.“ Im Juni dieses
Jahres sollen die Elemente der Kür dann stehen. Und es beginnt der Feinschliff im
Hinblick auf die Qualifikationsserie. Vor allem in den Semesterferien für Lisa Hattemer,
die zwischen Uni und Arbeit dann mehr Zeit für das Kunstradfahren hat.
Den Handstand will sie aber erst 2017 einstudieren, den fünffachen Drehsprung,
ihre Spezialität, vorher weiter perfektionieren.
Moritz Herbst beißt auch die Zähne zusammen. Nach einem Unfall ist der Daumen
der linken Hand dick bandagiert, die Einheiten in Albstadt sind für ihn der
Neuanfang. Einen Vorteil aber weiß der Medizinstudent auf seiner Seite. Katharina
Wurster, zweifache Weltmeisterin im 2er (auch in Stuttgart 2010) und heute bei
Porsche im Marketing tätig, betreut und berät den 23-Jährigen jetzt. Eine zielorientierte
Liaison. Typisch Kathi, die „nebenher“ eine Präsentation zur – weltweiten
– Aktivierung des Hallenradsports vorbereitet.
Da passte es, dass alle Kader-Athleten noch in der Halle von Albstadt ihre Beitrittserklärung
zum neu aufgestellten Förderverein, inklusive monetärer Spende,
unterzeichneten. Man packt an.
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