Eine Göttliche, depressiv – Filmbesprechung „3 Tage in Quiberon“, D/A/F 2018

„Ich bin eine unglückliche Frau von zweiundvierzig Jahren und heiße Romy Schneider.“ Dieser Satz fasst Emily Atefs Film über die berühmte Schauspielerin zusammen, die ein Jahr vor ihrem Tod einen Stern-Reporter zum ausführlichen Interview in ihrer bretonischen Entgiftungsklinik empfängt. Um sich zu entblättern, um sich zu inszenieren, um sich und ihre Mitmenschen auf eine gemeinsame Achterbahnfahrt zu nehmen.

Alles in Schwarz-Weiß. Stell dir vor: Romy auf dem Balkon, gehüllt in eine Decke, das lange, wilde Haar umspielt vom Wind. Stell dir vor: Romy in der Bar, Kopftuch, Sonnenbrille, der Blick gesenkt, tastend nach einem Ausweg. Stell dir vor: Romy lachend, weinend, schluchzend, sich auf dem Boden krümmend, rauchend, trinkend. Romy in einer Taverne, wie sie mit einem alten Fischer tanzt. Romy auf den schroffen Küstenfelsen, verwandt mit ihnen, aufgerieben vom salzigen Wasser und Wind des Lebens. Emily Atef hat einen bewegten Bildband kreiert, eine lebendige Fotostrecke über Romy Schneider, die im Frühling 1981 nach Quiberon fährt, einen kleinen Kurort in der Bretagne. Zu diesem Zeitpunkt hat sich ihr Image bereits restlos verwandelt von der kleinen Wiener Schauspielertochter, die sich durch quietschende Kostümfilme grinst, zur La Schneider, zur Grande Dame des französischen Kinos. Diese Wandlung ist ein Fest der Verzweiflung, eine lebenslange Krux: Bis zum Schluss sehen die Deutschen ihre Romy Schneider als jugendliche Leinwand-Kaiserin Sissi, die ihr Vaterland verlassen und verraten hat, um in Frankreich die Nackte, die Hure, die Dämonische zu geben.

Ein gottgleicher Hürdenlauf. Romy Schneider ist eine Diva, die sich an ihrer Arbeit und ihrem Leben gleichermaßen gefährlich verletzt – und die alle daran teilhaben lässt. In Quiberon konzentriert sich die Naturgewalt Romy auf drei Personen: Hilde, ihre beste Freundin aus Kindertagen, Michael Jürgs, Reporter des Stern-Magazins, und seinen Foto-Kollegen Robert Lebeck, der Romy schon lange kennt und irgendwie in sie verknallt ist. Dieses Kammerspiel ist sehenswert. Alle drei Nebenfiguren nutzen die Momente von Romys Abwesenheit zur gegenseitigen, schonungslosen Analyse – lebt nicht jeder von ihnen durch diese Filmdiva? Wer spielt hier welche Rolle in diesem Film namens Romy Schneider? Hilde, Romys Stütze, kann diesen schleimigen Michael nicht begreifen, der seine Seele an die Ausschlachtung der Prominenz verkauft hat. Der schlägt zurück und wirft ihr ihre eigene Bedeutungslosigkeit vor – was wäre sie denn ohne Romy? Robert Gwisdek verkörpert den Hochglanz-Klatschreporter als ein arrogantes, etwas linkisches, intelligentes Arschloch, das sich gern als Advokat des Teufels sehen würde, aber im Gespräch mit der wuchtigen Romy oft nur wie ein neunmalkluger, naseweiser Student wirkt. Umso heftiger teilt er aus und greift er an, die Fragen kalkuliert und bohrend. Marie Bäumer macht ihren Job verdammt gut, muss sie doch alle Schneiderschen Gefühlsausbrüche, alle Höhen und Tiefen abarbeiten, die sich so schnell abwechseln, dass einem schwindelig wird.

Diese ständigen Hoch-und-Tief-Flüge sind gefährlich. Das ist die Stärke und zugleich Schwäche des Films, weil er sich auf die private Romy Schneider konzentriert, die Depressive, die kettenrauchende, tablettensüchtige Alkoholikerin, die Egozentrikerin, die ihr Seelenleben um jeden Preis offenbaren will und ihr fortwährendes emotionales Auf und Ab zelebriert: Seht her, wie schlecht, wie gut es mir geht, ich muss es euch mitteilen! Fangt mich auf, aber lasst mich um Himmelswillen bloß in Ruhe! Sie missbraucht ihren Körper, geht absichtlich falsch mit ihm um. Da tänzelt sie an der Küste auf den Felsen, um sich von der Kamera ihres Fotografenfreundes jagen zu lassen, und bricht sich schließlich den Knöchel dabei. Robert Gwisdek verdreht entnervt die Augen, als er ihr hilft aufzustehen: Muss sie denn wirklich immer die Diva spielen, die am Rande des Vulkans herumalbert?

Dank Bäumers Leistung kaufen wir Romy aber sämtliche Allüren ab. Bitteschön, sie will sich nicht zusammenreißen, sie passt nicht auf sich auf. Soll sie doch machen, sie sieht einfach klasse dabei aus. Und das Bestechende an Atefs Film ist, dass er die legendäre Anekdote von Romy, wie sie in einer Hafenkneipe feiert und mit einem alten Fischer tanzt, zu einer romantischen Sequenz entfaltet. Da knallen die Korken, da klirren die Gläser, Champagner fließt literweise, so als wollten sich alle darin ertränken. Romy spricht mit drei Jugendlichen, die sie an ihren Sohn erinnern, der zu Hause ist und auf die Mutter wartet, die ihn so verzweifelt liebt und Angst hat, ihn zu verlieren, wie sie überhaupt immer Angst hat, alle zu verlieren, nie Halt zu finden, keine Liebe zu erfahren.

Wir reisen durch ein Fotoalbum, das vor allem etwas für die eingefleischten Romy-Schneider-Fans ist, die nicht genug kriegen können von dieser selbstzerstörerischen Göttlichen. Romys witzige und ironische Seite kommt selten zum Vorschein, aber wer will die Diva leichtfüßig und kess erleben, wenn eine große Klatsch-Story entstehen soll? Dass wir uns schließlich auch in Romy einfühlen können, liegt nicht nur an Bäumers Spiel, sondern auch daran, dass Atef jenes futuristisches Kurhotel als einen seltsamen Durchgangsraum einfängt, in den man sich trotz schicker Tischchen, charmanter Bedienung und lässigem Jazz nicht wirklich eingewöhnen kann. Er steht in Kontrast zu den großen, von Wind und Wasser geplagten Felsen, auf denen Romy herumtollt wie ein kleines Kind. Sie lacht, sie streckt die Hand aus, sie sieht der Sonne entgegen. Da sind immer noch Hoffnung und Lebensfreude in ihr. Just in diesem Moment möchten wir uns zu ihr setzen. Oder mit ihr einen kleinen Spaziergang machen. Und sie auch mal in den Arm nehmen, weil wir doch wissen, dass sie das will.

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