Weltstudententag 2012

Früh aufstehen, bis nachmittags in der Uni sitzen und Vorlesungen sowie Seminare besuchen, anschließend für die Klausuren lernen oder Hausarbeiten schreiben und abends spät ins Bett, weil man noch auf einer der unzähligen Studentenpartys war oder mit Freunden durch die Kneipen gezogen ist. So oder so ähnlich könnte ein typischer Studentenalltag aussehen. Traum oder Wirklichkeit? Fakt ist: Das Bildungssystem hat sich über die letzten Jahre stark gewandelt. Hieß es damals noch Diplom und Magister, gibt es heute nur noch Bachelor und Master. Besser bekannt ist diese einschneidende Reform unter dem Begriff „Bologna-Prozess“, mit dem man einen einheitlichen europäischen Hochschulraum schaffen und ein gegenseitiges unbürokratisches Anerkennen der Studienabschlüsse und -leistungen erreichen wollte. Zudem sollte die studentische Mobilität gefördert werden. Ein Leistungspunktesystem („European Credit Transfer System“ – ECTS) wurde eingeführt und in Folge der Umstrukturierung mussten alle Studiengänge modularisiert und entsprechend angepasst werden.
Für den Bachelor müssen insgesamt mindestens 180 und maximal 240 ECTS erbracht werden (Regelstudienzeit: 6-8 Semester), für den Master sind es mindestens 60 und maximal 120 ECTS (Regelstudienzeit: 2-4 Semester). Und wer nach dem Bachelor und Master immer noch nicht genug hat vom Studieren, kann auch noch einen Doktortitel oder die Professur draufsetzen.
Die Bologna-Erklärung wurde 1999 von insgesamt 29 europäischen Bildungsministern in Italien unterzeichnet – mittlerweile sind es sogar 47 Staaten, die dem Hochschulreformprozess beigetreten sind. Alle zwei Jahre findet ein Ministertreffen statt, auf dem entschieden wird, welche Ziele bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erreicht werden sollen. Das konsekutive, zweistufige Abschlusssystem (Bachelor/Master) sollte die internationale Wettbewerbs- und Beschäftigungsfähigkeit erhöhen und ein studentisches Mitwirken bei allen Entscheidungen ermöglichen. Gewährleistet wird Letzteres durch den „Allgemeinen Studienausschuss“, kurz: AStA.
Die Reform hat jedoch nicht nur Vorteile und stößt bei vielen Studenten daher auf Unverständnis. So ein straff durchorganisiertes Studium ist nämlich nicht nur zeit-, sondern auch kostenaufwendig. Wer sich in eine Universität einschreibt/immatrikuliert erhält einen so genannten Studienausweis, der das Studententicket enthält, mit dem Studierende innerhalb eines begrenzten Gebietes kostenlos die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen können. Insgesamt belaufen sich die Studiengebühren dafür auf etwa 500€ pro Semester. Hinzu kommen die Kosten für die Unterkunft. die zu zahlenden Bücher und Lehrmaterialien und sonstige Ausgaben (Lebensmittel, etc.). Für Studenten, die sich das alles nicht leisten können, besteht die Möglichkeit einen Bildungskredit (Bundesausbildungsförderungsgesetz – BAföG) zu beantragen. Studenten mit hervorragenden und überdurchschnittlichen Leistungen erhalten unter Umständen ein Stipendium.
Auch der zeitliche Aufwand für ein Studium sollte nicht unterschätzt werden. Durch den Bologna-Prozess wurde ein jährliches Pensum von 1.800 Arbeitsstunden veranschlagt, das heißt 40 Stunden pro Woche, unterteilt in Präsenzzeiten, Prüfungszeiten, Selbststudium und Praktika. Während der Leistungsnachweis in einem Diplomstudiengang mit nur ein bis zwei Prüfungen pro Semester erfolgte, wird mittlerweile jede einzelne Lehrveranstaltung mit einer studienbegleitenden Modulprüfung absolviert.
Doch nicht alle Studierenden sind dieser Arbeitsbelastung und dem erhöhten Leistungsdruck gewachsen. Überforderung und Stress, sogar Burn-Out und Depressionen werden immer häufiger diagnostiziert. Daher wird mittlerweile auch die Kritik an der Hochschulreform immer lauter. So kam es in verschiedenen Ländern immer wieder zu Demonstrationen, Protesten, Universitätsbesetzungen und Streiks. Auch der Weltstudententag, der jedes Jahr am 17. November stattfindet, wurde von mehreren tausend Schülern, Studenten und Auszubildenden dazu genutzt, um sich ihrem Unmut über das derzeitige Bildungssystem Luft zu machen. Unter anderem fordern sie bessere, gerechtere und solidarischere Verhältnisse an Universitäten, die Abschaffung der Studiengebühren und den freien Zugang zu Masterstudiengängen.

Doch was genau hat es eigentlich mit dem Weltstudententag auf sich?
Der Weltstudententag wurde zum ersten Mal 1941 vom „International Students Council“ in London ins Leben gerufen – als Erinnerung an die Studentenproteste in Prag im Jahr 1939. Die Demonstrationen gegen die Besetzung der Nationalsozialisten kamen damals zu einem blutigen und grausamen Ende. Am 17. November 1939 wurden neun Aktivisten hingerichtet, ohne jemals eine Gerichtsverhandlung bekommen zu haben. Insgesamt wurden mehr als 1.200 Demonstranten in Konzentrationslagern umgebracht. Dieser Feiertag hat also einen sehr traurigen Hintergrund und soll an den Mut der Studenten von 1939 erinnern.

Zu diesem Thema hat die Redaktion von mein südhessen auch mehrere Darmstädter Studenten befragt. Ihre Antworten und Meinungen wollen wir im Folgenden kurz vorstellen:

Florian Hastert, 26, studiert Master für Technische Biologie. Für den Studienort Darmstadt entschied er sich aufgrund der Nähe zum früheren Wohnort und weil das Studienfach in dieser Form nur an der TU Darmstadt angeboten wurde. Besonders gerne mag er am Student-Sein die verschiedenen Lokalitäten zum Weggehen und das Darmstädter Nachtleben, das sich nach der Schließung des Clubs "603qm" jedoch nur noch auf Kneipen wie die "Krone", den "Schlosskeller" oder das "LowBrow" beschränkt. Wohnhaft ist er direkt in Darmstadt, obwohl die Wohnungen dort eigentlich sehr teuer sind. Und wie empfindet er das Lernpensum an der Uni? Im Vergleich zu Diplom-Studiengängen ist der Lernaufwand beim Bachelor oder Master ungleich höher, erzählt er. Durch den größeren Praxisbezug allerdings auch ansprechender. Er ist der Meinung: Generell sollte die Regelstudienzeit für den Bachelor mit 7 Semestern veranschlagt werden. So hat man einen zeitlichen Puffer, der es einem ermöglicht Klausuren auch mal später zu schreiben und so müsste man während der intensiven Lernphase bestimmte Klausuren nicht vernachlässigen.

Lisa Gottschalk, 20, studiert Lehramt auf Gymnasium in den Fächern Mathematik und Sport. Darmstadt als Studienort findet sie ansprechend, weil er nah an ihrem Wohnort (Bad König) liegt und mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar ist. Außerdem ist eine Technische Universität für den Studiengang Mathematik sowieso sehr gut geeignet. In Bad König wohnt sie, weil es konstengünstiger ist, sie am Wochenende dort arbeitet und es sich für sie bei drei Tagen Uni in der Woche nicht lohnt nach Darmstadt zu ziehen. Außerdem hat sie in Bad König ihre Freunde und Familie und weil auch das "Hotel Mama" während den Prüfungswochen sehr angenehm ist, gibt sie ehrlich zu. Zusätzlich geht sie in ihrer Heimatstadt regelmäßig zum Tennistraining. Was ist für sie das Besondere am Studentenleben? Dass man viele Wahlfreiheiten hat, dass man sich das Lernpensum selbst einteilen und seinen eigenen Studenplan erstellen kann, erzählt sie. Toll findet Lisa auch, dass man durch die verschiedenen Veranstaltungen viele neue Leute kennnenlernt. In ihrer Freizeit geht sie besonders gerne ins "Sausalitos", das "Nachtcafe", ins "A5", "Enchilada" oder "Extrablatt". Und wie anstrengend findet sie das Studieren im Allgemeinen? "Das Lernpensum ist eigentlich sehr angenehm, aber es kommt darauf an, welche Veranstaltungen man im Semester hat und wie viel dort jeweils gefordert wird. Das hängt teilweise sehr stark vom Dozenten bzw. vom jeweiligen Fach ab", sagt sie. Dennoch sei der Aufwand durchaus zu schaffen, wenn man von 30 Leistungspunkten im Semester ausgeht, die man erreichen möchte.

Daniel Herzog, 26, studiert Joint Bachelor of Arts für Soziologie und Sportwissenschaft. Für Darmstadt als Studienort hat er sich entschieden, weil er schon immer in der Nähe (in Weinheim im Odenwald) gewohnt hat und von dort auch nicht wegziehen wollte. Eine Wohnung direkt in Darmstadt war ihm zu teuer und schön findet er die Stadt auch nicht. "Außerdem habe ich in Weinheim meinen Handballverein und Kumpels in der Nähe." Bei den Bewerbungen an der Uni in Heidelberg und Frankfurt hatte er jedoch leider kein Glück. Er findet, dass das Studentenleben sehr individuell zu gestalten ist und zu einem großen Teil auch relativ entspannt sei. "Wobei ich das in den letzten Monaten schon nicht mehr behaupten konnte", erzählt er. "Gut finde ich noch, dass man viele Leute aus allen Ecken Deutschlands kennenlernt und neue Kontakte knüpfen kann." Was die Darmstädter Kneipenlandschaft angeht, gibt er zu, dass er bisher garnicht so viele Lokalitäten kennengelernt hat, aber das "Sausalitos" gefällt ihm sehr. Das Lernpensum empfindet er als sehr unterschiedlich und abhängig vom Semester. "Die letzten zwei Semester waren sehr stressig, weil man nicht nur für Klausuren lernen muss, sondern ständig irgendwelche anderen Arbeiten machen muss. Ich denke aber, es ist soweit in Ordnung und man schuftet sich nicht einen ab."

Lisanne Frie, 23, studiert Lehramt auf Gymnasium in den Fächern Deutsch und Sport. Ursprünglich kommt sie aus Nordrhein-Westfalen, doch weil dort der Numerus Clausus (NC) zu hoch war, hat sie sich in Darmstadt beworben, wo sie nun auch eine Wohnung im Martinsviertel hat. Außerdem wurde ihr Studiengang in Hessen als zulassungsfrei angeboten und Studiengebühren gab es da auch nicht. Die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu Heidelberg, Mainz und Frankfurt ist ein zusätzlicher Pluspunkt. Als negativ empfindet sie die hohen Mietpreise in Darmstadt, auch wenn sich ihre Wohnung in einer guten, schönen und zentralen Wohnlage zur Uni, zur Innenstadt und den Clubs befindet. Besonders gut findet sie am Studium, dass man viele Freunde kennenlernt und dass Darmstadt viele Studentenkneipen und Diskos zu bieten hat, zum Beispiel das "Hotzenplotz" oder "Hobbit", die "Zweite Heimat" und das "Dreiklang". Gerne geht sie auch mal in die "Centralstation", den "Schlosskeller", das "Level 6" oder das "A5". Und wieviel Zeit muss sie in ihr Studium investieren? "Das Lernpensum ist in meinem Studiengang angemessen. Allerdings sind die Anforderungen hinsichtlich Hausarbeiten im Fach Deutsch sowohl quantitativ als auch qualitativ sehr hoch", erzählt sie.

Sebastian Kraft, 24, studiert Joint Bachelor of Arts für Soziologie und Sportwissenschaft. Für Darmstadt hat er sich entschieden, weil es nah an seinem Heimatort im Odenwald liegt und weil er dort Freunde, Familie und seinen Sportverein hat. Wohnhaft in Darmstadt ist er seit über einem Jahr. Vorher pendelte er von Bad König zur Uni. "Ich wollte aber am Studienort selbst wohnen und das WG-Leben ist auch genial. Allerdings sind die Mietpreise hier teilweise wirklich sehr hoch." Vorteilhaft am Studium findet er, dass man sich die Kurse selbst einteilen bzw. so legen kann, dass man auch anderen Verpflichtungen nachkommen kann. Zudem lernt man sehr viele neue Leute kennen. "Allerdings hat man auch ein gewisses Maß an Selbstorganisation, was ich aber eigentlich sehr gut finde", sagt er. "Zum Feiern sind ausreichend Lokalitäten vorhanden. Neben Kneipen oder Cocktailbars gibt es unter anderem das "A5", "Nachtcafe" oder die "Centralstation". Außerdem ist man schnell in Frankfurt und dort gibt es ja mehr als genug. Also alles in allem hat das Studentenleben schon was!" Und wie sieht es mit dem Lernpensum aus? "Das ist soweit schon in Ordnung, abhängig vom Studiengang natürlich. Ich kenne aber wenige Leute, die tatsächlich in der Regelstudienzeit fertig werden. In den Prüfungsphasen kann es schon sehr stressig werden, aber man kann sich ja alles selbst einteilen, daher ist das schon machbar."

Und was halten Sie vom jetzigen Bildungssystem? Finden Sie die Anforderungen an die Studenten zu hoch? Oder glauben Sie, dass das Arbeitspensum machbar ist? Was sollte sich eventuell an den Studienbedinungen ändern? Schicken Sie uns gerne Ihre Meinung zu dem Thema an redaktion@mein-suedhessen.de

Autor:

Redaktion mein südhessen aus Darmstadt-Süd

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