Das Spektrum der Herausforderungen ist groß

Mindestlohn, unakzeptable Marktregulierungen & bessere Exportstrategien

Gernsheim. Rund 300 Landwirte und Landwirtinnen kamen am Montag in die Stadthalle Gernsheim, um zu hören, was ihnen die hessische Politik & Landwirtschaftsexperten im Rahmen der Auftaktveranstaltung zur 60. Landwirtschaftlichen Woche Südhessen mit auf den Weg zu mehr Erfolg in der Landwirtschaft geben wollen.

„Umweltschutz darf nicht zur Auslöschung der Bauernfamilien führen“ betonte Dr. Willi Billau, Vorsitzender der Südhessischen Woche e.V. provokativ. Die Lage ist ernst, die Probleme groß. Durch EU und internationale Politik verwässerte Qualitätsstandards machen es den Produzenten landwirtschaftlicher Erzeugnisse in Deutschland derzeit immer schwerer, für ihre qualitativ hochwertigen Produkte den entsprechenden Lohn zu erhalten. Dies gilt für konventionelle Anbieter gleichermaßen wie für Biobauern. Er fordert: „Nicht Standards aus den USA sollten für uns gelten, sondern umgedreht.“ Verbraucher müssen für Qualität aus der Region in der sie leben sensibilisiert werden. Doch wie genau dies geschehen soll, ist unklar. Solange bei Lebensmitteln Preisdumping stattfindet, wird für Qualität zu wenig bezahlt. Auch Friedhelm Schneider, Präsident des Hessischen Bauernverbandes e.V., warnte davor, die Land-wirtschaft als ideologisches Kampffeld zu missbrauchen und lobte die hessische grüne Politik, die ein offenes Ohr für konventionelle und biologische Landwirtschaft gleichermaßen hätte. Auch wenn einige Besucher im Raum darauf nicht gerade begeistert reagierten, hörten sie den Worten von Priska Hinz, Hessischer Ministerin für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz doch intensiv zu, die sich dem hochexplosiven Thema stellte und mit Weitblick über „Landwirtschaft in Hessen – zukunftsfähig und verbraucherorientiert“ sprach. Jedoch wurde von den Landfrauen bemängelt, dass das Ministerium Projekte wie etwa den „Bauernhof als Klassenzimmer“ zu wenig fördern und unterstützen würde. Ernährungsbildung fängt in der Schule an. „Dafür muss mehr Geld zur Verfügung stehen.“

Die Ministerin appellierte jedoch auch daran in Hessen nicht die Augen vor der Realität zu verschließen. „Wichtig sind die langfristigen Trends. Der Weg geht hin zu regionaler Vermarktung. Darauf können sich die Erzeuger einstellen“ betont Hinz. Fakt ist, dass die Verbraucher immer mehr Wert auf Aufklärung und Transparenz legen. Gentechnikfreies Futter müsse verfügbar sein, der ländliche Raum gestärkt werden. Für Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, standen globalere Themen im Fokus. So führte er die schwächelnde Weltkonjunktur und den Rohölpreis als kritische Punkte auf, die den wirtschaftlichen Erfolg landwirtschaftlicher Produzenten schnell schwinden lassen und sprach über die für einige Sparten der Landwirtschaft dramatische Marktsituation. Fallende Ferkel- und Milchpreise führen das Engagement der hart arbeitenden Landwirte ad absurdum. Er forderte des-halb: „Wir brauchen die gesellschaftspolitische Begleitung!“ Auf der grünen Woche in Berlin hätte man aber lieber darüber diskutiert, ob ein Systemwechsel notwendig sei. „Wer von Doping im Stall und Tierqual spricht, träte die Bauern mit Füßen.“ Sein Lösungsvorschlag für den schwindenden Markt in Deutschland: „Wir müssen im Export besser werden wenn wir überleben wollen!“ Und an Ministerin Hinz gewandt: „Wir brauchen Reduktion der Auflagen, da setze ich auf Sie Frau Hinz!“ Kritisiert wurde, dass man den „Problem-Messstellen“ eine höhere Aufmerksamkeit schenken würde als dem Rest der verantwortungsvoll arbeitenden Produzenten, von denen es immerhin 800 Messstellen gäbe, die die umweltgerechte Düngung erfassen. Irrsinnige, nicht zielführende EU-Regelungen wie etwa zum Thema „Ausbringung von Mist“ und zur „Phosphatdüngung“ würden den Wettbewerb unnötig verzerren und den Landwirten das Überleben schwer machen. Rukwied fordert praxisgerechte Lösungen und erntet dafür tobenden Applaus im Plenum.

Das Thema Mindestlohn betrifft besonders die Produzenten von Sonderkulturen wie Spargel, Erd-beere & Co. Rukwieds Credo: „Der Mindestlohn ist ein signifikanter Nachteil. Auch was die Schädlingsbekämpfung anbetrifft, sieht er nicht umkehrbare Folgen durch Verbot von Pestiziden, die die Feldfrüchte schützen. Besonders im Hessischen Ried – einem früheren Feuchtbiotop per se, in dem Insekten großes Unheil anrichten können. Auch der Forderung nach einem transparenten Qualitäts-management mit minutiöser Dokumentation der Arbeitszeiten sieht er kritisch entgegen, da die Arbeit so schon nicht von den meist im Familienverbund geführten Betrieben zu bewältigen ist.

Im Rahmen der Auftaktveranstaltung wurde auch der neue südhessische Verbraucherratgeber mit mehr als 300 Hofläden, Direktvermarktern, Imkern und Hofcafés den Anwesenden übergeben. Dieser bietet dem Verbraucher ein attraktives Spektrum qualitativ hochwertiger Produkte und regionaler Spezialitäten aus erster Hand. Die Freischaltung der „frimeo-App“ konnte während der Eröffnung der Landwirtschaftlichen Woche Südhessen noch nicht stattfinden, da Google die App erst freigeben muss und sich dafür bereits 10 Tage Zeit lässt. Nezar Mahmoud, Sprecher von frimeo und Mitentwickler der App, erklärte während der Pressekonferenz die Vorteile der in Kooperation mit dem Regionalbauernverband Starkenburg e.V. entwickelten App, die den direkten Kontakt zu Direktvermarktern unserer Region möglich macht. Mit der App wird es in Kürze möglich sein, dass „jeder, überall und immer aktuell die Vielfalt regionaler Lebensmittel direkt auf seinem Smartphone entdecken kann.“ Teilnehmende Betriebe und ihre Produkte sind einfach über eine virtuelle Karte auffindbar. Interaktive Kommunikations- und Vertriebsmöglichkeiten ermöglichen es dem Verbraucher den virtuellen Marktplatz für seinen täglichen Einkauf regionaler Lebensmittel zu nutzen, Vorbestellungen zu tätigen und direkt einzukaufen. (Petra Pettmann M.A.)

Autor:

Redaktion mein südhessen aus Darmstadt-Süd

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.