Odenwald-Forum - 1918/19 im Odenwald

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Mit den Ereignissen vor hundert Jahren beschäftigte sich das jüngste Odenwald-Forum in Höchst-Hummetroth. Mehr als 50 Interessierte waren gekommen. Die Referentin Heidi Banse, Michelstadt, hatte aus dem Centralanzeiger für den Odenwald, der Schulchronik Bockenrod, den Tagebuch-Aufzeichnungen von Karl Hosch, (1886-1952), freundlich überlassen durch seinen Enkel Helmut Geist, ein Bild über die letzten Kriegstage 1918, den Frieden und die Revolution sowie den Neuanfang der Weimarer Republik 1919 zusammengestellt. Ergänzt wurde die Power-Point Präsentation durch alte Postkarten aus den Sammlungen von Irmgard Birkert, Hassenroth u. Hans Peter Trautmann, Reichelsheim. Lehrer Hallstein berichtet in der Schulchronik über die schlechte Versorgungslage der Bevölkerung. Die Schulkinder wurden dazu benutzt während der Schulzeit Laubheu zu sammeln. Aus dem Laubheu sollten Laubfutterkuchen als Futter für die Pferde an der Front gemacht werden, aber die Maßnahme kann das Vaterland nicht mehr retten. Genauso wenig wie die Sammlung der Kinder des Kreises für die 8. Kriegsanleihe, bei der zusammen 104.080 Mark gezeichnet wurden. Das sind 28 Mark je Schüler, was umgerechnet bedeutet, Vater und Mutter hätten 28 mal zum Friseur gehen können - wie aus der Annonce des Friseurs Schmidt in Erbach von 1918 zu ersehen ist. Der Erbacher Elfenbeinschnitzer Ludwig Hasenzahl, 1876 in Erbach geboren, war von 1912 bis 1920 Reichstagsabgeordneter der SPD für den Wahlkreis Odenwald. Er schreibt im Centralanzeiger: „Die Ereignisse überstürzen sich in rasendem Tempo. Komplikationen türmen sich am politischen Horizont auf und gewinnen gigantische Gestalt. Es heißt jetzt, das Drama, dessen letzter Akt aufgezogen ist, zum Abschluß und zu möglichst raschem Abschluß zu bringen. Das ist das Gebot der Stunde!“
Ohne großes Aufhebens und ohne Straßenkämpfe wie in Berlin kehrt im Odenwald der Friede ein! Die Referentin berichtet über die Geburtsstunde des Frauenwahlrechts am 12. November 1918. Zwei Monate später durfte gewählt werden! Sorge bereitet den Odenwäldern die Einrichtung einer Neutralen Zone. Doch dann kommt die Zeitungsmeldung:
Nach den jetzt etwas gemilderten Waffenstillstands-Bedingungen wird von unserem Kreise kein Teil mehr in die neutrale Zone fallen, die sich nur 10 Kilometer vom Rhein nach rechts gegen den Odenwald hin erstreckt. Es wäre also eventuell nur mit deutscher Besetzung im Kreise zu rechnen und damit verbunden mit Einquartierung. Der Odenwald wird Durchmarschgebiet der zurückströmenden Truppen. Von anderen Orten gibt es Postkarten mit Fahnen und jubelnden Menschen. Im Odenwald ging das wohl alles stiller von Statten. Glocken gab es keine mehr, die den Frieden hätten einläuten können. Über den Beginn des Jahres berichten die Tagebuchaufzeichnungen Hosch über ein Ereignis, von dem nicht im Centralanzeiger geschrieben wurde: „Alle Arbeiter wurden aufgefordert, auf dem Marktplatze zu erscheinen, es sollte nach Erbach gehen, Waffen geholt werden und nun sollte es dem Grafen an den Kragen gehen. Die Menge zog vor das Schloßtor und auch hinein, konnte aber nicht mehr ausrichten, als was sie (die Grafen von ihren Ländereien) vorher freiwillig abgeben wollten.“ Die bevorstehenden Wahlen werden im Centralanzeiger angekündigt, die Frauen zur Wahl aufgerufen. Kandidatinnen stellen sich vor, wie die Frau des Geheimen Finanzrats Balser, die als ausgezeichnete Rednerin galt. Nach der Novemberevolution wurde Hasenzahl Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates in Erbach. Der Kreisausschuß beschließt die Bereitstellung von Notstandsarbeiten für Arbeitslose wie den Bau einer neuen Kreisstraße von Lützel-Wiebelsbach nach Seckmauern. Ein Notgeld des Kreises Erbach kommt in Umlauf. Und dann tritt vor genau 100 Jahren das neu gewählte Parlament zusammen. Teilnehmer aus dem Odenwald an der Verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar ist Ludwig Hasenzahl. Eine kleine Gedenktafel auf dem Michelstädter Friedhof erinnert an ihn.

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