Odenwald-Forum - Das Ziel stets fest im Blick – Karl Weyprecht

„Mit dem Ziel stets fest im Blick“ fesselte und begeisterte Peter Behr M. A., freiberuflich schaffender Historiker, mehr als 40 Zuhörer beim jüngsten Odenwald-Forum. Karl Weyprecht (1838-1881) wurde nicht einmal 43 Jahre alt. Sieht man von etwa zweieinhalb Jahren in der Beringsee ab, verbrachte er die erste Hälfte seines Lebens in Bad König und Darmstadt, die zweite als Angehöriger der österreichischen Marine an der Adria.
Über Weyprechts Kindheit und Jugend, die er in seiner Geburtsstadt Darmstadt und in Bad König verbrachte, wo sein Vater als Jurist in den Diensten der Grafen von Erbach-Schönberg stand, liegen nur spärliche Angaben vor, die stark anekdotisch gefärbt sind. Das betrifft beispielsweise die Frage, wieso sich ein Kind des Binnenlandes für eine Karriere als Marineoffizier entschieden hat und warum die Eltern diese kostspielige und langwierige Ausbildung finanziert haben. Die Antwort ist in der gescheiterten Revolution von 1848/49 zu suchen: 1853, als der junge Karl gerade auf die mathematisch-technisch orientierte „Höhere Gewerbeschule“ in Darmstadt (die Technische Universität ist aus ihr hervorgegangen) wechselte, wurde die „Reichsflotte“ verschrottet. Sie war aus Spenden der deutschen Bevölkerung finanziert worden, um eine Blockade der deutschen Nordseehäfen durch die dänische Kriegsmarine zu beenden. Die Flottenbegeisterung hatte zur Folge, dass sich aus dem gesamten deutschen Sprachraum junge Männer bei der österreichischen Marine bewarben, denn außer Österreich unterhielt kein anderer deutscher Bundesstaat eine eigene Kriegsmarine.
Über Weyprechts späteres Leben geben seine Briefe an die Eltern und Geschwister Auskunft. Unmittelbar nach Ablegung des Offiziersexamens wurde er selbst als Ausbilder für den Nachwuchs eingesetzt. Dieses Betätigungsfeld sollte er nie mehr ganz verlassen, obwohl er sich nach einem Kriegseinsatz drängte. Seine Chance kam während der italienischen Einigungskriege: nach dem Tod des Kapitäns übernahm er 1866 vor der Insel Lissa kurzerhand das Kommando seines Schiffs und konnte ein italienisches versenken. Statt einer beschleunigten Beförderung erhielt er einen Orden.
Zur gleichen Zeit verfolgte Weyprecht bereits eine zweite Karriere: er bewarb sich als Kapitän einer geplanten Reihe von Expeditionen zum Polarmeer zwischen Grönland, der Nordküste Sibiriens und dem Nordpol, konnte aber erst die dritte und die vierte tatsächlich anführen. Diese vierte, letzte Expedition fand kurz nach Bismarcks Einigung der deutschen Staaten unter preußischer Führung statt. Sie sollte die Leistungsfähigkeit Österreichs unter Beweis stellen, das nicht länger die Vormacht im deutschen Sprachraum war. Fast ausschließlich privat finanziert, scheiterte die Expedition an den ungünstigen Wetterbedingungen im Polarmeer: die Sommer 1872 und 1873 waren kälter als die Sommer während der drei vorangegangenen Expeditionen. Das von Weyprecht entworfene Expeditionsschiff wurde schon nach wenigen Wochen von Eisblöcken einschlossen. Sie bildeten mit dem Schiff eine Insel aus Treibeis, die nach anderthalb Jahren an einer unbekannten Inselgruppe festfror, die später den Namen „Kaiser Franz Josefs-Land“ erhielt.
Weyprecht zog aus den ernüchternden Erfahrungen die Lehre, dass stichprobenartige Messungen von Expeditionsschiffen aus nicht geeignet waren, um die klimatischen Bedingungen rund um den Nordpol aufzuklären. Während eines Urlaubs bei seinem Bruder, der als Arzt in Michelstadt praktizierte, entwickelte er den Plan, die Meteorologen der Anrainerstaaten zu einer gemeinsamen Untersuchungsreihe zusammenzubringen. Auf Kongressen warb er erfolgreich für das Projekt eines „Internationalen Polarjahres“, dessen Organisation er seine letzten Lebensjahre widmete, ohne die Verwirklichung 1882/83 noch zu erleben – er starb an TBC 1881 bei seinem Bruder Robert im Haus am Lindenplatz in Michelstadt.
Alle Zuhörer waren hellauf begeistert von dem anspruchsvollen, mit feinem Humor gewürzten und ganz auf die Person dieses bedeutenden Odenwälders bezogenen Vortrag.

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