Schlechte Lebensaussichten für unehelicher Kinder im 18. Jhdt.

Von 127 Kindern mit nachgewiesenem Sterbedatum sind 92 nachweislich jung gestorbene und nur ein Viertel haben das Erwachsenenalter erreicht.
 
Das Landrecht ... der Grafschaft Erbach und Herrschaft Breuberg im Odenwalde - mit der Verordnung, dass erst mit 25 Jahren geheiratet werden darf.
Höchst im Odenwald: Hummetroth |

Höchst-Hummetroth: Beim jüngsten Vortrag des Odenwald-Forums fand das Thema „Hurenkinder“ das Interesse von 40 Zuhörern.
Gefunden hat die Referentin, Heidi Banse, diese „vergessenen Kinder“, die Hurenkinder, auch Hurensöhnlein oder Hurentöchterlein genannt wurden, in den Einträgen der alten Kirchenbücher. Darin wird auch von 3 Morden und einem versuchten Mord an Neugeborenen berichtet.

Im Jahr 1665 spielt sich in Michelstadt dieses Drama ab: Die aus der Schweiz zugewanderte Magd Engel, die bei Registrator Mayer dient, bringt ihre unehelich geborene Tochter um und hat „sodan benflectus den Hals mit ihrem Brotmesser abgeschnitten, dahieren sie nachgehend decoltiert“ (enthauptet). Wenige Jahre später wird von dem Hurentöchterlein der Catharina Löwelin berichtet, „welches sie umgebracht“. Sie wurde gefangen genommen und gründlich(!) verhört. Nach einem halben Jahr in Haft gelingt ihr die Flucht. Die dritte Kindermörderin Anna Maria Hartmännin von Ober Mossau, wird enthauptet. Ihr gesteht man ein Begräbnis auf dem Kirchhof zu. Die Magd des Wirts Christoph Müller verheimlichte ihre Schwangerschaft bis zum letzten Moment, „daß man sah, wie sie solches tödt. wollen. Es blieb beim Mordversuch. Zu diesen Morden kündigt die Referentin den Dezember-Vortrag beim Odenwald-Forum von Dr. Johann Heinrich Kumpf aus Berlin an mit dem Titel „Kopf und Kragen“.

In einem ausführlichen Eintrag wird über die Taufe eines Zwillingspaares berichtet.
Die aus Vielbrunn stammende Mutter Walpurgis Straub verstrickt sich in Widersprüche, den Vater der Kinder betreffend. Sie berichtet, dass sie von Nürnberg komme, wo sie zusammen mit ihrer Schwester als Gold- und Silberspinnerinnen arbeite. Goldspinnerinnen stellten Fäden für die kostbaren Gewänder der Reichen her. Diese Frauen üben einen Beruf aus, von dem man im Odenwald zuvor noch nicht gehört hat.

Auf dem Weg von Zell nach Michelstadt kommt das zweite Kind der Anna Maria Geist zur Welt. „Anna Maria Geistin wiederumb aus Hurens schwanger worden u. auf dem Weg von Zell anher niederkommen.“

Charlotta Jäger kann den Vater ihres Kindes nicht nennen: “den Vater weiß die Mutter nicht anzugeben.“ Bei ihrem Tod, 20 Jahre später, stellt sich heraus warum: sie war stumm, „starb schnell die Jägerin, ein stummes elendes Mensch von Stockheim.“

Im alten Erbacher Landrecht fand die Referentin eine Verordnung der drei regierenden Erbacher Grafen von 1740, „daß keine unserer Unterthanen hinkünftig vor dem 25sten Jahre zu heurathen, sich unterstehe“.
Diese Verordnung hat weitreichende Folgen. Es ist nicht erwähnt und zu erkennen, ob die Altersgrenze von 25 Jahren für die Heirat nur für Männer zutrifft. Diese können nun erst nach der Militärzeit heiraten. Die Herrschaft hatte also bei ihrem Tod im Kriegsdienst nicht für Witwen und Waisen zu sorgen. Für Frauen würde es eine strenge Geburtenkontrolle bedeuten. Der Ton bei den Einträgen von unehelich geboren Kinder nun noch rauher. Wenn die jungen Leute danach nicht mehr als Beisassen und Untertanen in der Grafschaft leben können, was bleiben da für Auswege? Die jungen Frauen versuchen bis zum letzten Moment ihre Schwangerschaft zu verheimlichen. Ledige bekommen unterwegs ihre Kinder. Um nicht die Männer mit ins Unglück zu ziehen, verschweigen sie den Vater des Kindes. Und zuletzt bleibt nur die Flucht!

Eine frühe Auswanderung nach Nord-Amerika setzt ein, und es dauert nicht mehr lange, da gehen die ersten Kartoffeldeutschen in die sandige Heide nach Dänemark. Eine weitere Chance für all diese Menschen ist dann wenige Jahre später der Ruf der Zarin Catharina an die Wolga. Viele Odenwälder sind diesem Ruf gefolgt, junge Paare haben sich noch schnell 1766 in Büdingen trauen lassen. Zu diesem Thema weist die Referentin auf den Oktober-Vortrag des Odenwald-Forums von Andreas Uhrig hin.

In Ober-Mossau stirbt eine junge Mutter. Zwei Monate nach der Geburt will man sich ihrer entledigen und sie in die Heimat zurückschicken. Dazu bedient man sich der Bettelfuhr, bei der Kranke von Landesgrenze zu Landesgrenze auf vorbeikommenden Fuhrwerken mitgeschickt wurden um sie, ohne große Kosten zu verursachen, nach Hause zu bringen. Das Hurentöchterlein wird auf Kosten der Zent Michelstadt in Pflege gegeben. Banse betont, dass aus diesen kleinen Einträgen im Kirchenbuch etwas über die soziale Fürsorge, die sonst an keiner anderen Stelle überliefert ist, herausgelesen werden kann. Weiter wird von zwei Fällen von Inzest berichtet, was ebenfalls für alle Beteiligten den Landesverweis zur Folge hatte.
1767 müssen sich Preußische Soldaten zur Anwerbung in Michelstadt aufgehalten haben, denn 9 Monate später kommen mehrere Hurensöhnlein zur Welt.

Dies alles, auch Anderes, Kleinigkeiten aus dem alltäglichen Leben, sind aus den Einträgen in den alten Kirchenbüchern herauszulesen. Die Geschichte der „kleinen“, einfachen Leute im Odenwald. Eine große Zahl von unehelich geborenen Kindern, als „Hurenkinder“ bezeichnet, fällt mit traurigem Lebensschicksal auf. Die hatten oft keine Überlebenschancen, sterben schlecht oder gar nicht versorgt gleich nach der Geburt. Dreiviertel aller „Hurenkinder“ stirbt in den ersten Lebensjahren.
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