Wort zum Sonntag

Dorothea Gauland

"Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang."
Ich habe diese Worte unzählige Male gehört und gesungen, denn sie sind Teil eines in kirchlichen Kreisen sehr bekannten Lieds: "Von guten Mächten wunderbar geborgen".
Früher habe ich mir immer bewusst machen müssen, in welcher Situation dieser Text geschrieben ist, um seine Bedeutung richtig einzuordnen: Dietrich Bonhoeffer schrieb diese Worte 1944 aus einem Kellergefängnis der Nazis, wenige Monate vor seinem Tod.
In diesen Zeiten hat man einen ganz anderen Blick auf die alten Texte. Wir sind nicht in Kellergefängnissen eingesperrt, und nur die wenigsten sind im Moment in akuter Lebensgefahr. Und doch ist die "Stille" auf einmal sehr real, spürbar da.
Auf den leeren Straßen. Vor dem Fenster. In vielen Läden (es sei denn, sie verkaufen Klopapier). In den eigenen vier Wänden, in die im Moment niemand zu Besuch kommt.
Wie gut es tut, zu hören: Es gibt sie, die "unsichtbare Welt", sie weitet sich um uns, sie klingt und singt: Die Menschen, die an uns denken. Denen wir wichtig sind. Es gibt sie, auch, wenn wir sie gerade nicht in den Arm nehmen können. Sie weitet sich um uns, macht die Grenzen der Quarantäne erträglich. Sie schaut herein, wenn der Enkel oder die Tochter, Eltern oder Freunde anrufen. Sie ist nur scheinbar "still" – sie organisiert sich neu, sie verändert sich, lässt Neues entstehen –sie lässt sich nicht "stilllegen":
Nachbarschaften und ganze Regionen entdecken ihre Solidarität neu. Einkaufen, Briefe einwerfen, Gassi gehen, die Kinder betreuen – für Menschen, die man vorher gar nicht kannte. Wer weiß, vielleicht entstehen neue Freundschaften?
Auf einmal sind Dinge möglich, die wir bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten hätten: Theater online. Konzerte online. Singen vom Balkon. Sogar Livemusik per Videokonferenz, auf den Takt genau. Auch die Kirche geht online – und die Gottesdienste werden von so vielen Menschen gesehen wie nie.
Die Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, sie lebt, sie ist kreativ, solidarisch, sie ist da. Sie hat uns nicht vergessen. Sie ist nur anders sichtbar, anders spürbar – anders als vorher.
Meine Sinne gewöhnen sich an das "anders". Sie nehmen das wahr, was sonst unsichtbar war.
Das Schöne, die Solidarität. Eine WDR-Reportage zeigt ein eben eröffnetes Café, die jungen Betreiber, ein Paar, erzählen von Anfeindungen in der Vergangenheit; vielleicht, weil sie ein Kopftuch trägt? Nach dem ersten Bericht über die durch Corona ausgelöste finanzielle Not: Eine Flut von Bestellungen, weil die Zuschauer*innen sie unterstützen wollen. Solidaritätsbekundungen per Mail.
Und die Natur erholt sich: Delphine in Venedigs Kanälen.
Aber auch das Traurige: die Welt, die auch vor Corona von vielen kaum gesehen wurde: Menschen, die nicht zuhause bleiben können, weil sie keines haben. Wo gehen sie jetzt hin? Hilfsangebote werden weniger, Tafeln haben geschlossen, selbst Pfandflaschen stehen kaum noch auf der Straße, weil niemand sie rausstellt. Dabei gibt es da kaum ein Ansteckungsrisiko. Die Hilfsorganisationen stellen um und geben möglichst vielen Menschen einen dauerhaften Wohnraum. Toll!
Hoffentlich reicht das für alle. Und vor allem hoffe ich: Dass alle in die Solidarität einbezogen werden. Egal, ob sie eine Wohnung haben oder nicht.
"Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang."
Lassen Sie uns diese unsichtbare Welt im Herzen behalten. Jetzt – um nicht zu vereinsamen.
Und nach Corona. Dann bleibt, hoffentlich, etwas vom "anders": Das Gute. Die Solidarität – und der Blick für das Unsichtbare.

Dorothea Gauland, Pfarrerin

Autor:

Redaktion mein südhessen aus Darmstadt-Süd

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