1919 - Vor Hundert Jahren im Odenwald

Zu Weihnachten 1919 erscheint im Centralanzeiger für den Odenwald die beunruhigende Nachricht: „Das Elend unserer Mark - Die deutsche Reichsmark galt dieser Tage in Holland nur noch fünf Pfennige und hat damit einen ungeheuren Tiefstand erreicht“. Das Jahr 1919 hatte nach dem Friedensschluss mit vielen Neuerungen begonnen: „Um den Andrang an den Mittwochs-Zahltagen der Bezirkssparkasse zu vermindern, soll versuchsweise von jetzt ab jeden Montag, Mittwoch und Freitag von 9 bis 3 Uhr durchlaufend die Kasse geöffnet sein“.
„Die in den Bahnhöfen Erbach und König bestehenden sogenannten Fürstenzimmer sollen aufgehoben und die Räume den Verwaltungen zur Verfügung gestellt werden. Es soll auch beantragt werden, daß das Präsentationsrecht der Standesherrn zu Lehrer- und Pfarrerstellen sofort beseitigt wird“. Es wird „auf die Versammlungen der Demokratischen Partei… verwiesen. Namentlich werden die Frauen gebeten zu erscheinen, da Frau Geh. Finanzrat Balser als ausgezeichnete Rednerin bekannt ist“.
„Bei der starken und schnellen Belegung der Ortschaften mit Truppen kommt es dazu, daß Ungeziefer – insbesondere Kleiderläuse – von den Soldaten an die Zivilbevölkerung verschleppt werden. Von der Zivilbevölkerung ist mit allen Mitteln dahin zu streben, eine gegebenenfalls auftretende Verlausung sobald als möglich zu beseitigen, zumal die Gefahr der Verschleppung des Fleckfiebers und anderer durch Läuse übertragbaren Krankheiten durch die Truppen der Ostfront vorliegt. Im Beginn der Verlausung sitzen die Kleiderläuse meist nur in der Leibwäsche, nicht in den Kleidern“. „Das Notgeld des Kreises Erbach, zunächst 1-Mark Scheine, ist in Verkehr gegeben, es folgen 50 Pfg.-Scheine, die am dringendsten benötigt werden. Entworfen und gezeichnet sind die Scheine von unserem heimischen Michelstädter Künstler, Herrn Prof. Albert Hartmann-Darmstadt“. Aus Erbach wird berichtet „Der Kohlenmangel, der jetzt überall so schwer empfunden wird, trifft auch unser Elektrizitätswerk. An Licht und Kraft muß äußerst gespart werden, wenn die Sache nicht noch schlimmer werden soll.“
Ebenso wird mitgeteilt: „In absehbarer Zeit darf und kann keine Kernseife hergestellt werden. Durch den Mangel an Fettstoffen ist die Fabrikation ausgeschlossen, da die Fettstoffe für menschliche Nahrungszwecke in erster Linie in Betracht kommen“. Man greift zurück auf: Chinesisches Schmalz - Ein bedeutender Teil des gegenwärtig vom Ausland eintreffenden Speisefettes besteht in chinesischem Schmalz. Es ist in der Farbe unansehnlich und schmeckt tranig, weil in China die Schweine großenteils mit Fischabfällen gefüttert werden. Nach dem Wortlaut des Brüsseler Lebensmittelabkommens war es nicht möglich, das chinesische Schmalz zurückzuweisen. Übrigens soll es gesund und zum Kochen und Backen wohl verwendbar sein. Als Brotaufstrich sei es zu verwerten, wenn man es zuvor mit Zwiebeln und Kartoffeln umbrate“.
Der Erbacher Gemeinderat hat beschlossen, den „Eulbacher Markt“ in diesem Jahre noch nicht stattfinden zu lassen. In Beerfelden soll der „vor 18 Jahren gegründete große Beerfelder Pferde-, Ziegen- und Zuchtvieh-Markt nach 4jähriger Pause während des Krieges wieder ins Leben gerufen werden“. Eine schlechte Nachricht für die Hausfrauen: „Einmachzucker gibt es diesmal in unserem Kreise leider nicht“.
Seit 17 Jahren erscheinen die von Heidi Banse, Michelstadt, zusammengetragenen Ereignisse aus dem Centralanzeiger im Druck. „Vor hundert Jahren 1919“ wird vom HGV Lützelbach herausgegeben, hat 60 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und ist wieder zum Preis von
5 Euro im örtlichen Buchhandel und bei www.gendi.de erhältlich.

Autor:

Heidi Banse aus Michelstadt

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