Comenius, volle Cafes und kultige Kunstschätze

Weiterstadt/Chalkis (Lör) In der Antike galt das Orakel von Delphi als die Mitte der Welt und Altbundespräsident Theodor Heuss bezeichnete die Athener Akropolis als einen der Hügel, auf denen Europa gebaut wurde. Wohin sonst als zu diesen magischen Orten Griechenlands sollte ein Comenius-Austausch führen!

Lehrerin Katerina Pishina hatte für die Projektwoche in Chalkis ein ebenso arbeits- wie erlebnisreiches Programm organisiert, das die Gäste zu überwältigend schönen Kunstschätzen der Antike führte. Kein Wunder also, dass die Austauschpartner aus der Slowakei, Litauen und Ungarn ebenso beeindruckt waren wie Comenius-Projektleiterin Petra Stiller, Rektorin an der Hessenwaldschule, und ihre Kollegen Eva Papadaki, Renate Schneider und Roland Lörzer. Das Thema des einwöchigen Treffens war ebenso spannungsgeladen wie typisch für Europa: Alles drehte sich um nationale Helden und Nationalfeste.

Chalkis liegt an der Nahtstelle zwischen Peleponnes und Euböa (Evia), der nach Kreta zweitgrößten Insel Griechenlands. Hier wurde 322 vor Christus nicht nur der berühmte Philosoph Aristoteles, Begründer zahlreicher Wissenschaften und Lehrer Alexanders des Großen, zu Grabe getragen. Hier finden sich auch die Festung Karababa, eine Synagoge, eine Moschee, die wunderschöne mittelalterliche Kirche Agia Paraskevi und das Euripos-Phänomen.

Durch die Anziehungskraft von Sonne und Mond entsteht in der acht Kilometer langen und an manchen Stellen nur 40 Meter breiten Meerenge zwischen Attika und Euböa ein Gezeitenwechsel. Deshalb fließt das Meerwasser alle sechs Stunden in die entgegengesetzte Richtung. Ein Phänomen, das schon Aristoteles Rätsel aufgab.

Wenn sich Besucher im Namen der Europäischen Union angesagt haben, gehört in Griechenland ein Empfang im Rathaus einfach dazu. Schon der Saal war ein Ereignis, der Blick auf das Meer nichts Geringeres. Projektkoordinatorin Petra Stiller überreichte ein Gastgeschenk an den Vertreter der Bürgermeisterin.

Nach der Präsentation des griechischen Schulsystems und einem lebensnahen Spiel, an dem auch die sechs Hessenwaldschüler Pia Baumgarten, Melina Wesp, Julia Frey, Lisa Jungblut, Patrick Remmel und Paul Schwuchow begeistert teilnahmen, ging es zur belebten Uferpromenade mit gefüllten Cafes und Restaurants, in denen vornehmlich junge Griechen ihren Lebensstil pflegen.

Auf der Akropolis über den Dächern von Athen suchen die Menschen weniger Geselligkeit und Zerstreuung. Wer hierher kommt, begibt sich direkt in die Wiege der demokratischen und europäischen Kultur. Das hochmoderne Museum gibt mit seinem Glasboden die Sicht zu den Ausgrabungen nach unten frei und lädt durch seine Glasfassade zum Blick auf das aktuelle Athen ein. Es schafft so die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart, von Antike und Moderne.

Auch wenn der Parthenon-Tempel, in dem die Hellenen die Athene verehrten, neu errichtet wurde, verstrahlt er doch die Schönheit, Erhabenheit und Größe der antiken Polis, die Perikles und Phidias nach der Zerstörung Athens durch die Perser ab 448 vor Christus begründeten. Das Erechteion und der Nike-Tempel tun das Ihre dazu.

Bis heute dürfen die Griechen stolz auf die Leistungen ihrer Kultur sein, gefeiert werden aber andere Helden und Entscheidungen - zum Beispiel das Nein der Griechen am 28. Oktober 1940 zum Ultimatum Mussolinis. Der Verbündete Hitlers hatte – ohne Rücksprache mit den Deutschen – die griechische Regierung aufgefordert, italienischen Truppen „freien Durchmarsch“ zu gewähren. Nur Stunden nach der Ablehnung drangen Mussolinis Soldaten von Albanien aus in Griechenland ein, konnten das Land aber nicht erobern. Erst als die Deutschen Anfang April 1941 ihren Balkanfeldzug starteten, besiegten und besetzten die Faschisten das Land. Die Parade in Chalkis und in den anderen griechischen Städten erinnert Jahr für Jahr an das mutige Nein der Regierung im Zweiten Weltkrieg.

Die Verantwortung Deutschlands dafür und für diese grausame Epoche der Weltgeschichte war bei den Präsentationen der Projektarbeit unübersehbar. Alle Austauschpartner waren vom nationalsozialistischen Kriegsterror betroffen. Und auch die deutschen Schüler stellten mit Sophie Scholl, der Weißen Rose und dem Hitler-Attentat Stauffenbergs am 20. Juli 1944 die dunkelste Epoche der deutschen Geschichte ins Zentrum. Im Gegensatz dazu stimmten hoffnungsfrohere Tage wie der 17. Juni 1953, der Prager Frühling 1968 unter Dubcek, das Ende der griechischen Diktatur 1973, der Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober und die Unabhängigkeit Ungarns und Litauens nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sowie der Eintritt dieser Staaten in die Europäische Union zuversichtlich.

Spätestens da wurde klar, dass Europa die Zukunft ist – ein Gedanke, der auf der antiken griechischen Kultur gründet und heute trotz Krise ohne sinnvolle Alternative ist. Wenn alle Staaten die Weisheiten des Orakels von Delphi ernst nehmen, ist der Erfolg Europas unausweichlich. Am Eingang zu dieser Kultstätte lasen die Ratsuchenden einst „Erkenne dich selbst“ und „Nichts im Übermaß“.

Beim Feiern fällt gerade Letzteres häufig schwer. Katerina Pishina und das Kollegium der Schule in Chalkis brachten das Kunststück fertig, trotz fehlender finanzieller Mittel eine ebenso niveauvolle wie ausgelassene Abschlussfeier auf die Beine zu stellen. Sponsoren halfen dabei, Kollegen, Verwandte, Bekannte, die Eltern und die Schüler ebenfalls. Eine munter aufspielende Band sorgte im Zusammenspiel mit griechischer Gastfreundschaft und landestypischen Köstlichkeiten für einen unvergesslichen Abend dieser erkenntnisreichen Comenius-Projektwoche in der Mitte der zurzeit größten europäischen Herausforderung.

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